Pokal im Papamobil

cache/images/article_2460_11198907_1020550700248835_140.jpg

Der Champions-League-Pokal ist am Finalort Berlin angekommen und durch die Stadt getourt. Im Rahmen der Tour wurden Installationen der „Legendären Momente“ aus der Champions-League-Geschichte enthüllt. Die Szenen waren auf der UEFA-Website gewählt worden, die Gestaltung übernahm die Graffiticrew Peachbeach“. Wir haben mit Attila Szamosi von Peachbeach“ über die Tour durch Berlin, Häppchen und umlagerte Promis gesprochen. 

Radoslaw Zak | 29.04.2015

ballesterer: Wie waren deine Eindrücke bei der Pokaltour durch Berlin?
Attila Szamosi: Nach nur drei Stunden Schlaf ging es um acht Uhr morgens los. Die Idee war, den Pokal so nah wie möglich an den Anwohnern vorbei zu transportieren. Es ist sehr abstrus und ein extremes Medienspektakel mit tausenden Journalisten, Sicherheitsbeamten und Fotografen gewesen. Die Straßen sind von der Polizei abgesperrt worden, wir sind in einer Limousinenkolonne zu den fünf Standorten unserer Kunstwerke mit dem Pokal kutschiert worden. Er ist in einer Art „Papamobil“ herumgefahren worden, für mich als Fußballlaien war es sehr übertrieben und ein riesiger organisatorischer Aufwand.

An welchen Orten sind eure Installationen zu sehen?
Am Monbijouplatz wurde von Arne Friedrich die erste Installation enthüllt – das Tor von Ole Gunnar Solskjaer im Finale von 1999. Danach ging es weiter zum Potsdamer Platz, dort steht das Wandbild zu Real Madrids „Decima“, also dem zehnten Champions-League-Sieg. Palina Rojinski hat es enthüllt, wir haben es aber verpasst, aus der Limousine auszusteigen. Wir waren schon längst angekommen, dachten aber, wir stehen im Stau. Im Nachhinein haben wir uns unheimlich geärgert. Das ist die einzige Chance auf einen Plausch mit ihr gewesen, ansonsten war sie ständig von Fotografen und Journalisten umzingelt. Danach ging es zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wo Zinedine Zidanes Treffer gegen Bayer Leverkusen zu bewundern ist. Mit Max Herre und Joy Denalane sind wir dann mit der S-Bahn zum Funkturm und zum Gemälde des Liverpoolers Erfolgs aus dem Jahre 2005 gefahren. Bayern-Fan Sabine Lisicki enthüllte unser Werk zum Finalsieg von Chelsea im Jahr 2012, wir machten alle gemeinsam eine Bootsfahrt auf der Spree. Dort hat es endlich Häppchen und Getränke gegeben, außerdem tauchte Oliver Pocher auf. Er ist anscheinend Lisickis Freund. Der gesamte Tross ist dann mit der U-Bahn zum Fernsehturm gefahren, Gewinner eines Gewinnspiels durften dann die Trophäe dem Rathaus übergeben.
Habt ihr denn mit den anderen Prominenten ein paar Worte wechseln können?
Das war unmöglich bei dem ganzen Trubel, man kam nicht so richtig an sie heran. Nur bei den Enthüllungen sind wir ganz kurz mit ihnen alleine gewesen. Zum Beispiel auch mit dem Typen von 11Freunde. Permanent wollten irgendwelche Leute was von ihnen, sie wurden von RTL zum RBB geschoben und von denen zum ZDF. Wir hatten keinen Bock darauf, mittendrin zu stehen, haben uns nach den Enthüllungen immer hinter die Massen gestellt.

Wie seid ihr zu diesem Auftrag gekommen?

Wir hatten vor einiger Zeit einen Auftrag für die Filmpremiere des letzten Turtles-Films mit Megan Fox, die April O’Neill gespielt hat. Dort haben wir live gemalt, die Leute von einer Agentur, die auf Promotionsevents im Sportbereich spezialisiert ist, haben das zufälligerweise gesehen und uns dann angesprochen. Weil Berlin mit Street Art assoziiert wird, wollten sie die Citytour für den Pokal mit Graffiti verbinden. Wir haben uns mehrmals mit ihnen getroffen, Designs entwickelt und sie ihnen gezeigt. Die empfanden sie aber als zu wild, wir mussten sie an den Massengeschmack anpassen. Irgendwann ist es so weit gewesen, dass unsere Designs abgesegnet wurden, auch von der UEFA.

Wie lief es dann weiter?
Wir haben dann mit Filmrequisitenherstellern kooperiert. Sie bauten die Objekte, die wir in ihrer Werkstatt mit Sprühdosen bemalt haben. Die Installationen sind ungefähr vier Meter breit und zweieinhalb Meter hoch. Es hat etwa eineinhalb Wochen gedauert, bis wir fertig waren. Mittendrin kamen Leute von der UEFA, um zu überprüfen, wie die Sachen ausschauen. Aber sie sind cool gewesen. Bis zum Finale stehen unsere Werke jetzt in der Stadt. Was danach mit ihnen passiert, weiß ich nicht.

War es für dich als Fußballlaie schwierig dich in die Materie einzuarbeiten?
Wir haben uns im Vorfeld die Szenen auf YouTube angeschaut, um überhaupt zu begreifen, was da passiert ist. Ich kannte nämlich keine einzige von ihnen. Im Nachhinein kann ich nachvollziehen, warum sie so unglaublich relevant für die Geschichte der Champions League und für wirklich viele Menschen sind. Gerade dieses Finale mit Bayern München und Manchester United liefert die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen. Das Blatt hat sich auf einmal plötzlich total gewendet. Selbst mich das hat das richtig geflasht. Ich frage mich, wie es für einen Bayern-Fan sein muss, der seine Emotionen über das ganze Spiel aufbaut, dann so etwas hinnehmen muss. Da fällt man doch vom Stuhl.

Die Szene des Finales von 2005 heißt The Comeback.
Teilweise kam ich mir bei den Treffen mit der Agentur etwas doof vor, weil ich von diesen Spielen nie etwas gehört habe und mir Wissen aneignen musste. Mein Kollege Lars wusste zum Glück in den Diskussionen um die Szenen besser Bescheid. Bei der Umsetzung der Szene haben wir collagiert, es mussten ja Jerzy Dudek, Andrej Schewtschenko und die restlichen Spieler abgebildet werden. Die Freude Liverpools und die Enttäuschung Milans sollte außerdem zu sehen sein.

War der Job eine Herausforderung für euch?
Auf jeden Fall. Bei den Werken musste jeder Fußballfan die Spieler auf den ersten Blick erkennen. Wir sind nicht auf realistische Porträts von Menschen spezialisiert, hatten damit wenig Erfahrung. Es war ein wenig Neuland. Unsere Kunst ist ja eher verrückter und cartoonartiger.

Eure Werke sorgen gerade in den sozialen Medien für Furore. Wie fühlt sich das an?
Auf der UEFA-Instagramseite hat ein Bild unserer Installation mehr als 18.000 Likes. Das ist schon unfassbar. So viele haben wir noch nie bekommen.

Hast du durch den Job Lust bekommen, dich mit Fußball auseinanderzusetzen?
Nein, das Interesse ist nicht sonderlich gestiegen, obwohl es ein sehr schöner Auftrag gewesen ist. Wobei das Finale der Champions League würde ich mir schon gerne anschauen und einen draufmachen. Ich habe auf der Tour viele Fans gesehen, für sie war es ein unglaubliches Spektakel. Fast schon Opium fürs Volk

Autor Radoslaw Zak und Attila Szamosi sind seit ihrer Schulzeit befreundet. Bei einem Trip nach London im Jahre 2014 wurde Szamosi zu einem Spiel von Millwall mitgenommen. Es war sein erstes und aktuell letztes besuchtes Match.

ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png