Polzer, Houellebecq und die Kampfzone

cache/images/article_1876_fm_emblog2_140.jpg 1:1 und doch hatte der angebliche Kracher England gegen Frankreich einen Sieger. Nein sogar viele Sieger. Nicht die vielen England-Fans, die in Vorfeld des Turniers dem ersatzgeschwächten Team wenig zutrauten. Sie werden den beiden verlorenen Punkten aus dem Auftaktspiel womöglich noch nachtrauern.
Klaus Federmair | 12.06.2012

Die wahren Sieger sind die Französisch-Lehrer. In der Oberstufe kommen sie an der zeitgenössischen Literatur nicht vorbei, und damit an Michel Houellebecq. Aber wie bringt man einen deutschsprachigen Schüler dazu, ihn auch nur annähernd richtig auszusprechen, anstatt einen gewissen Hollerbach zu zitieren, der bestenfalls den Trainingsplan des VfL Wolfsburg auf seiner Literaturliste stehen hat? Die Antwort kommt vom ORF, der seinem Bildungsauftrag beim Auftaktspiel in Gruppe D eindrucksvoll gerecht wurde.


Oliver Polzer, der charmante Schöngeist unter den Sportreportern, exerzierte es mit spielerischer Leichtigkeit vor. Sobald der Ball in die englische Angriffszone kam, formten Polzers Lippen einen kleinen Kreis, stießen ein sanftes »u« an, wie es dem englischen »w« entspricht, aber auch dem französischen »ou«, selbst dann, wenn ihm ein »h« vorangeht, und entrollten ein phonetisch einwandfreies »Welbeck«, um die aussichtsreiche Positionierung des einzigen englischen Stürmers, Danny Welbecks, zu kommentieren, und zugleich, durch konsequente Betonung auf der letzten Silbe, im Unterbewusstsein der zusehenden angehenden Französischmaturanten den entscheidenden Knopf im Sprachzentrum zu lösen: Welbeck/Houellebecq na klar, so spricht man das aus.


Mindestens ebenso subtil verwies Polzer durch seinen phonotaktischen Geniestreich, auf das spieltaktische Konzept von Frankreichs Trainer Laurent Blanc, indem er implizit Houellebecqs Debütroman ansprach. Blanc hatte offensichtlich das Spiel Spanien gegen Italien genau analysiert und das spanische Problem erkannt, dass das tiqui-taca auf Grund immer enger werdender Räume weitgehend wirkungslos verpuffte. Wie die Spanier gegen Italien brachten es die Franzosen gegen England auf 60 Prozent Ballbesitz, den höchsten Wert aller Teams in der ersten Turnierrunde, kombinierten ihr auf Kontrolle ausgerichtetes Spiel aber mit einer Ausweitung der Kampfzone, wie sie Houellebecq in seinem Roman postuliert hatte. Die Umsetzung dieser Strategie begann hinten, wo die Innenverteidiger Rami und Mexes einander auffallend nahe am eigenen Strafraum die Bälle zuspielten, um das Spiel in die Länge zu ziehen, setzte sich mit einer Forcierung des Mittelfeldspiels an den Flanken fort und gipfelte darin, dass auch außerhalb des gegnerischen Strafraums scharf geschossen wurde. Wo Iniesta und compañeros noch auf engstem Raum kombinierten, drückte Nasri schon ab und erzielte den Ausgleich.


Das Ergebnis der beiden Ballbesitzmeister war mit jeweils 1:1 im Auftaktspiel dennoch dasselbe. Das dürfte nicht nur daran liegen, dass Italien einen stärkeren Gegner abgab als England. Spanien kompensierte seine taktischen Schwächen durch technische Überlegenheit, während Frankreich gegen England erstaunlich viele Fehlpässe produzierte. Einen Hinweis darauf könnte vermutlich die Statistik zu den »angekommenen Pässen« liefern, die momentan in den Weiten des Internets nicht auffindbar ist. Wer sie zuerst postet, dem wird in der EM-Sauna zugeprostet bei einem Gratisbier zur Belohnung.

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