Portugal, du hast mich wieder!

Es gibt mehrere Gründe, warum ich meine alte Liebe für Portugal wieder entdeckt habe. Einer davon: Luis Figo spielt plötzlich Fussball!
Klaus Federmair | 26.06.2006


Früher mochte ich das portugiesische Team. Die Spieler waren zierlich, die Pässe kurz, die technisch hoch stehenden Dribblings ebenso Atem beraubend wie ineffizient. Damit konnte ich mich identifizieren.

Dann kam Luis Figo. Mit dem Superstar wurde Portugal zum offiziellen Geheimtipp aller. Und mit ihm wuchs es nie aus dieser Rolle heraus. Denn so sehr er Jahre lang über den rotgrünen Klee gelobt wurde, so gefährlich war Figo - für Portugal und Umgebung. Verschossene Elfer, verdribbelte Bälle, verwaiste Mittelfeldseiten brachten nicht nur Portugal, sondern auch Real Madrid um einen Sieg nach dem anderen.

Bei der WM 2002 sah sich Portugals Team mit seinem vermeintlichen Zugpferd schon um den Titel mitspielen. Aber die Iberer schafften es, sich gegen Korea im entscheidenden Gruppenspiel mit zwei dummen Ausschlüssen selbst zu bezwingen.

2006 ist mir Portugal wieder ans Herz gewachsen. Dabei hat sich gar nicht so viel verändert. Das Kurzpassspiel lebt nach wie vor, Costinha arbeitet gegen die Niederlande von Beginn an konsequent an seiner Roten und erreicht sein Ziel noch vor dem Pausenpfiff, Deco porovoziert die absurdeste Gelb-Rote sei Langem. Nicht dass mir Ausschlüsse plötzlich sympathisch geworden wären, aber im Vergleich zur gezielten Bearbeitung von C. Ronaldos Oberschenkel durch die orangen Bulldoggen waren die portugiesischen Vergehen geradezu liebenswürdig.

Es gibt noch einen Unterschied zwischen Portugal und Portugal: Luis Figo. Beim Eröffnungsspiel gegen Iran schimpfte ich noch gewohnheitsmässig auf die überschätzte Diva, aber im Lauf der Vorrunde schaffte ich es, über meinen Schatten zu springen und zu realisieren: Ja, Luis Figo hat dazu gelernt! Der von Gott Gesegnete nutzt seine Gaben nicht mehr ausschliesslich um leicht bekleidete Fotomodels und ebenso leicht verführbare Sportreporter zu beeindrucken. Nein, Luis Figo kann tatsächlich Fussball spielen. In einem und für ein Team. Kaum zu glauben!

Wir wollen aber auch nicht vergessen zu erwähnen, wie viel ein gereifter Star wie Luis Figo den Fans verdankt. Fast so viel wie meine neue Portugal-Leidenschaft. Aber dazu ein anderes Mal - wenn es gilt, die Engländer zu trösten.

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

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