Public Football in Nürnberg

Oder: Warum man keine Karten um 750 Pfund kaufen sollte.
Gastautor | 16.06.2006

Dutzende singende und Bier trinkende Engländer in und vor einem Biergarten sind nichts Außergewöhnliches in einer WM-Stadt, in der England spielt. Doch kommt ein Lederball ins Spiel wird die Sache interessanter und artet in Spaß aus. Der Gastgarten vom Gasthof PILL(E)hofer - unmittelbar neben dem Hauptbahnhof gelegen - wurde kurzerhand zum Fußballplatz umgewandelt. Auf anfängliches Kurzpassspiel folgten planlose Tormannausschüsse, Volleyschüsse und Kopfballduelle von Engländern, Deutschen und auch dem anwesenden "Quotenösi" - dem Ballesterer-Autor. Die spannende Frage war: Wohin fliegt der Ball als Nächstes? Das Spielgerät wirbelte durch die Luft und traf Häuserfenster, Dächer, Autos und auch Menschen, die jedoch sofort begeistert mitkickten. Die nähere Umgebung blieb bis auf ein paar umgeschossene Bierbecher schadlos und es herrschte ausgelassene Partystimmung. Nett war, dass sich die Polizei dezent im Hintergrund hielt und auch die anwesende Security den kurzzeitig beschlagnahmten Ball nach wenigen Sekunden, unter tosenden Applaus der anwesenden Supporter, wieder frei gab.



Das offizielle WM-Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" dürfte sich jedoch nicht bis in den Gasthof Pillhofer herumgesprochen haben. Ein halbwarmes Paulaner Bier kostete 2,80 Euro, während der gleiche Gerstensaft an die nichtsahnenden englischsprachigen Fans als "The original Bavarian Beer" angepriesen und um stolze 4,50 Euro verkauft wurde.

Später ging es zum Fanfest: Die Stadt war voll mit Engländern und Trinidad-Fans und an der grotesk wirkenden Fifa-Fan-Botschaft vorbei ging es Richtung Hauptmarkt, wo die Stadt Nürnberg eine "inoffizielle" Fanparty auf die Beine gestellt hatte. Dort befand sich ein riesiger Biergarten und eine Bühne, wo die typischen englischen Fußballhadern aus den Boxen krachten. Ein brennheißer Tag und die Stimmung der Fußballfans verwandelten den Hauptmarkt in einen Hexenkessel. Trotz zahlreicher kühlender Biere, die die ausgetrockneten Kehlen runterflossen gab es keinerlei Aggressionen oder gar handgreifliche Zwischenfälle unter den unterschiedlichen Fangruppen.

Mit der S-Bahn ging es dann Richtung Stadion. Da überraschenderweise die Einladung in die VIP-Räumlichkeiten des Frankenstadions von Franz Beckenbauer ausgeblieben war, wurde das Spiel in der Gaststätte "Bahnhof am Dutzendteich" verfolgt. Der zum Gasthaus umfunktionierte ehemalige Bahnhof befindet sich ca. 1 Kilometer vom Franken-Stadion entfernt und ist die Stammkneipe der Glubbfans vor den Spielen des FC Nürnberg. Ein verzweifelter Engländer probierte dort vergeblich an Karten für das Vorrundenspiel zu kommen, obwohl er bereit war, stolze 750 Pfund dafür zu bezahlen: So nah am Ziel und dann doch wieder nur "live" im Fernsehen.

Den meisten anwesenden Engländern, Trinidadfans und deutschen Fußballfans war das egal. Gemeinsam wurde getrunken und über Fußball geplaudert. "Nice to meet you" statt "10 vs 10" war das Motto der "ewigen" Rivalen. Höhepunkt der Völkerverständigung war der Trikottausch zwischen einem FCN- und einem Hull City- Fan. England besiegte Trinidad glücklich mit 2:0. Man hatte nie das Gefühl ein Livespiel im Stadion "verpasst" zu haben, sondern die gute Stimmung unter den unterschiedlichen Fans ließen einem die alltäglichen Ärgernisse (Sicherheitswahn, Sponsortickets, etc.) schnell vergessen.

Text: Philipp Glanner, Nürnberg
Photo: Thorsten Thiet (No Name Undorf)

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 121

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 18.05.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png