Quotenscheichs und Pechvögel

cache/images/article_1497_deutschlan_140.jpg WM-BLOG Vor 20 Jahren lag ihnen Deutschland nach dem Titelgewinn zu Füßen. Doch den Weltmeistern von 1990 fehlt heute der Glanz. Nur wenigen Akteuren brachte der Triumph von Rom wirklich Glück.
Carsten Germann | 07.07.2010
Im badischen Rust liegt Deutschlands größter Freizeitpark, der Europapark. In diesen Tagen haben sich dort die deutschen Weltmeister von 1990 angekündigt. Zwischen Familienattraktionen wie der Show »Piraten in Batavia« und plätschernden Wildwasserbahnen werden die »Helden von Rom« noch einmal auflaufen. Andreas Brehme wird dann wohl erzählen, wie das war am 8. Juli 1990, als er Argentiniens Keeper Sergio Goycoechea per Elfmeter zum 1:0-Siegtor überwand.

Aber man wird in Rust vermutlich auch darüber sinnieren, warum es nur für die wenigsten für eine große Karriere im Trainerjob gereicht hat. Der damalige Libero Klaus Augenthaler trainiert seit März nach mehrjähriger Pause den Drittligisten Unterhaching. Thomas Häßler war Co-Trainer von Berti Vogts in Nigeria und ist inzwischen beim Nachwuchs des 1. FC Köln gelandet. Stefan Reuter kümmert sich mit seiner Agentur um Stars wie Franziska van Almsick oder Johannes B. Kerner. Thomas Berthold organisiert nach einem missglückten Managerengagement bei Fortuna Düsseldorf heute WM-Reisen nach Südafrika.

Weltmeister-Torhüter Bodo Illgner beendete 2001 seine Karriere bei Real Madrid. Zuletzt sorgte er vor sechs Jahren für Schlagzeilen, als er gemeinsam mit seiner Ehefrau Bianca einen »fiktiven Tatsachenroman« mit dem viel versprechenden Titel »Alles« veröffentlichte. Verteidiger Jürgen Kohler lehnte jüngst einen Job als U23-Trainer von 1860 München ab.

Verlorener Litti, beliebter Lothar

Andere Helden von damals verdingen sich bei der Neuauflage des deutschen »Sommermärchen« in Südafrika als Fernsehexperten. Wenn Jürgen Klinsmann für RTL aus den Stadien berichtet, mag für manchen Fan sogar noch ein wenig Glanz vom WM-Abenteuer 2006 mit »Klinsi« als gefeiertem Bundestrainer durchkommen. Pierre Littbarski hingegen, im April als Trainer des Liechtensteiner Klubs FC Vaduz entlassen, wirkt in der faden ARD-Talkrunde »Waldi`s WM-Club« verloren. Brehme und Guido Buchwald sind beim Pay-TV-Sender SKY zu sehen.

Abenteuerlich muten die Aktivitäten von Lothar Matthäus an, dem Kapitän von 1990: Der »Trainernomade« arbeitet während der WM für den Sender Al Jazeera aus Katar und genießt seine neue Popularität am Golf. »Im Schnitt sehen 80 Millionen Menschen die Spiele und unsere anschließende Talk-Runde«, freut sich Lothar, »es macht riesig Spaß.«

Weltmeisterliche Unterschiede

Trotz Quotenscheich Matthäus den meisten Spielern von 1990 haftet seit dem Ende ihrer aktiven Laufbahn ein Verliererimage an. Vom scheinbar unbegrenzt konservierbaren Glanz der »Helden von Bern« von 1954 sind Matthäus & Co. weit entfernt. Ihnen fehlt die Aura, die auch die Münchner Weltmeister von 1974 umgibt. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß oder Günter Netzer gehören immer noch zu den Meinungsmachern im deutschen Fußball.

Zu den wenigen Lichtgestalten von 1990 zählt Rudi Völler. Der Publikumsliebling führte Deutschland als Teamchef 2002 ins WM-Finale. Der Mann mit dem ewigen Augenzwinkern arbeitet nach einem Kurzausflug als Trainer zur AS Roma seit 2005 wieder als Sportchef bei Bayer Leverkusen. Sein Vertrag läuft noch bis 2012.

Andy Brehme scheint die Gründe für das geringe Interesse an den Weltmeistern in der deutschen Bundesliga zu kennen: »Vielleicht haben einige Vereinsbosse Scheu, uns zu verpflichten, weil sie selbst dann nicht mehr im Rampenlicht stehen«, sagte er zur Bild am Sonntag. Vielleicht auch nicht. Dann sind zumindest die Sprüche der 90er Weltmeister im kollektiven Fangedächtnis geblieben. Frei nach Lothar Matthäus: »Wir sind eine gut integrierte Truppe.«

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