Rache für Frankfurt

cache/images/article_1919_2012-08-09_22.33.02_140.jpg Im Wembley-Stadion holen die US-Frauen vor einer Rekordkulisse die Goldmedaille. Dem US-Team ist damit die Revanche gegen Japan geglückt, das im WM-Finale des Vorjahres Weltmeister wurde. Der ballesterer-Korrespondent war erstmals verspätet im Stadion, Pfiffe bekamen aber die FIFA-Delegierten.
Robert Florencio | 10.08.2012

»Born in the USA« heißt es am Schluss eines packenden Fußballabends, der in die Annalen eingehen wird. Noch nie waren so viele Menschen bei einem Frauenfußballmatch. 80.200 Besucher lassen sich dieses Olympiafinale an einem herrlichen Sommerabend im Nordwesten Londons nicht entgehen. Die schwedische Trainerin des US-Teams Pia Sundhage kann ihre Emotionen nicht verbergen: Wild und ausgelassen wie die jugendliche Besucherin eines Popkonzerts springt sie auf der Tribüne auf und ab, während ihre Spielerinnen in den eigens vorbereiteten T-Shirts mit der Aufschrift »Greatness has been found« die Ehrenrunde laufen. Im Vorfeld der Partie haben die US-Spielerinnen in Anspielung auf das verlorene WM-Finale vor einem Jahr von »Redemption« (Rückzahlung) und »avenge« (Rache üben) gesprochen, in den 90 Minuten lassen sie den Worten Taten folgen. Das Spiel bleibt dennoch im sportlich fairen Rahmen, die in Figur und Spielstil an das einstige HSV-Kopfballungeheuer Horst Hrubesch erinnernde Abby Wambach sieht die einzige Gelbe Karte.

Pech für Japan
Auch ich fühle mich an das WM-Finale des Vorjahres in Frankfurt erinnert, in dem die Japanerinnen im Elfmeterschießen gewinnen konnten. Auch dieses Mal hätten sie ihren Erfolg fast wiederholen können: Die Japanerinnen scheitern jeweils einmal an Stange und Latte, ihnen wird ein Elfmeter vorenthalten und die eingewechselten Mana Iwabuchi scheitert mit einer klaren Torchance an den unglaublichen Reflexen von US-Torfrau Hope Solo. Trotz der Niederlage dürfte die japanische Philosophie des ballbesitzorientierten Spiels also auch künftig für ein attraktives Spiel und Erfolge sorgen, selbst wenn der japanische Frauenfußball durch den Bankrott des wichtigen Frauenfußballsponsors Tepco, der die Atomkatastrophe von Fukushima zu verantworten hat, Probleme bekommen könnte.

Der Besuch der Austragungsstätten ist kein Vergnügen. Ein Nachmittag am Themseufer, der viel zu schnell vergeht, und eine Fehleinschätzung der Zeit, die die überfüllten und überlasteten Verkehrsmittel benötigen, führen dazu, dass es mir erstmals nicht gelingt, rechtzeitig zu Spielbeginn das Stadion zu erreichen. Was natürlich gerade bei diesem historischen Ereignis im Wembley-Stadion eher peinlich ist. Man hat dann zwar alle Ordner für sich alleine, die wiederum ein Einsehen haben und die Kontrolle auf ein Mindestmaß reduzieren. Dafür bleibt keine Zeit, um die beeindruckende Architektur mit dem wunderschönen Bogen näher zu betrachten. Die Rolltreppe führt mich in den zweiten Rang in den Bereich »Club West«, der zwar kein Hospitality-Bereich ist, aber mit den Sesseln mit rotem Lederbezug sehr nobel wirkt.

Pfiffe für die FIFA
Die Fans sind fast gleich verteilt. Auf laute Nippon-Chöre folgen ebensolche mit USA. Zwei Drittel der Zuschauer kommen jedoch aus allen möglichen Ländern, wie mich ein Rundblick und das umgebende Sprachenwirrwarr belehren. Das 1:0 verpasse ich aufgrund meiner Verspätung, dafür werde ich mit einem furiosen Angriffswirbel der Japanerinnen belohnt, der immer wieder von gefährlichen Kontern der Amerikanerinnen unterbrochen wird. Auch nach dem zweiten Tor von Carli Lloyd knapp nach der Pause hat man nie das Gefühl, als wäre die Partie entschieden. Es bleibt bis zum Schluss spannend.


Die Japanerinnen und deren Fans erweisen sich als sehr faire Verlierer, gratulieren neidlos und auch auf der Tribüne bleibt man sehr respekt miteinander. Pfiffe hallen erst durch das weite Oval, als der Stadionsprecher den FIFA-Präsidenten zur Medaillenübergabe ankündigt. Außer dem künftigen FIFA-Exekutivkomiteemitglied Lydia Nsekera aus Burundi ist die FIFA nur mit drei männlichen Exekutivkomiteemitgliedern, die die Blumen überreichen dürfen, vertreten. Während auf dem Spielfeld die Frauen in wenigen Jahren ihren männlichen Kollegen gegenüber in allen Bereichen eindrucksvoll aufgeholt haben, bleibt es im Funktionärswesen offensichtlich bei einem Feigenblatt. Den Siegerinnen ists egal, freudestrahlend drehen sie ihre Ehrenrunde: »Greatness has been found«.

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