Randstad oder Kapstadt?

cache/images/article_1499_niederland_140.jpg WM-BLOG Rund um das Semifinale der Niederlande gegen Uruguay konnte man in Kapstadt eine Zeitreise unternehmen. Nicht nur das omnipräsente Orange der holländischen Fans erinnerte an längst vergangene Zeiten. Die Organisation war hingegen up to date und ließ der WM-Party einen relativ freien Lauf.
Robert Florencio | 11.07.2010
Kapstadt am Tag des möglichen erstmaligen Einzugs der »Elftal« ins Finale einer Fußball-WM seit 32 Jahren unter dem seeligen Ernst Happel. Für den neutralen Beobachter scheint sich die Zeit um einige hundert Jahre zurückgedreht zu haben, als noch die holländische Ostindienhandelskompanie in der Stadt herrschte. Passend zu Straßennamen wie Buitengraacht wehen an jeder Ecke die niederländische Fahnen. Orange Perücken, Brillen und Plastikkronen, die später im Stadion durch die überraschende Präsenz des Kronprinzenpaares noch ihre Berechtigung erhalten sollten, bestimmen das Stadtbild.

Alles scheint für ein großes Fußballfest bereit zu sein: der Himmel ist strahlend blau, der Tafelberg zeigt sich von seiner schönsten Seite und die Einwohner, die überwiegend selbst den altholländischen Dialekt Afrikaans sprechen, in großer Vorfreude. In allen Gesprächen geht es nur um das Spiel am Abend. Die spärlichen Grüppchen uruguayischer Fans erhalten nur von ein paar der recht zahlreich anwesenden Brasilianer Unterstützung.

Die Ordnungskräfte in Kapstadt verfügen nach sechs Spielen schon totale Routine beim Durchschleusen der Menschenmassen von der Innenstadt zum Stadion. Offensichtlich hat auch der Besuch der Koordinationschefin Laurine Platzky bei der EM 2008 in Wien Wirkung gezeigt: im Gegensatz zu Johannesburg, wo die Public Viewing Zonen weit vom Zentrum entfernt sind, hat man es Wien nachgemacht und den Rathausplatz als offizielle Fanzone auserkoren. Von hier aus führt ein drei Kilometer langer Fußweg zum Stadion, auf improvisierten Bühnen heizen Livebands die Stimmung noch zusätzlich an. Je näher man der Spielstätte kommt, desto mehr der auch aus Wien wohlbekannten Holzhütten tauchen auf, in denen »Boerirolls«, Bier und lokal produzierte Kunsthandwerksouvenirs an den Fan gebracht werden. Anders als in Johannesburg gibt es allerdings keine informellen Händler, jeder Standbesitzer musste eine Stange Geld für seinen Verkaufsplatz an die Stadt überweisen.

Das Gedränge auf dem mit Metallgittern eingegrenzten Weg wird immer dichter, erst unmittelbar vor dem Stadion öffnet sich dann eine breite Schleuse wie bei einer Zieleinfahrt im Langlauf, die glücklichen Ticketbestizer werden hier von der Masse der kartenlosen Partyteilnehmer getrennt. Die Wartezeit bis zum Kontrollposten wird durch einen fantatischen Nelson-Mandela-Fan verkürzt, der für den bald 92-jährigen Nationalhelden zur Melodie von »Happy Birthday« unentwegt das verfrühte Geburtstagsständchen »Madiba, how old are you?« anstimmt.

Nach dem eher oberflächlichen Security-Check elektronische Kontrollschleusen gibt es nur bei manchen Eingängen geht es vorbei an den Bühnen der offiziellen Sponsoren, die die Fans gegen Abgabe diverser kleiner Geschenke auf Bühnen zu lächerlichen Präsentationen zwingen. Mein Sitzplatz ist auf dem Level 6, unmittelbar unter dem Dach des Green Point Stadiums. Im Gegensatz zu den Menschenmassen auf der Straße bleiben fast zehn Prozent der Sitze leer, die professionellen Ticketbroker dürften sich verkalkuriert und auf ein Spiel Brasilien gegen England gesetzt haben.

Das Spiel beginnt recht schwungvoll und die niederländischen Fans sehen sich in ihrer Siegesgewissheit schnell bestätigt. Als Giovanni van Bronkhorst mit einem Tausendguldenschuss für die Führung sorgt, gibt es auf den Rängen kein Halten mehr und auch Maxima auf der Ehrentribüne jubelt frenetisch. Bis kurz vor der Pause scheint der »Kaas« frei nach Frenkie Schinkels gegessen zu sein, bis Diego Forlán wie aus dem Nichts der Ausgleich gelingt. Die Partystimmung bei den »Oranjes« ist gebrochen, die wenigen blau-weißen Fans auf der Gegengerade wittern Morgenluft und besingen ihre »Celeste«.

In der Pause versucht mein asiatischer Sitznachbar verzweifelt, seiner Vuvuzela einen Ton zu entlocken. Ich gebe ihm im Chor mit tausend anderen Nachhilfeunterricht und denke an den Senat 3 der heimischen Bundesliga, der dieses mittlerweile zum Kultutensil gewordene Instrument ähnlich wie Pyrotechnik aus allen österreichischen Stadien verbannt hat.

In der zweiten Hälfte ist der Außenseiter aus Südamerika dem Führungstor zunächst näher als die nervös wirkenden Holländer. Erst der glücklich abgefälschte Torschuss von Wesley Sneijder wendet das Blatt, ehe dem bis dato kaum aufgefallenen Arjen Robben das vermeintlich erlösende 3:1 gelingt. Bald danach scheint sich Bert von Marwijk seiner Sache schon zu sicher und wechselt Robben aus, der Anschlusstreffer der »Urus« knapp vor Schluss sorgt jedoch für neuerliche Schweißperlen beim niederländischen Teamchef, nach einer überlangen Nachspielzeit stehen er und seine Mannschaft aber als Teilnehmer des ersten europäischen WM-Finales außerhalb des alten Kontinents fest.

Nach Spielschluss wollen die holländischen Fans ihren Sektor gar nicht mehr verlassen und singen permanent ihre Chants. Erst nach 45 Minuten werden sie von einer Spezialeinheit der Polizei langsam, aber friedlich aus dem Stadion gedrängt. Das letzte Lied aus den Stadionlautsprechern stammt von Bob Marley, die »Oranjes« halten sich trotzdem geschlossen an das im Stadion herrschende Rauchverbot. Am Leidseplein in Amsterdam wird es wohl anders zugehen

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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