»Rapid soll ein Mitgliederverein bleiben«

cache/images/article_2129_grafik_rapid_140.jpg Die »Initiative Rapid 2020« will dem SK Rapid neue Strukturen verpassen. Im ballesterer-Interview sprechen die Fans über Mitgliederrechte und die Gründung einer Aktiengesellschaft. An die Börse soll der Verein nach den schlechten Erfahrungen mit der Rapid-Aktie Anfang der 1990er Jahre aber nicht mehr gehen.

Mitglieder der »Initiative Rapid 2020« diskutieren derzeit in der Reformkommission des SK Rapid über die Umgestaltung des Vereins. Im ersten Teil unserer Interviewreihe sprachen die Mitglieder der Initiative über das geforderte sportliche Leitbild Rapids und die Einführung eines Kennzahlensystems zur Evaluierung der Vereinsarbeit. Im heutigen Teil sprechen sie über ihr Drei-Säulen-Modell zur Neustrukturierung des Verein. (Organigramm siehe unten bzw. hier)

Herzstück eures Konzepts ist die Gründung einer nicht-börsennotierten Aktiengesellschaft. Was spricht dafür?
HERBERT KRETZ: Oberstes Ziel ist die Wiederherstellung des Vertrauens zwischen allen Interessensgruppen beim SK Rapid. Dann das zielgerichtete Arbeiten, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit, und das alles sollte auch noch leistbar sein. Die Kapitalgesellschaft wäre kein Selbstzweck, sie muss sich an gewissen Zielen orientieren. Bei der Analyse sind wir zum Entschluss gekommen, dass wir zum Einen eine Demokratisierung, zum Anderen eine Professionalisierung wollen. Wenn man das innerhalb einer juristischen Person abbildet, besteht ein Zielkonflikt, weil die Entscheidungsträger zwar demokratisch sind, aber andere Ziele als langfristige Entscheidungen zu treffen haben. Wenn man das jetzt alles im Verein abbildet, hätten wir nicht nachhaltig sichergestellt, dass es diese Gewaltentrennung gibt. Wenn wir eine Kapitalgesellschaft gründen, lässt sie sich in ihrer Eigenschaft als Publikumsgesellschaft ganz gut in die bestehende Struktur einbetten. Damit haben wir sichergestellt, dass wir einen unabhängigen Vorstand in der AG platzieren können, der vom Aufsichtsrat bestellt werden sollte. Im Verein haben wir dann eine repräsentative Funktion, eine Kontrollfunktion und das erweiterte Netzwerk, das den Vorstand unterstützen kann. Nur durch die AG wird sichergestellt, dass der Vorstand weisungsunabhängig agieren kann.
MANFRED HOFMANN: Was in der Ausgliederung der AG noch wichtig ist, dass wir die operative Leitung dort konzentriert hätten. Momentan ist im Verein die Ausgabenseite, sprich der Sport, von der Einnahmenseite, sprich der Wirtschaft, entkoppelt. Da gibt es keinen direkten Link, außer dem ehrenamtlichen Präsidenten. Die Ziele zwischen Ausgaben- und Einnahmenseite sind aktuell nicht im Einklang. Es wird von der sportlichen Seite immer dies und jenes gefordert. Entscheidungen, die das Tagesgeschäft betreffen, sollten nicht mehr von einem ehrenamtlichen Präsidenten getroffen werden. Im Präsidium sollen strategische Entscheidungen fallen und die generelle Ausrichtung vorgegeben werden, aber nicht mehr ins Tagesgeschäft eingegriffen werden.

Wenn ich Vereinsmitglied bin, habe ich bisher formal gewisse Rechte. Warum soll ich die für eine andere Struktur abtreten?
HOFMANN: Rapid soll ein Mitgliederverein bleiben und durch den Demokratisierungsprozess sogar noch mehr Mitgliederverein werden. Zusätzlich entstehen durch die Ausgliederung des operativen Geschäfts neue Möglichkeiten und neue Rechte. Vor allem ist die Informationspflicht einer AG wesentlich größer als die eines Vereins. Als Mitglied bekommt man so wesentlich mehr Informationen als vorher. Das ist über das AG-Gesetz geregelt, da gibt es keinen Ermessensspielraum mehr, welche Informationen weitergegeben werden. Es wird einen erweiterten Jahresabschluss geben, der die wirtschaftliche Situation sehr detailliert beschreiben wird. Das ist auch der Grund, warum wir eine GmbH als operativen Leitbetrieb ablehnen. Dort könnte man einen freiwilligen Aufsichtsrat installieren, aber wenn man es wirklich möchte, kann man noch mehr Informationen vor den Mitgliedern verstecken. Deshalb ist die AG für uns das beste Hilfsmittel, um transparent zu werden, was ja jetzt schon der Anspruch von Rapid ist. Es wird ja propagiert, dass wir ein gläserner Verein sein wollen. Mit der AG hätten wir die Möglichkeit, wirklich in diese Richtung gehen.

Wer sind die Vorbilder? Im Konzept werden Sturm und die Austria erwähnt, funktioniert es dort dank dieser Struktur so viel besser?
KRETZ: Die Struktur ist kein Selbstzweck und auch kein Garant für Erfolg. Aber wenn man sich die aktuelle Lage der Austria ansieht, muss man sagen, dass sie trotz Stronachs Ausstieg sportlich aufgestiegen ist. Sie sind jetzt für den Moment sicher ein wenig voraus. Der Vergleich hinkt aber trotzdem.

Der Vergleich zum FC Bayern, der im Konzept ebenfalls angesprochen wird, hinkt vermutlich ebenfalls. Dort sind strategische Partner eingestiegen. Ihr habt einen ähnlichen Plan.
KRETZ: Es gäbe die Möglichkeit, strategische Partner zu installieren. Das hätte einen Vorteil, um die Struktur der AG zu festigen. Sobald sich ein strategischer Partner beteiligt, ist der Schritt zurück noch einmal schwerer. Im ersten Schritt werden strategische Partner aber keine Rolle spielen. Es kann aber durchaus sinnvoll sein, wenn man die Eigenkapitalbasis verbessern will, strategische Partner einzubinden.

Beim FC Bayern sind Audi und adidas mit jeweils neun Prozent beteiligt. Gibt es Unternehmen, die nur darauf warten bei Rapid einzusteigen?
STEFAN SINGER: Sponsor steht sicherlich keiner vor der Tür. Es ist aber denkbar, dass jemand, der ins Stadion investiert oder sich für die Namensrechte des Stadions interessiert, zu einem strategischen Partner werden könnte.
HOFMANN: Eine Firma wie adidas wäre ein Unternehmen, das Potenzial für einen Einstieg hätte. Die strategische Partnerschaft hat ja einen Riesenvorteil: Ein strategischer Partner ist ja gleichzeitig ein Sponsor, der ein Investment macht. Durch die strategische Partnerschaft zieht er einen doppelten Nutzen daraus. Die strategische Partnerschaft funktioniert so: Er investiert in den Verein und steigert damit das Potenzial des Vereins, der ihm Werbeleistung erbringt. Auch adidas und Audi machen das nicht als Selbstzweck oder aus Freundschaft zu Uli Hoeneß. Der Betrag, der über strategische Partnerschaften eingenommen wird, geht in Infrastruktur oder grundsätzliche Investitionen. Er ist nicht für den Spielbetrieb gedacht, sondern zur Stärkung der Marke und damit des Werbewerts des Sponsorings.

Um das AG-Kapitel abzuschließen: Der Aufsichtsrat soll vom Präsidium bestimmt werden. Das Präsidium ist dem Verein gegenüber rechenschaftspflichtig, und Kontrolle passiert über die Beteiligung der Mitglieder an der AG?
KRETZ: Im Wesentlichen ist der Aufsichtsrat das Präsidium, das von den Mitgliedern gewählt wird. Der Aufsichtsrat stellt damit das Bindeglied von Verein zu AG dar.
HOFMANN: Die Hauptversammlung der AG sollte dann auch vor den Mitgliedern abgehalten werden.

Kommen wir zur nächsten neuen Säule: der Stiftung. Dort sollen einige Kulturgüter hinterlegt werden, also Name, Wappen und Vereinsfarben. Gleichzeitig sollen durch die Stiftung kleinere Geldbeträge zusammenkommen. Wirkliche Cashcow wird sie aber nicht.
KRETZ: Die Idee war, außerhalb von Verein und AG eine zusätzliche juristische Person zu installieren, die abseits vom Budgetbetrieb nachhaltig Kapital aufbauen kann. Wenn jemand zum Beispiel ein großes Erbe zu vergeben hat und es Rapid spenden möchte, muss er das nicht unbedingt in den Schlund Profigeschäft werfen. Uns schwebt eine unabhängige Stiftung vor, die über die Zweckwidmung Nachhaltigkeit garantiert. In einem ersten Schritt müsste das Kapital der Stiftung anwachsen. Erst wenn ein gewisser Betrag, zehn bis 15 Millionen Euro, erreicht ist, kann man überlegen, was dabei herauskommt. Dann sollte das Geld für Nachwuchs und Infrastruktur verwendet werden. Die Idee des Markenschutzes kam dann in weiterer Folge auf. Wenn die Markenrechte in einer Stiftung hinterlegt sind, sind sie unangreifbar. Ganz egal, wer von außen kommt oder was mit Rapid passiert, ob Insolvenz oder Übernahme, die Marke liegt zweckgewidmet in der Stiftung und kann nicht mehr berührt werden. Wir geben zu, dass das eine romantische Idee ist.

Wer soll die Stiftung beschicken?
SINGER: Zuerst wird das der Verein selbst entscheiden, danach wird sich die Stiftung aus sich selbst erneuern. Der Alfred Nobel lebt auch nicht mehr, er kann seine Stiftung also nicht mehr beschicken, sie erneuert sich aus sich selbst. Es ist aber daher unbedingt notwendig, bei der Stiftungsurkunde sehr firm zu sein. Sie muss so formuliert werden, dass für die Zukunft der Stiftungszweck verwirklicht werden muss.

Wenn es um ganz banale Dinge geht: Rapid kriegt ein neues Dress. Wer entscheidet, wie das aussieht? Ist das der Verein, die AG, die Stiftung oder adidas?
SINGER: Da wird sich nicht viel ändern. Adidas wird ein Angebot an verschiedenen Designs vorlegen und der »Vorstand Marketing und Vertrieb« der AG wird darüber entscheiden.
KRETZ: Dazu kommt, dass der Ethikrat ein Vetorecht haben wird.
DOMENICO JACONO: Der Vorstand wird vorauswählen und der Ethikrat kann sagen: »Nein, in Violett-Grün spielen wir nicht.« Unsere Idee wäre auch, dass der Verein Lizenzgebühren für die Markenrechte zahlt, um das Stiftungsvermögen zu erhöhen. Die AG könnte also eine Promille ihres Umsatzes für die Benutzung des Wappens zahlen.
KRETZ: Die Idee ist beim Verein aber nicht sehr populär.
SINGER: Im österreichischen Fußball stößt jegliche Intention auch nur Cent-Beträge aus dem Budget der Kampfmannschaft abzuziehen auf massiven Widerstand. Uns geht es aber nicht um den einzelnen Spieler der Kampfmannschaft, sondern um den SK Rapid und die Idee dahinter. Wir müssen uns davon verabschieden immer den Gehaltswünschen der Spieler hinterherzuhecheln.

Da stehen bereits heute vor allem junge Spieler unter Vetrag. Die werden üblicherweise mit sehr günstigen Jungprofiverträgen ausgestattet. Ist der Anteil der Spielergehälter am Budget nicht bereits jetzt relativ gering?
KRETZ: Wenn ich mir nur die KSV-Zahlen der letzten fünf Jahre ansehe, hat Rapid am Personalsektor immer die zweithöchsten Ausgaben der Bundesliga. Ende der Debatte. Wir waren immer an zweiter Stelle, unabhängig vom Tabellenplatz. Also, ob es Jungprofiverträge sind oder nicht, scheinbar fließt bei Spielern irgendwohin sehr viel Geld.
MARIO HUSLICH: Ein ganz wesentlicher Faktor ist das Verhältnis von eingesetztem Kapital zur Punkteausbeute. Das ist die wesentliche Kennzahl für einen Fußballverein. Es ist uns bewusst, dass jeder Punkt teurer ist, als der davor. Deshalb kann man nicht erwarten, mit dem doppelten Budget die doppelte Punkteausbeute zu holen, nur, und das ist eine zentrale Komponente, es kann nicht sein, dass wir ständig von Vereinen geschlagen werden, die viel weniger Kapital einsetzen und gleich viele Punkte machen.
KRETZ: Es geht im Wesentlichen um Kapitaleffizienz. In den letzten Jahren war der Fokus darauf gerichtet, mehr Geld zu erwirtschaften, um besser zu werden, wir sind aber der Meinung, dass man die Kapitaleffizienz nachhaltig steigern muss. Dass Rapid so kapitalineffizient agiert, ist jetzt keine bösartige Unterstellung. Es ist das Ergebnis aus kurzfristigem Denken.

Einer eurer Reformvorschläge sieht vor, dass es ein Wahlkomitee bestehend aus sechs Leuten geben soll. Wie setzt sich das genau zusammen?
KRETZ: Da können wir über das Konzept schon hinausgehen: Es gibt in der Reformkommission eine Einigung bezüglich des Wahlkomitees. Das soll paritätisch besetzt werden.
SINGER: Das ist etwas was die Mitglieder sehr interessiert, also ein Kernthema dieser Revolution, die im Hintergrund stattfindet.

Dann bleiben wir doch bei den Mitgliedern. In anderen Vereinen wie Wacker Innsbruck haben alle Mitglieder die Rechte, die ihr dem Wahlkomitee zugestehen wollt. Dort gibt es ein allgemeines Hearing der Kandidaten und zehn Tage später die Abstimmung. Warum habt ihr euch gegen ein solches Modell entschieden?
SINGER: Wir wollen keine völlig freie Wahl, sondern ein demokratisiertes Wahlkomitee, weil wir mit dieser Tradition meist gut gefahren sind. Ein wichtiger Grund war zudem, die Kandidatenliste nach wie vor in einem repräsentativen, aber kleineren Kreis festzulegen. Wir sind der Verein, der am stärksten in der Öffentlichkeit steht. Von allfälligen Diskussionen, die sich aus der Kandidatur mehrerer Listen auch auf medialer Ebene entspinnen könnten, könnten wir uns so schon im Vorfeld befreien.

Aber gleichzeitig auch von Mitgliederrechten?
JACONO: Nein, das soll helfen, einem sich mit Geld aufdrängenden Präsidentschaftskandidaten den Riegel vorzuschieben. Dazu gibt es zwei Mittel, das eine ist: Er muss eine Wahlliste nominieren, er kann also nicht alleine Präsident werden und sich nachher seine Leute dazuholen. Das zweite Mittel ist das Wahlkomitee, das verhindert, dass jemand auf der Mitgliederversammlung auftaucht und sagt: »Ihr kriegt 25 Millionen Euro dieses Jahr, ich will Präsident werden.« und damit einen Erdrutsch auslöst.

Angenommen der Vorstand agiert autokratisch, kann ich als Mitglied aber erst relativ spät, also erst wenn ich die qualifizierte Mehrheit habe, eingreifen.
SINGER: Das stimmt so nicht. Du kannst jederzeit mit einer qualifizierten Minderheit eine außerordentliche Hauptversammlung erzwingen. Du kannst einen Misstrauensantrag stellen.
KRETZ: Das geht aber alles heute auch schon. Das ist jetzt nur zum ersten Mal die Möglichkeit gezogen worden. Das Vereinsgesetz kannst du nicht umschreiben. Du kannst die Strukturen ändern. Das Minderheitsrecht hast du immer.
HUSLICH: Bei einer AG-Form wäre eine jährliche Hauptversammlung zwingend notwendig, weil das die Rechtsform vorschreibt. Es gibt nicht mehr alle drei Jahre eine Generalversammlung, sondern es gibt jährlich eine Aktionärsversammlung, also auch eine Mitgliederversammlung.
HOFMANN: Die Mitgliederrechte werden durch unseren Vorschlag nicht beeinträchtigt, letztendlich ist genau das Gegenteil der Fall. Die Mitglieder werden so wie in Innsbruck das Hearing mit Präsentation der Konzepte hören - und dadurch ist von vornherein mehr Einblick gegeben. Und das Wahlkomitee hat auch einen Riesenvorteil: Es ist anders zusammengesetzt als in der Vergangenheit, wo das bestehende Präsidium das Nachfolgepräsidium vorgeschlagen hat. In Zukunft soll eine Anzahl von Mitgliedern schon in das Wahlkomitee kommen und dadurch schon wesentlich mehr Mitspracherechte haben. Es soll auch möglich sein, konkurrierende Kandidatenlisten zu haben.
KRETZ: Es muss eine einheitliche Entscheidung geben. Das Wahlkomitee ist wichtig als Organ, um Stabilität zu garantieren. Sonst haben wir in erfolgreichen Zeiten ein ziemliches Tohuwabohu. Wichtig ist aber, dass das Wahlkomitee demokratisiert wird. Dass einfache Mitglieder, die in keinem Gremium sitzen, einen Zugang zu diesem Gremium haben und entscheidungsfindend einwirken können.
HOFMANN: Man kann es einfach zusammenfassen: Es kann keine Kandidatenliste mehr ohne die Zustimmung der einfachen Mitglieder geben.

Der erste Teil des Interviews über das sportliche Leitbild Rapids ist hier nachzulesen, der dritte Teil hier. Darin haben wir die »Initiative Rapid 2020« zu ihren Stadionplänen befragt: Sie erklärt, warum ein neues Stadion wohl nicht mehr Hanappi-Stadion heißen sollte und bald VIPs aus ganz Wien anziehen könnte. 

 

grafik_rapid.jpg

Referenzen:

Verein: SK Rapid
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png