Red Hot Chile Peppers

cache/images/article_1476_chile_140.jpg WM-BLOG Auch wenn das Spiel verloren ging: Das Team aus Chile hat Spanien im letzten Match der Gruppe H teilweise die Luft geraubt. Die Protagonisten spielen zum Teil in der nationalen Liga und behielten gegen Österreichs U20 vor drei Jahren nur knapp die Oberhand. Didi Constantini schaut trotzdem lieber nach Nordkorea.
Thomas Zsifkovits | 27.06.2010
Eigentlich hätte der Auswahl von Marcelo Bielsa ein Remis gegen Spanien zum lockeren Gruppensieg gereicht. Doch diese Mannschaft konnte nicht anders: Von Anpfiff an spielten die Chilenen ihr schnelles Flügelspiel, technisch versiert, mit kurzen kreativen Pässen. Die frühe Ballrückeroberung hatte oberste Priorität. »El Loco« (den Verrückten) nennen sie ihren argentinischen Trainer, Marcelo Bielsa. Dessen Wahnsinn hat sich scheinbar auf die Mannschaft übertragen. Von aggressivem Pressing zu sprechen, ist purer Euphemismus. »Sie rauben ihnen die Luft zum Atmen«, sagte der ZDF-Reporter. Ich konnte nur fassungslos nicken.

Großer Kampf bis zum Stillhalteabkommen

Das was diese elf Chilenen am Platz gegen die vermutlich beste Mannschaft der Welt boten, war einer der berührendsten Fußballspiele seit langem. Es erinnerte an Brasilien gegen Frankreich 1986. Damals zerbrach am Ende mein Herz, am Freitag zum Glück nicht. Natürlich waren die Chilenen schwer übermotiviert und kassierten früh Gelbe Karten. Bielsa hätte reagieren müssen und Marco Estrada, der nur durch Glück Gelb-Rot entging, vom Feld nehmen müssen. In der 37. Minuten fing sich Chile dann nicht nur das 0:2, sondern verlor auch noch Estrada nach einer Kompensationsentscheidung des Schiedsrichters.

Doch auch zu zehnt gaben sich die Chilenen nie auf und boten dem großen Spanien bis zum Stillhalteabkommen ab der 75. Minute die Stirn. Selbst dann hatte man das Gefühl, dass den Europameistern das Abstellen mindestens genau so recht kam wie ihrem dezimierten Gegner. Das Spiel der Chilenen hatte sie verunsichert.

No-Names und junge Bekannte

Doch wer spielt in dieser chilenischen Mannschaft und wie man zu diesem Aufruhr überhaupt fähig? Sieben Spieler kicken noch in der einheimischen Liga. Ist der südamerikanische Klubfußball schon durch den Exodus nach Europa geschwächt, nimmt der chilenische noch eine Außenseiterstellung am Kontinent ein. Am Freitag spielten vier der sieben Kicker und fünf, die 2007 im Kleinen Finale der U20-WM in Kanada die Altersgenossen aus Österreich 1:0 besiegt hatten.
 
Star der Mannschaft ist Humberto Suazo, der sein Geld bei Real Saragossa verdient und mit zehn Toren Chiles Toptorjäger in der Qualifikation war. Er wurde gegen Spanien nicht aufgeboten, weil ihn eine Verletzung plagt. Die Jungstars, die auch beim U20-WM-Turnier für Aufsehen sorgten, heißen Alexis Sánchez, Mauricio Isla (beide Udinese), Arturo Vidal (Levekursen) Gary Medel (Boca Juniors), Carlos Carmona (Reggina). Sie sind zwar mittlerweile meist Stammspieler in Europa, allerdings keinesfalls mit herausragenden Leistungen. Immerhin sagte Diego Maradona vor kurzem über Gary Medel, dass dieser, wenn er Argentinier wäre, in seinem Kader einen Fixplatz hätte. Nach den bisher gezeigten Leistungen verständlich. Medel ist ein spielerisch starker Defensivmann, der in der Lage ist, eine intelligente Spieleröffnung von hinten heraus zu starten.

Keine Angst vor der »Selecao«

Marcelo Bielsa war 2002 mit Argentinien in der Vorrunde gescheitert, Schimpf und Schande hatten seine Spieler und nicht er selbst geerntet. »El Loco« durfte Argentinien zwei Jahre später noch zu olympischem Gold führen. In Chile ist er mittlerweile ein Heiliger. Sein 3-3-3-1-System, das die Spieler perfekt auch in Variationen interpretieren, brachte Spanien zur Verzweiflung. Eventuelle Unzulänglichkeiten wurden durch unglaublichen Kampfgeist kompensiert. Das 15. Auftreten einer südamerikanischen Mannschaft bei dieser WM bedeutete deren erste Niederlage. Trotzdem meinte Torschütze Rodrigo Millarnach nach dem Spiel: »Wir haben noch nichts erreicht, daher gibt es nicht zu feiern. Jetzt kommt Brasilien. Wir können das gewinnen.«

Freilich hat die Mannschaft auch ihre Makel. Als Torhüter Claudio Bravo vor dem 0:1 völlig übermotiviert 35 Meter aus dem Tor kam und David Villa das erste Tor ermöglichte, tauchte die Frage auf, was aus Christopher Toselli wurde. Der junge Mann war mir als bester Keeper des U20-Turnier von 2007 in Erinnerung geblieben. Die Recherche ergab, dass er als Ersatztorhüter bei Universidad Católica in der chilenischen Liga sein Dasein fristet. Auch chilenische Talente können also versanden.

Zugleich erinnerte ich mich an die Worte von ÖFB-Teamchef Dietmar Constantini und seinen Vergleich mit Nordkorea. Null Punkte und 1:12 Tore soll Österreich kopieren? Chile hat rund 17 Millionen Einwohner. Ein verheerendes Erdbeben im Februar dieses Jahres hat die Vorbereitung auf die WM sicherlich nicht einfacher gemacht. Dennoch sorgt »La Roja« in Südafrika für Furore. Eventuell sollte man analysieren, was die Chilenen auf den Erfolgsweg gebracht hat und sich ein Beispiel nehmen.

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Rubrik: Aktuell, WM-Blog
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