Rekordmoral

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Der größte Datensatz, der reichste Sportler, der tiefste Fall des Fußballs – ohne Superlative kommen die „Football Leaks“ nicht aus. Dabei wären die Geschichten über Steuerflucht im Fußball mit weniger moralischer Verurteilung noch interessanter. 

Nicole Selmer | 06.12.2016

Am Freitagabend kündigte das Recherchenetzwerk European Investigative Collaboration, zu dem unter anderem der Falter gehört, unter dem Label „Football Leaks“ ihre Berichterstattung zu den Steuerfluchtmodellen von Fußballprofis, Spielerberatern und Vereinen an. Neben Retweets und freundlichen „Bin gespannt“-Reaktionen folgte in den sozialen Netzwerken auch schnell Kritik: Reiche, die jede Möglichkeit nutzen, noch reicher zu werden, moralisch abgewirtschaftete Stars, ein schmutziges Geschäft, aber innerhalb der Grenzen des Erlaubten – wo da denn bitte der Neuigkeitswert und die Sensation seien? In der Tat, eine Überraschung ist es nicht, dass Ronaldo, Jose Mourinho, Mesut Özil und viele andere Steuermodelle am Rande der Legalität nutzen und dabei von ihren Klubs und Sponsoren unterstützt werden. Aber haben wir Joseph Blatter etwa bis vor Kurzem für einen ehrenwerten Mann gehalten, die FIFA für eine gemeinnützige Einrichtung und die Vergabe von Weltmeisterschaften für eine demokratische Wahl? Guter Journalismus zeichnet sich nicht dadurch aus, dass er überrascht, er darf auch Bekanntes oder Erahntes belegen und im Detail aufdecken. Das tun die bislang veröffentlichten Artikel, die auf der Datensammlung der Enthüllungsplattform „Football Leaks“ basieren, und einiges davon überrascht zudem auch noch wie etwa Ronaldos doppelte Autowerbung und die Einzelheiten der Bildrechtevermarktung.

So wichtig die Artikel sind, so ärgerlich ist die Begleitmusik, mit der sie in Deutschland vom Magazin Der Spiegel, der die Dokumente als Erster erhielt, unterlegt werden. Denn um zu den interessanten Details zu gelangen, muss man sich in der am Samstag erschienenen Ausgabe durch viel zu viel Selbststilisierung und Moral hindurchkämpfen. Die kleinen Maßstäbe sind in der Hafencity in Hamburg offenbar ausgegangen: das größte Leak, der größte Datensatz, 1,9 Terabyte, 18,6 Millionen Dokumente, so viel wie 500.000 Bibeln – wäre die Vergleichsgröße Fußballfeld unpassend gewesen? Doch nicht nur mit diesen Zahlen, die für sich genommen wenig aussagen, werden die „Football Leaks“-Storys aufgebauscht, sondern auch indem der Fußball selbst zunächst verklärt wird. „Die Lüge vom romantischen Fußball“, so der Untertitel des Leitartikels von Spiegel-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer. „Die Welt des Fußballs erstrahlt nun nicht mehr“, schreibt er. Das System sei zerstört, das Spiel krank und so weiter. Diese suggerierte Fallhöhe ist jedoch eine Täuschung. Sie vermittelt den Eindruck, Fans und Fernsehzuschauer hätten bis Freitagabend an einen sauberen und ehrlichen Sport geglaubt und würden nun endlich erfahren, dass sie getäuscht wurden und der Fußball in Wahrheit ein schmutziges und verlogenes Geschäft ist.

Die moralischen Verurteilungen, die auf diese Prämisse aufbauen, laufen ins Leere, die Aufzählungen der Einnahmen und Reichtümer der Fußballstars in eine falsche Richtung. Sicher kann man wie Jürgen Dahlkamp fordern, Ronaldo dürfe auf keinen Fall Weltfußballer des Jahres werden, sondern gehöre für sein Verhalten von der „Fußballgemeinschaft“ bestraft. Doch dann wird es vielleicht Lionel Messi. Der ist bereits wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Einzelne Spieler und Trainer an den Pranger zu stellen, sie dafür anzuklagen, jeden Euro mitzunehmen, der sich aus den Lücken des Systems pressen lässt, das mag für die Auflage hilfreich sein. Aber es lenkt eine Entrüstung auf Einzelne statt Mängel in eben dem System festzustellen, das sie zu diesen Handlungen angeleitet hat. 

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