Reloading, please!

cache/images/article_964_samo_140.jpg Knapp eine Woche also nur noch. Zeit für Rück- und Ausblicke: Mir ist das alles viel zu schnell vergangen. Am liebsten würde ich die Weltwiederholungsmaschine auf Fußball einstellen und von vorne beginnen.
Samo Kobenter | 23.06.2008
Dann wäre z.B. Aufhauser nicht so blöd in den Kroaten gelaufen, der Schiri hätte keinen Elfer gegen uns gepfiffen, wir hätten sie im Griff gehabt und den ersten wichtigen Punkt gemacht. Gegen Polen hätte Harnik zweimal, Leitgeb einmal getroffen, wir hätten vier Punkte und wären mit einem 1:1 gegen Deutschland, mit dem die noch gut bedient gewesen wären, weiter.

Gegen Portugal hätten wir nach einem packenden 2:2 n.V. das Elferschießen knapp gewonnen, Ronaldo, der Nervenkaspar, hätte den entscheidenden Elfer an die Latte geknallt. Ich würde mich entspannt zurücklehnen, die Deutschen auch, weil sie schon am Ballermann wären (mit vier Punkten, haha), die Kroaten hätten die Türken im Halbfinale gebogen, und wir würden uns auf die Halbfinal-Revanche gegen Kroatien freuen.

In meiner Weltwiederholungsmaschine hätte Adrian Mutu, der weinende Totenvogel von Calinesti, Buffon beim Elfer nach rechts verladen und nach links geschossen, da hätte dem Schmalzigen die Trapezeinlage nichts genützt, mit der er seinen Schuss herausgezaubert hat, und Italien läge längst wieder, wie es sich geografisch gehört, am Fuße des Apennin und nicht jedem halbwegs bei Sinnen befindlichen Feinspitz schwer im Magen.

Überhaupt, die Rumänen: Da hat sich eine Mannschaft verfrüht verabschiedet, die den abgefeimtesten Fußball aller spielte und dennoch außer Stande war, Frankreichs Schwäche zu nutzen und Italiens Bettelei nach dem alles entscheidenden zweiten Goal zu erhören. Und wenns stimmt, was die Süddeutsche über den rumänischen Vereinsfußball schreibt, wenns also stimmt, dass dort Zustände herrschen, die wegen gefährlichen Spiels selbst die Mafia abschrecken, wenns stimmt, dass sich einige Verbrecher den Betrieb aufteilen und im Bedarfsfall, wenn ein Kicker nicht trifft, diesem die Kniescheibenmechaniker vorbeischicken, dann wünsche ich mir Mutu so endgültig in Florenz angekommen und verwurzelt, dass ihn die Wahnsinnigen nicht erreichen, die ein Bein für einen verschossenen Elfer kassieren.  

So aber ist es, wie es ist, auch hier wiederholt sich die Geschichte eben nicht, weder als Farce noch als Drama. Rumänien ist daheim, Frankreich völlig zerstört, dafür aber kehrt aus dem Osten die Hoffnung zurück in Gestalt einer russischen Mannschaft, die durch das Turnier tanzt. So schnell, so präzise, so kaltblütig aus heißestem Herzen heraus spielt die Sbornaja eigentlich nur Eishockey. Jetzt haben sie das Prinzip in den Fußball herüber gehoben.

Und bei allem Respekt vor der eindrucksvollen physischen und technischen Grundausstattung der russischen Kicker: Da kann man dem Gospodin Hidink schon ein herzliches »Spassiwa!« zurufen für die taktische und strategische Aufrüstung, die er seiner Mannschaft verpasst hat. Wie die Russen die eigentlichen Erfinder ihres Spiels, die Niederländer, aus dem Turnier genommen haben, wie sie das System der Orangen entschlüsselt und ungeniert adaptiert haben, um den Gegner mit dessen ureigensten Mitteln vorzuführen, war eine der gewaltigsten Leistungen der letzten Jahre. Spanien darf sich auf einiges gefasst machen.

Draußen marschieren die Spanier unter dumpfen Trommelwirbeln in Richtung Battleground, es ist der bisher heißeste Sonntag dieses Jahres, und die Frage stellt sich zumindest  mir nicht mehr, ob ich fantechnisch das blaue oder rot-gelbe Trikot überstreifen soll. Ich habe mich schon bei der WM in Deutschland entschlossen, jahrelang genug mit dem italienischen Kick gelitten zu haben und dabei zu alt geworden zu sein, um mich weiter verarschen zu lassen. Sie haben es nicht kapiert, sie haben es nicht mehr drauf: »Non mi rompi le scattole piu«, hab ich in Gedanken zu Roberto Donadoni gesagt und dabei naturgemäß Silvio Berlusconi gemeint. Klar, ungerecht die Argumentation, aber mir wurscht. Das ist ein abgehalfterter, auftoupierter, braungetönter Berlusconikick, den die da spielen, unerträglich selbstmitleidig noch dazu, hab ich dann zu mir gesagt, als letzte Begründung quasi, um das Lager zu wechseln.

Der Verrat muss schließlich in erster Linie dem Verräter plausibel sein, sonst kann er es gleich bleiben lassen. Ich hab mich jedenfalls überzeugen lassen und Italien leichten Herzens verlassen. Jetzt ist mir jeder Europameister recht und lieb und wert. Nur nicht Deutschland oder die Türkei, bitte!

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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