Barocke Funktionsmusik

cache/images/article_2049_champions_league_140.jpg Nach den nervenaufreibenden Champions-League-Viertelfinalspielen werfen wir einen Blick auf jenes Lied, das Mannschaften und Fans vor Spielanpfiff signalisiert, dass sie sich zumindest für 90 Minuten als Mitglied der europäischen Fußball-Elite fühlen dürfen: Die Champions-League-Hymne von Tony Britten.
Marcus Krausgruber | 10.04.2013

Als Innovator wird Tony Britten nicht in die Musikgeschichte eingehen. Zu sehr lehnte sich der Komponist bei der Champions- League-Hymne an »Zadok The Priest« von Georg Friedrich Händel an. Diese hatte der in England schaffende Barockkomponist anlässlich der Krönung von König George II. 1727 geschrieben.

 

Als Britten 1992 den UEFA-Auftrag bekam, übernahm er die ersten sechs Takte, eine aufsteigende Streicherfigur, und baute darum ein neues Stück. Dabei orientierte er sich auch weiterhin an »Zadok«: Die Instrumentierung ist der eines Händel-Orchesters ähnlich, Elemente wie die Trompetenornamente und der Chorsatz kommen durchwegs barock daher. Dass Brittens Komposition nicht antiquiert klingt, liegt hauptsächlich an der Soundebene: Das radikale Crescendo unter Einsatz harter Blechbläser gegen Ende erinnert mehr an die epische Filmmusik von Hollywood-Komponist Hans Zimmer als an die Hofmusik des 18. Jahrhunderts.

 

Die Stärke des Stücks liegt nicht in eingängigen Melodien, sondern in der harmonischen und klanglichen Dramaturgie. An ihrem Höhepunkt soll diese beim nervlich bereits vorbelasteten Fan eine Gänsehaut erzeugen. Daran ändert auch der recht sinnfreie Text nichts, den Britten eher nach der klanglichen Qualität der Wörter als deren Bedeutung gewählt hat. Schließlich handelt es sich um Funktionsmusik, die ein klares Ziel hat: Spannung für ein Fußballspiel aufzubauen.

 

Wenn die Hymne am 25. Mai um 20.42 Uhr das letzte Mal in dieser Saison erklingt und die 22 Spieler ihre Blicke gen Himmel richten werden, hat das Stück seinen Zweck erfüllt. Es ist Champions League. Sie sind die Besten.

Referenzen:

Heft: 81
Rubrik: Thema
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