Road to Nowhere

cache/images/article_1202_roadtonowh_140.jpg Gilt die Auswärtsfahrt als Ritterschlag und »Auswärts nie dabei!« als ultimative Gegnerbeschimpfung, wird Groundhopping gerne als Krönung des Fußballfandaseins glorifiziert. Dabei ist die Jagd auf Länderpunkte bloß ein anales Sammelvergnügen, ein Panini-Album für Mobilisten. Das Protokoll einer unnötigen Fahrt in die Ferne aus dem Jahr 2005.
Niklas Hornbein | 08.04.2009
Was hat mich bloß zu diesem Eintagstrip von Wien ins bäurische München und retour getrieben? Die Aussicht auf eines der letzten Spiele der 1860er im Stadion an der Grünwalder Straße? Die Freundschaft zu meinen Groundhopping-Kumpanen? Der lange Atem der Langeweile? Oder suchte ich einfach nach einer armseligen Ausrede für eine Alkoholvergiftung? Vielleicht war es einfach das Gefühl, zwar nicht zu wissen, wo ich herkomme, aber dafür wohin ich gehe.

Im feeling okay this mornin
And you know,
Were on the road to paradise
Here we go, here we go

4:25 Uhr: Der Wecker läutet. Uggh.

6:08 Uhr: Meine umjubelte Ankunft in Leobersdorf, wo ich Obelix und Rotlicht-Gerry treffe. Nemo, der vierte im Bunde, hat krankheitsbedingt abgesagt. Beim Gedanken an ein wohlig warmes Bett frisst mich der Neid. Umgekehrt, ich habe nix zu fressen, denn sowohl am Praterstern als auch am Südbahnhof war der Anker noch zu. Skandal.

7:00 Uhr: Obelix öffnet das erste Bier des Tages. Ich klammere mich an meinen Pappbecher mit Kaffee-Ersatz von der Tankstelle. Gerry eröffnet uns, dass unser Zug Salzburg München um 9:15 die Stadt der Stierwoscha verlässt. Das wird knapp, verdammt knapp.

9:00 Uhr: Nach einem praxisnahen Test des ministeriellen Tempovorschlags 160 reiten wir im Parkhaus des Bahnhofs ein.

Maybe you wonder where you are
I dont care


13:00 Uhr: Das Stadion an der Grünwalder Straße haben wir nur von außen gesehen, das Match wurde ins Olympiastadion verlegt. Plötzlich sitze ich im Hofbräuhaus und vor mir stehen ein Maß Bier und ein Schnitzel mit Erdäpfelsalat. Das ist alles so unwirklich. Wo bin ich? Wer bin ich? Egal.

15:06 Uhr: Gerade, als wir die Stufen des Olympiastadions hinuntersteigen, gibt der Schiri auf der anderen Seite des Spielfelds Elfmeter, 1:0 für die Löwen. Bei den 60ern spielt Harald Cerny, bei Erfurt ein gewisser Reitmaier, den ich kennen sollte, meint Gerry. Na gut. Ich habe Herzrasen und bin nahe dran, einfach umzukippen.

15:35 Uhr: Mein Handy klingelt und ich versäume ein Tor. Aufgrund des aufbrandenden Geschreis rundherum brauche ich eine geschlagene Minute, um zu kapieren, dass es ohnehin abseits war.

16:05 Uhr: Mein Handy klingelt und ich versäume das Ausgleichstor der Erfurter.

16:20 Uhr: Filmriss. Ich beobachte einen Clown, angetan mit Harlekinmütze, einer mit Aufnähern verzierten Kutte und ca. 478 Schals an den Armen.

16:23 Uhr: Das Match hat mich wieder, als einer der 60er den Ball vom Rist ins Out springen lässt. Alle, die sagen, die zweite Deutsche Liga sei über die österreichische Bundesliga zu stellen, irren gewaltig. Der Schiedsrichter animiert das Publikum zu immer neuen Sprechchören: »Fußballmafia DFB!«

16:29 Uhr: Nicht nur heimische Vereine schönen ihre Zuschauerzahlen: Dieser jämmerliche Haufen besteht niemals aus 13.800 Menschen! Höchstens die Hälfte, meint der stets sachkundige Gerry. Die Zwischenstände aus den anderen Stadien amüsieren mich ungemein. LR Ahlen gegen FC Erzgebirge Aue, das ist Brutalität!

16:47 Uhr: Der wieselflinke Cerny (endlich kann ich das auch einmal anbringen!) überläuft einen stümperhaft agierenden Verteidiger, flankt und Agostino köpfelt ein! Der Einpeitscher-Clown und die anderen Kuttenträger geraten in Ekstase. Fünf Minuten später noch ein hübsches Kontertor zum Abschied.

17:45 Uhr: Augustinerbräu, München. Dem Schneesturm entronnen ordere ich eine »Rinderkraftbrühe mit Pfannkuchenstreifen« und »eine Halbe«.

18:48 Uhr: Wir sitzen bei Zugluft und einem Kaffee um wohlfeile Dreieurodreissig am Hauptbahnhof.

Were on a road to nowhere
Come on inside
Takin that ride to nowhere
Well take that ride

21:47 Uhr: Ankunft in Salzburg. Noch ein Krügel, das gut schmeckt, aber trotzdem verschwendet ist.

22:50 Uhr: Ich fläze mich auf die Rückbank. Gerry legt eine CD ein. Wir glühen zu »The Final Countdown« von Europe in die Nacht und ich grinse irre vor mich hin.

1-Uhr-irgendwas: Jung, dumm und steinalt zugleich schleppe ich mich von der Straße ins Nirgendwo zu meiner Haustüre.


TSV 1860 München Rot-Weiß-Erfurt
13. Februar 2005
Resultat: 3-1

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Rubrik: Aktuell
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