Robbens Fieberphantasien

cache/images/article_1426_niederland_140.jpg WM-BLOG Sprach der arme Kerl da schon im Fieber, hatte sich die Sache auch noch entzunden? Oder hatten sie ihn so mit Anti-Depressiva vollgepumpt, dass er die Welt statt in orange nur noch in rosarot sah? Nein, Arjen Robben dürfte in der Tat nüchtern gewesen sein, immerhin trat er da im niederländischen Fernsehen in Studio Voetbal auf, als er sagte: »Ich will dabei sein, wenn wir mit den Niederlanden Weltmeister werden.«

Dominik Sinnreich | 13.06.2010
Das waren gleich zwei mutige Ansagen. Einerseits weiß die Flügelglatze von Bayern München schließlich selbst gut genug, dass ihn seine rissigen Muskelfasern, seine porösen Knochen und seine spröden Bandeln schon oft genug im Stich gelassen haben. Wieso sollte er jetzt plötzlich diese regenwurmartigen Selbstheilungskräfte entwickeln, die beispielsweise einen Wayne Rooney auszeichnen.

Aber viel gewagter ist noch der zweite Teil dieser Ansage: »Wenn wir mit den Niederlanden Weltmeister werden.« Bitteschön: In welcher Sportart? Schon klar, irgendwie gehören die Niederlande immer zum erweiterten Favoritenkreis, aber heuer stehen sie vor einem ganz besonderen Problem: Diesmal geht es nicht darum, dass sie dem Stil zuliebe offensiv spielen wollen und damit ins Messer rennen. »In Schönheit sterben.« Wer diesen Satz sagt, der sieht die Bilder vor sich, ein Potpourri der Horrorbilder aus 1974, 1978, 1990 und natürlich dieses sagenhafte Scheitern im Elfmeterschießen 1998 gegen die Brasilianer, die man zuvor phasenweise an die Wand gespielt hatte.

Diesmal geht es darum: Sie müssen tunlichst vermeiden, dass der Ball irgendwie in die Nähe des eigenen Strafraumes kommt. Denn das Qualitätsgefälle zwischen der Offensive und der Defensive ist schlimmer denn je. Weit und breit ist kein Frank Rijkaard in Sicht, kein Jaap Stam tritt den vorlauten Gegner aus den Socken, schon gar kein Ronald Koeman. Und auf der linken Außenbahn pflügt defensiv kein Ruud Krol, sondern ein Giovanni van Bronckhorst, der zwar ein verdienter Veteran ist, aber, ja, eben exakt das: ein verdienter Veteran. Auf der rechten Abwehrseite spielt mit Gregory van der Wiel ein junger Hoffnungsträger von Ajax Amsterdam, der einmal ein großer werden kann, aber, ja, eben: WERDEN kann. Und die Innenverteidiger sind einer breiten Öffentlichkeit nur dank Panini bekannt. Torwart Marten Stekelenburg von Ajax Amsterdam hat einmal als Talent gegolten, hat aber auch schwierige Jahre hinter sich und hat jedenfalls nicht die Klasse eines Edwin van der Sar.

Das heißt für 2010: Hinter dem ebenso eingespielten wie hochklassigen Sechserduo Mark van Bommel und Nigel de Jong droht ein Vakuum. Davor hingegen tobt mit der erwartbaren Variante Dirk Kuyt, Wesley Sneijder, Robben (oder Eljero Elia) und Robin van Persie als Solo-Spitze ein Orkan, der jede Abwehrreihe der Welt zersägen kann. Die einzige Chance der Niederländer ist es, heuer noch mehr als sonst, mehr Tore zu schießen als der Gegner. Das hatte auch der letzte Test gegen die Ungarn gezeigt, denen zwar sechs Treffer eingeschenkt, denen aber gleich nach Anpfiff ein viel zu einfaches Tor ermöglicht worden war. Dieser Test ist es auch gewesen, den Robben humpelnd vorzeitig verlassen hat. Sie haben den Atem angehalten in den Niederlanden, denn sie wissen: Sie brauchen ihn, er muss dabei sein, wenn die Niederlande Weltmeister werden. Werden wollen.
ballesterer # 121

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