Ronnys Sommermärchen I: Die Vienna

cache/images/article_1932_vienna-logo_140.jpg BLOG Ronny (Name der Redaktion bekannt) kommt aus der Dresdner Ultra-Bewegung, jetzt hat er sich einen Traum erfüllt und ist für die nächsten sechs Wochen Praktikant beim ballesterer. Wie sein Seitenwechsel funktioniert und ob es der ballesterer-Redaktion gelingt, ihn zum Experten in Sachen österreichischer Fußball zu machen, lest ihr in seinem Blog.
Ronny Light | 14.08.2012

»Hopper-Schwein«, Blogger und nun auch noch »Pressemensch« im Fußball. Bin ich also doch geworden, was ich nie werden wollte? Hoffentlich dauert es noch eine Weile bis sich alte Weggefährten zu Wort melden und mir Verrat an der Sache vorwerfen. Aber was tut man nicht alles, um beruflich voranzukommen? Daher fasse ich als ballesterer-Praktikant meine ganz persönlichen Eindrücke des Fußballsommers in Wien und Österreich zusammen.


Gemeindebauromantik
Freitag 16.00 Uhr. Die quälende Frage der Freitagabendgestaltung wird mir dankenswerterweise vom Chefredakteur abgenommen, der mich für das Spiel vom First Vienna FC gegen den FC Lustenau akkreditieren lässt. Eine gute Sache, bin ich doch meistens eh knapp bei Kasse. Die Vienna und nicht First Vienna, wie ich schon mehrfach belehrt worden bin ist der älteste Fußballverein Österreichs und spielt in der zweithöchsten Spielklasse. Für das Spiel bin ich mit Tommy Gassler verabredet, den ich ein paar Tage zuvor kennengelernt habe. Wer nicht weiß, wer das ist kann hier nachschauen. Seit neuestem ist er Leiter der Koordination der Fanarbeit in Österreich.


Wir treffen uns im Innenareal des Karl-Marx-Hofs, wo er schon mit ein paar Leuten der Vienna-Szene sitzt und Bier trinkt. Wer nicht weiß, was der Karl-Marx-Hof ist, liest einfach hier nach. Der Bau erinnert mich an vergleichbare Wohnanlagen in Dresden-Reick, Laubegast oder Gruna, nur dass er weitaus größer ist. Vienna wird mir von einigen Leuten als das St. Pauli Österreichs angepriesen. Leider bin ich kein großer Freund des FCSP. Aber gut, ich lasse mich überraschen. Am Ende wird es doch ein Abend vieler kleiner Highlights und Entdeckungen.

Modulsport Lustenau
Da wäre zunächst einmal das Stadion, die Hohe Warte. Auf der einen Seite steht eine feste Sitzplatztribüne. Auf der anderen Seite wurden Stahlrohrtribünen an einen Hang gebaut. Sofort werden Erinnerungen an das gute alte Westsachsen-Stadion in Zwickau wach. Was haben wir dort schon für Sachen erlebt. Jedenfalls hat man vom grasbedeckten Hang einen wunderbaren Blick auf die Skyline der Donau-City. Den Eingang erreichen Heim- und Gästeanhänger gleichermaßen über einen steilen Anstieg. Der Anstieg ist eine gute Überleitung zum zweiten Highlight des Abends, dem Gästeanhang. Dieser wählt zum Stadion einen eher unkonventionellen Weg über die Zäune der Grünanlagen anliegender Wohngebäude. Aus der Ferne sieht es arg gefährlich aus, wenn auf einmal eine undefinierbare Zahl von Personen aus dem Nichts auftaucht und anfängt gegen den Heimanhang zu pöbeln. Für einen Moment frage ich mich, ob es die richtige Entscheidung war, die Kontaktlinsen nicht einzusetzen. Immerhin hatte ich mich nur auf Bier trinken und Fußball gucken eingestellt und kriege vielleicht gleich die ersten »unschönen Szenen« auf österreichischem Boden geboten. Aber Pustekuchen.

Keine Zusammenarbeit mit der Polizei
Die Gefahr stellt sich als 15er-Haufen heraus, der vornehmlich aus Jünglingen mit Pausbacken und dünnen Armen besteht. Irgendwie finde ich es schon peinlich, dass sie dann doch ganz kleinlaut an den Heimfans vorbei zur Kasse gehen und sich gesittet Karten kaufen. Trotzdem Respekt für über 600 Kilometer, die sie an einem Freitagabend auf sich genommen haben. Was ich jedoch nicht ganz verstehe ist, dass ihr Wortführer ein Typ Marke Altschläger in einer »Spirits Rapid«-Jacke zu sein scheint, der auch noch munter mit den Zivilbullen plaudert. Auf jeden Fall haben sie zwei Fahnen dabei, »Freaks on Tour« sowie »Fanatic Youth« und bringen über das gesamte Spiel Ultra-Support. In der zweiten Hälfte entzünden sie sogar einen Bengalen.


Stichwort Zivilbullen: Ich frage mich in Deutschland immer schon, was für einen realen Zweck die überhaupt erfüllen. Und nun stehen hier neben den fünf »Bockwurst-Bullen« gleich zwei von deren Sorte. Den einen, meine ich während des Spieles sogar beim Bier trinken beobachtet zu haben. Laut Tommy gibt es in Österreich insgesamt 200 »Szenekundige«. Warum? Das Land hat doch nicht einmal annähernd so viele Profivereine, geschweige denn Fanszenen. Bei zwanzig Profivereinen sind das zehn »Zivis« pro Verein. Eine utopische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, wie ich finde. Für alle Leser, die sich nicht in Dresdner Fankreisen bewegen, sei erläutert, dass »utopisch« dieses Mal »übertrieben weltfremd« bedeutet. Ich werde diese Wort wahrscheinlich noch öfters und mit unterschiedlichen Bedeutungen verwenden.

Pub Controlling
Zur Halbzeit wechseln wir von der Hangseite auf die Tribünenseite. Das Herz des ostdeutschen Leistungserschleichers darf wieder einmal lachen. Warum? Das werde ich an dieser Stelle nicht verraten. Die Stimmung im Rund ist allgemein sehr entspannt. Das Publikum auf Heimseite ist bunt gemischt. Neben der bereits erwähnten, alternativen Klientel, finden sich gleichsam aufgebrezelte Miezen und Styler sowie alteingesessene Silbermöwen im Stadion ein. Die Ballmädchen sind laut Tommys Auskunft von der Futsalabteilung des Vereins. Der Support-Block der Vienna ist am Ende der überdachten Tribüne angesiedelt. Dort wird das zelebriert, was man gemeinhin als englischen Support versteht. Irgendwer stimmt ein Lied an, der Rest des Blocks stimmt mit ein. Die Melodien sind meist bekannte Evergreens mit häufig englischsprachigen Texten. Auf den Metallbänken steht man entweder oder bindet sie durch stampfen als melodische Untermalung in die Gesänge ein. In einer Ecke sitzt ein Pärchen und schmust, während sich Leute in einer anderen Ecke bereits dem Bier ergeben haben. Für meine Kurve würde ich mir so etwas zwar nicht wünschen, aber für einen Abend Fußball gucken ist das schon ganz gut. Die Mitte des Blocks bietet Platz für eine kleine Besonderheit. Ein Dudelsackpfeifer spielt Melodien, die jedem Pubbesucher geläufig sein dürften - außer er befindet sich wegen der sportlichen Leistung seiner Mannschaft im Support-Streik.

 

Fußball wurde auch gespielt

Diese steht nämlich nach vier Spielen und nur einem Zähler auf dem letzten Tabellenplatz. Und auch heute wird sich nichts daran ändern. Lustenau geht früh mit zwei Toren in Führung. Die Nummer 33 auf der linken Seite, Abd Al Rahman Osman Ali, hat immer wieder starke Antritte. Vienna kämpft sich mit zwei Toren kurzfristig zum Gleichstand heran, wobei letzteres ein Freistoßtor von Andreas Dober ist. Eine Hammergranate aus zig Metern Entfernung, die auf jeden Fall »Tor des Monats« verdächtig ist. Letztlich verliert die Vienna aber 2:4 und befindet sich somit direkt im Abschiedskampf. Fünf Euro ins Phrasenschwein. Tommy und ich gehen später noch zur zweiten Hälfte des Spiels vom Wiener Sportklub. Mehr dazu aber im nächsten Beitrag. Auf Dynamo!

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