Rot-weiß-rote Titelseiten #1

cache/images/article_932_aut_140.gif Von echten Österreichern bis zum Üben der Nationalhymne - in EM-Zeiten treibt der Patriotismus wilde Blüten. Sieht man genauer hin, erzählt einem der Boulevard sein "Sommermärchen" - und das hat nicht immer mit Fußball zu tun.
Mario Sonnberger | 12.06.2008
Wir erinnern uns: Es ist der 18. Juni 1998. Kaum zwölf Stunden, nachdem die österreichische Nationalmannschaft mit einem 1:1 gegen Chile ihren zweiten WM-Punkt geholt hat, fällt der größten Tageszeitung des Landes nichts Besseres ein, als Ivica Vastic, dessen Tor in der Nachspielzeit das Unentschieden erst möglich gemacht hat, per Titelseite zum "echten Österreicher" zu erklären. Dass der gebürtige Kroate bereits seit 1996 die Staatsbürgerschaft besitzt: Schnee von gestern! Zehn Jahre danach sind plakativ-patriotische Schlagzeilen zum EM-Turnier noch weitgehend ausgeblieben. Aber ist der Boulevard deshalb reifer geworden?

Tatsächlich ist der österreichische "Hurra-Patriotismus" bisher nicht über die Maßen ausgeufert. Schließlich lässt das Niveau der Mannschaft selbst aufputschende "Wir gegen alle"-Prognosen vermessen wirken. Österreich ist eben nicht Deutschland. Die Euphorie bemisst sich nicht am Punktekonto des Teams bei der Heim-EM. Auch das rot-weiß-rote Bild in den Medien gestaltet sich nicht unmittelbar entlang des sportlichen Erfolgs. Schließlich ist Österreich Gastgeber für uns dauert die EM in jedem Fall bis zum Finale. Und da war doch noch etwas...

Im bescheideneren Rahmen erkennt man auch in der derzeitigen EM-Euphorie Elemente dessen, was im Sommer 2006 von vielen Deutschen als "Sommermärchen" erlebt wird. Die vorgeblich perfekte Organisation, die betont gute Stimmung, das positive Bild, das Deutschland von sich übermittelte es überrascht wenig, dass sich auch Österreich daran Anleihen nahm. Doch Märchen kennzeichnen sich durch gehörige Unschärfe und viel dichterische Freiheit. Zweifellos lässt anhaltender, taumelnder Jubel etlichen Interpretationsspielraum: Hype? Dokumente sportlicher Begeisterung? Bilder neuen, positiven Nationalbewusstseins? Welche Antwort in den Boulevardmedien dominiert, ist leicht zu erraten. Patriotismus ist wieder en vogue! Oder doch nicht? Der Hintergrund wird jedenfalls ausgeblendet, wenn dem Wir-Gefühl ein liebes Gesicht aufgemalt wird. Autofahnen, positive Stimmungsmache, Euphorie... Die Frage nach seinem wahren Aussehen, nach Ecken und Kanten, geht dabei ein wenig unter - auch das kennt man bereits aus Deutschland.

Jetzt sind beispielsweise Österreich-Flaggen im Sportbereich nicht gerade selten. Schladming, Kitzbühel, Bischofshofen die "Hot Spots" des Wintersports tragen Rot-Weiß-Rot. Aber Fußball ist anders. Gesellschaftlich wie auch politisch wiegt das runde Leder mehr als ein Paar Skier. Die Inszenierung eines Großereignisses wie der EM dringt tief ins Bewusstsein einer großen Menge an Menschen. Das Turnier selbst dauert drei Wochen, doch in den Monaten davor beginnt eine Symbolik zu entstehen, deren Ausmaß über drei Tage "Kitz" weit hinausgeht. Das unmittelbare Erlebnis - sportlicher Erfolg bzw. die Identifikation damit - tritt als Anlass des Fahnenschwingens in den Hintergrund. Das Symbol steht zunehmend für sich allein. Wenn sich Boulevardmedien damit rühmen, dass "Patrioten endlich Flagge zeigen können", wie es die U-Bahn-Zeitung Heute getan hat, ist der Sport höchstens Hintergrundmusik. Umso stärker wiegt der Kontext. Auf der Titelseite weht keine Flagge für sich allein.

Die Krone zeigte es vor. Am Montag vergangener Woche zierte Teamkapitän Andreas Ivanschitz das Cover. Die Schlagzeile darüber: "EU macht unsere Autos teurer." Das positive Bild hart arbeitender Kicker steht damit im Gegensatz zum Horrorszenario aus Brüssel. (Die EU-Fahne flattert übrigens an keinem Auto.) Und für alle, die es etwas deutlicher haben wollen, hält das Blatt immer noch die Leserbriefseiten parat. Am Dienstag der Aufruf, "Hicke" möge mit seinen Schützlingen zwecks Motivation die Bundeshymne einüben - plus großes Unverständnis, dass die "Fußball-Eskorte" im Volksschulalter selbige nicht mitsingt. Am Samstag ein Stoßgebet, das nunmehr flammende Nationalgefühl (das in der Zeitung kräftig veranschaulicht wird) hätte Österreich doch 1995 den EU-Beitritt erspart. Kolumnist und Ex-Adabei Michael Jeannée schritt unterdessen zur Rettung des ORF. TV-Media-Chefredakteur Ata Athanasiadis wollte die EM lieber auf ARD und ZDF verfolgen und zog sich Schelte zu. Untergriffe inklusive (Zitat Jeannée: "Der Mann heißt wirklich so.")

Von Jeannée und Athanasiadis zurück zu Ivica Vastic: Das Thema Migration, angesichts einiger Secondos in Hickersbergers 23-Mann-Kader, taugte bisher nicht für Schlagzeilen. "Ivo" ist mittlerweile als Publikumsliebling anerkannt, ebenso Ümit Korkmaz, dessen gute Leistung im Spiel gegen Kroatien noch zu wenig für Jubelstürme war. Doch an anderer Stelle taucht das Thema plötzlich wieder auf. Die "Presse" spricht mit FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache über die EM, und wie könnte es anders sein: Korkmaz, Vastic und Co. sind erstklassig integriert und Vorbilder. Dass die FPÖ diese Entwicklung nicht abwarten würde, sei wiederum "eine miese Unterstellung".

Unbekannten Tätern wird von Strache sodann unterstellt, durch die Einbindung der Türkei in europäische Fußballbewerbe die Bevölkerung an falsche Europa-Bilder zu gewöhnen. Zum Glück relativiert sich gleich anschließend alles, denn Politik und Sport sollte man ja bekanntlich nicht vermischen. Aha. Aber es geht auch anders. "Heimat, fremde Heimat", die Migrationssendung des ORF, brachte am Wochenende einen längeren Bericht über Klagenfurts slowenischen Fußballklub, den SAK. Soll ja nicht nur im ballesterer fm stehen, dass zweisprachig cool ist.

Wie sich Fußball und Patriotismus im Turnierverlauf weiter verstricken, wird spannend zu beobachten sein. Das nächste Update dazu ist in der zweiten Woche fällig. Also: Fortsetzung folgt...

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png