Ruttensteiner will mehr Platz für Talente

cache/images/article_1253_ruttenstei_140.jpg Willi Ruttensteiner kann sich mittelfristig eine Aufstockung von Österreichs höchster Spielklasse vorstellen. Im Zuge der Diskussion über die Ligareform sprach der Technische Direktor des ÖFB mit dem ballesterer über den steigenden Output der Akademien und die Entwicklungen des Nachwuchses im internationalen Vergleich.
Sie waren Mitglied in der Arbeitsgruppe Sport der ÖFB-Zukunftswerkstatt. Mit welchen Zielen ist man in dieses Projekt gegangen?
Es ging um ein Gesamtkonzept für den österreichischen Fußball. In Sache Ligaformate war die erste Überlegung: Wie viele Profiligen verträgt Österreich? Antwort: Eine. Die zweite lautete: Wo sollen Akademieabgänger Arbeitsplätze vorfinden? Antwort: Toptalente finden in der höchsten Liga Platz. Daher ist es aus derzeitiger Sicht nicht notwendig, die Liga zu erweitern. Ein Dragovic hat beispielsweise Platz in der Bundesliga. Die Talente, die nicht so gut sind, sollen in einer zweiten so professionell als möglich gestalteten Liga spielen. Diese semiprofessionelle Ebene wollten wir verbreitern. Und darunter soll sich ein Amateurfußball befinden, in dem Spieler allgemein und besonders am Ende ihrer Karriere nicht mehr so viel abkassieren. Außerdem wurde das Abgangsalter der Akademiker um ein Jahr von 19 auf 18 reduziert, um sie schneller in den Erwachsenenfußball überzuführen.

Welche großen Vorteile hätte eine Erste Liga mit 16 Vereinen für die großen Bundesligisten und ihre Amateurteams gehabt?
Wenn Akademiespieler in eine Regional- oder Landesliga geschickt werden, ist der Entwicklungsschritt zu gering. Ein Beispiel: Die U18 von Sturm kann sich meiner Meinung nach durchaus mit jener von Bayern München messen. Auch auf der Ebene der Nachwuchsnationalteams erreichen wir tolle Ergebnisse gegen Deutschland. Bei Bayern geht der Spieler nach der Akadamie in die Amateurmannschaft, in die dritte deutsche Liga ein Betrieb mit 24 Profispielern, Topbedingungen, einer deutschlandweiten Meisterschaft. Bei Sturm geht er in die Regionalliga. Wenn ich den Vergleich weiterspinne, muss ich bei uns zumindest eine zweite Liga für diese Talente fordern.

Wenn die Akademieabgänger jetzt ein Jahr jünger werden, reicht es dann nicht wenn sie in der Regionalliga einsteigen?
Die Besten rücken nach. Für den Rest, der bei einer Sechzehnerliga in die Landesligen müsste, würden die Spiele gegen Vereine aus der eigenen Region mehr und die finanziellen Belastungen geringer werden. Wer nach oben will, müsste sich mittels Frühjahrsplayoff die Überprüfung gefallen lassen, ob er in der Lage wäre, Profifußball zu spielen. Bei den Geldern, die im Amateurbereich fließen, sehe ich akuten Handlungsbedarf. Das sollte in geregelteren Bahnen verlaufen.

Wie sollen die von ihnen geschilderten semiprofessionellen Strukturen in der Ersten Liga geschaffen werden?
Sieht man von den beiden Amateurteams ab, gibt es zehn Vereine in der Ersten Liga von denen einige mit massiven Problemen zu kämpfen haben. Einer davon musste sogar in Konkurs gehen. Durch eine Aufstockung wird der Druck geringer, weniger Vereine spielen gegen den Abstieg und junge Spieler können sich besser entwickeln. Man könnte den ganzen Apparat also etwas herunterfahren. Ich finde eine Sechzehnerliga viel attraktiver als eine Liga, die sich selber minimiert und in der sich einzelne Vereine einen professionellen Spielbetrieb nicht leisten können. Der Präsident von St. Pölten hat erwähnt, dass sich sein Teams aus 14 oder 15 Spielern der eigenen Akadamie und einigen älteren Spielern zusammensetzt, die einer weiteren Arbeit nachgehen. Und St. Pölten steht an vierter Stelle der Ersten Liga. Diese Mannschaft könnte Modellcharakter haben. Im Akademie-Bereich sind wir international durchaus konkurrenzfähig. Deshalb wäre es sportlich sehr sinnvoll, die jungen Spieler nach der U18 in den Amateur-Teams in der zweiten Liga, und nicht in der dritten oder vierten Liga einzusetzen.     

Österreich widersetzt sich mit der Zehnerliga der internationalen Tendenz zu größeren Formaten. Warum?
Wir gehen hier sicherlich einen Schritt entgegen dem Trend in Europa. Es hat mir auch niemand erklären können, warum es ein Land mit dem Standard von Österreich nicht verträgt, die Anzahl der Klubs zu erhöhen. Allerdings sollte man die Bedeutung des Formats auch nicht überschätzen. Der Fußball in der Schweiz wird sich beispielsweise nicht grundlegend verändern, wenn statt zehn Vereinen zukünftig zwölf in der ersten Liga spielen.

Stehen sie hinter der Zehnerliga oder würden sie das Format zur Diskussion stellen?
Wir haben in Österreich oft zu einem gewissen Zeitpunkt das Falsche gemacht.  Im Zuge der Einführung der Sechzehnerliga 1982 sind im Nachwuchs viele Fehler passiert sind. Wir haben jetzt zehn Jahre gearbeitet und die Akademien auf ein Level gestellt, wo viele gute junge Spieler herauskommen. Der optimale Zeitpunkt für eine Aufstockung der höchsten Spielklasse ist vielleicht noch nicht erreicht. Aber wenn wir weiter so viele Nachwuchsspieler produzieren, wird man auch ganz oben mittel- oder langfristig mehr Arbeitsplätze brauchen und die beiden ersten Ligen erhöhen können. Es haben sich in der Arbeitsgruppe Sport Einzelne dafür ausgesprochen, das sofort zu tun. Aber in Summe sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es in der Bundesliga noch nicht notwendig ist.

So mancher Verein wünscht sich schon jetzt eine Aufstockung. Ist etwa Rieds Argument der höheren Planungssicherheit zulässig?
Der Profifußball sollte nicht von Argumenten geprägt sein, die den Gegebenheiten des internationalen Fußballs also dem teilweise brutalen Leistungsdruck widersprechen. Man sollte diese Überlegungen besser im sportlichen Bereich ansiedeln. Wenn es ein Ausmaß an Vereinen mit der Qualität gibt, um diese Liga zu vergrößern, dann ist es sinnvoll. Ich glaube wir entwickeln uns in diese Richtung.

ÖFB und Bundesliga sind einerseits ineinander verzahnt, aber andererseits eigenständige Institutionen. Wer entscheidet über derartige Ligareformen?
Bei derartigen Entscheidungen kann es keine Alleingänge geben. Es geht um den Verantwortungsbereich beider Institutionen. Wenn es den Wunsch nach Veränderung gibt, muss es Mehrheiten dafür geben, das ist nur gemeinsam möglich. Eine etwaige Reform der höchsten Spielklasse müsste aber von der Liga selbst ausgehen. Der ÖFB wird hier nichts diktieren, er muss jedoch zustimmen.

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Rubrik: Aktuell
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