»Sambias Fußball ist ausdrucksstark«

cache/images/article_1779_can06_osca_140.jpg CAN 2012 Oscar Mwaanga ist der erste promovierte Sportwissenschafter Sambias und Mitbegründer der NGO EduSport, die über Sportprogramme Aids und Armut bekämpft. Derzeit leitet er an der Uni Southampton Solent den Studiengang Sport und Entwicklung. Der ballesterer traf ihn vor dem Afrika-Cup-Finale von Sambia gegen Cote d'Ivoire zum Interview.
Kurt Wachter | 12.02.2012
ballesterer: Sambia steht im Finale des 28. Afrika-Cups. Ist das nur für Außenstehende überraschend?
Oscar Mwaanga: Es ist zumindest eine kleine Überraschung. Noch größer wäre sie, wenn Ägypten, Nigeria und Kamerun bei der Endrunde mit dabei gewesen wären. Aber auch so ist es nicht alltäglich, favorisierte Teams wie Senegal und Ghana zu überwinden und ins Finale einzuziehen. Ich habe mir viele Gedanken über diesen Erfolg gemacht. Ich habe mich gefragt, ob die fußballerischen Strukturen in Sambia diesen Erfolg rechtfertigten und ob die Inspiration reicht, um an diesen Erfolg anknüpfen zu können. Es kann uns ja auch ein Schicksal wie Südafrika bevorstehen, dass wir ins Finale kommen und das wars dann für lange Zeit. Diese Fragen entspringen der harten Zeit, die wir durchgemacht haben. Aber ich hoffe, dass wir diese Finalteilnahme als Antrieb nehmen werden, um den Fußball in Sambia weiterzuentwickeln.

Was war ausschlaggebend für diese Erfolgsgeschichte Sambias?
Schon die Qualifikation hat sehr viel für Sambia bedeutet und die Gefühle der Nation berührt. 1993 haben wir in Gabun unser Nationalteam bei einem Flugzeugabsturz verloren, nicht weit entfernt von der Stelle, an der das Finale gespielt werden wird. Dennoch ist damals innerhalb von sechs Monaten ein neues Team aufgebaut worden, das beim Afrika-Cup in Nigeria 1994 das Finale erreicht und dort gegen die Nigerianer 1:2 verloren hat. Das war ein Phänomen. Seither haben wir es nicht mehr bis zur Endrunde geschafft. Es war eine lange Durststrecke. Und die Burschen, die heute für Sambia spielen, widmen die Teilnahme an diesem Afrika-Cup den Opfern von 1993. Und wie stark sie das anzapfen können, ist das eigentlich wichtige an der ganzen Sache.

Wie schaut die politische Lage in Sambia aus?
Wir haben eine neue Regierung und sind einige der wenigen friedlichen Inseln in Afrika, in der demokratische Strukturen gut etabliert sind. Es war der dritte Machtwechsel seit der Unabhängigkeit Sambias 1964 und es ist alles friedlich geblieben. Hier gibt es eine spezielle Verbindung zum Fußball, denn die Leute, die diese Regierung gewählt haben, sehen Fußball als gemeinsames Gut und sie können den Fußball dazu nutzen, auch andere Sehnsüchte wiederzubeleben. Die Partys in Sambia nach dem Viertel- und Semifinale haben fast an das herangereicht, was wir 1994 erlebt haben. Die Begeisterung, die ich damals selbst miterlebt habe, war sehr vielfältig, schließlich haben wir 73 verschiedene Sprachen in Sambia. Beim Finale haben alle dieselben Lieder gesungen und es war egal, in welcher Sprache, weil wir sie für das Nationalteam gesungen haben. In unserer heutigen postmodernen und globalen Gesellschaft gibt es wenig, was nationale Identitäten noch zum Ausdruck bringen. Die Menschen in Afrika identifizieren sich immer mehr mit europäischen Fußballmarken wie Manchester City oder Arsenal, und die Idee einer vereinenden nationalen Identität geht verloren. Dieser Afrika-Cup ist für uns eine Möglichkeit, das Gefühl der Verbundenheit als Nation zu erfahren. Die Bedeutung dieses Erfolgs ist für ein Land wie Sambia, das in der Welt derart unbekannt ist, enorm. Der Fußball hat eine ordentliche Macht. Ein Land das bislang für Armut, AIDS/HIV und Korruption bekannt war, wird plötzlich über die Qualität des Fußballs wahrgenommen. Wir können Senegal mit seinen Stars aus der Premier League bezwingen und sind auf Augenhöhe mit Cote dIvoire, deren Spieler zusammen einen Marktwert haben, der dem Jahresbudget unseres Landes entspricht. Diese Bedeutsamkeit dürfen wir am Sonntag noch einmal in vollen Zügen erleben.
In der Vorrunde hat Sambia durch seine schnelle und bewegliche Spielanlage imponiert. Junge Spieler wie Emmanuel Mayuka stechen durch ihre feine Technik hervor. Warum hat sich Sambia über die Jahre so gut entwickelt?  
Der sambische Fußball war immer schon sambischer Fußball. Das Spiel am Boden war stets unser Stil, fast wie bei den Brasilianern. Und der Stil basiert nicht auf einem akademischen oder wissenschaftlichen System, sondern ist eingebettet in unsere Kultur. Eine Kultur, in der man überall kickt, sogar wenn einen die Mutter auf den Markt schickt. Dieses spielerische Element hat eine lange Tradition, unser Fußball ist sehr frei und ausdrucksstark. Wenn man aber verliert und die Dinge nicht so erfolgreich verlaufen, ist es schwierig, das beizubehalten. Genau das ist über die letzten Jahre passiert, weil du Spieler mit Qualität und Selbstbewusstsein dafür brauchst und dieses Selbstvertrauen hat gefehlt. Die Verträglichkeit zwischen dieser Art von Fußball und dem jetzigen Teamchef ist interessant. Herve Renard baut auf den sambischen Stil und erhöht dessen Zweckmäßigkeit, er setzt auf eine defensive Struktur und ermutigt die Spieler, nach ihrer Facon Tore zu schießen. Wenn der Gegner in der Vorwärtsbewegung ist, bewegen wir uns in deren Rücken und bereiten einen Konter vor. Und das haben sie bestimmt hundert Mal geübt. Bei diesem Afrika-Cup waren bei einigen Teams eher zufällige Weitschüsse zu sehen. Wenn du trotz Stars in deinen Reihen kein Tor machst, kommt Frustration auf und der Spieler denkt sich, er treffe weil ihm Gott hilft oder sonst was. Sambia hat verstanden, dass es anders geht.
 
Die meisten sambischen Spieler spielen in afrikanischen Ligen, ist es im Vergleich zu Teams mit Stars aus Europa ein Vorteil, dass der Trainer mehr Zeit für die Vorbereitung hatte?  
Zum Teil ist das schon richtig. Aber in der Mannschaft stehen zwei Spieler, die in China ihr Geld verdienen, einige spielen in Südafrika, einer im Sudan. Daher ist die Logistik, das Team zusammenzubringen, auch nicht viel einfacher. Der Unterschied ist aber ein psychologischer, weil man uns als Underdogs sieht. Der Fußball in Sambia und im südlichen Afrika wird schlecht vermarktet. Wir hinken beim Management hinterher. In Sambia gibt es nur einen einzigen einheimischen Spielervermittler, der die FIFA-Lizenz hat. So lange das so ist, wird es nur einzelne überragende Spieler geben. Der Unterschied zwischen Westafrika und Sambia ist, dass der durchschnittliche Spieler in Westafrika besser vermarktet wird. Daher »entdecken« Beobachter jetzt im Team von Sambia plötzlich gute Spieler. Oft verläuft das System Fußball aber nach einer umgekehrten Logik. Die Premier League ist aufregend, aber auch hochverschuldet. Es ist eine Luftblase, die von allen Ländern auf der Welt nachgeahmt wird. Es handelt sich um ein verfehltes Modell, das gut nach außen präsentiert wird.  
Wie steht es um die Qualität des Klubfußballs in Sambia?   
Der Wiederaufbau der Nationalmannschaft 1993/94 war in erster Linie deshalb möglich, weil Bergbauunternehmen damals die Verpflichtung hatten, den Sport zu sponsern. Die Kupferminen sind eingebrochen genauso wie die Preise, und damit ist es auch mit dem Fußball bergab gegangen. Aber die Leute haben Verantwortung übernommen. Wenn du in der Mine Coach warst, und du hast es gern gemacht, dann warst du auch auf dem Feld ein Coach. Das einzige Problem war, dass dich niemand dafür bezahlt hat. Aus dem aktuellen Team kommen Stoppila Sunzu and Rainford Kalaba von Afrisport, einer Fußballakademie aus dem Kupfergürtel. Stürmer Emmanuel Mayuka kommt aus einem Dorf namens Libala, und wurde von einem alten Mann trainiert, der einfach Freude am Trainersein hat. Hichani Himoonde und Nathan Sinkala kommen aus dem EduSport-Programm, der Organisation, die ich mitgegründet habe. Wir ermöglichen Buben wie Hichani eine Schulbildung. Die Entwicklung des Sports in Sambia ist auf eine schräge Art in der Hand von normalen Leuten, die Regierung schenkt dieser Tatsache zu wenig Aufmerksamkeit. Wenn Mayuka ein Star wird, werden wir uns erinnern, dass er für Young Boys Bern und Kabwe Warriors gespielt hat. Aber was er davor gemacht hat, weiß niemand. Es ist so, als hätte er vorher nicht existiert.

Wer wird das Finale gewinnen? Und wenn die Elfenbeinküste gewinnen sollte, wie wird der Empfang daheim ausfallen?
Sie werden als Helden empfangen werden. Sie haben es sich verdient, weil sie Profis und einen großartigen Einsatz gezeigt haben. Sie haben ein heldenhaftes Turnier gespielt und Geschichte geschrieben, deshalb sollte man nicht den Fehler machen und sie nach dem Ausgang des Finales zu beurteilen. Aber wer gewinnen wird? Ich kann nur sagen, dass die Elfenbeinküste es nicht so wie Ghana machen sollte. Sie sollten ihren besten Fußball zeigen, denn wenn sie das nicht machen, wird Sambia auf ihre Fehler warten und sie bestrafen.

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Rubrik: Aktuell
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