Schalalala

cache/images/article_963_singen_140.jpg Was zur Europameisterschaft im Stadion von den Tribünen schallt, ist musikalisch und inhaltlich nicht immer vom Allerbesten. Dafür aber häufig von interkulturellem Interesse.
Nicole Selmer | 23.06.2008
Man muss gar nicht noch einmal auf den Kolleginnen und Kollegen des Schweizer Senders SF2 herumtrampeln, um festzustellen, dass nicht nur die Melodie, sondern auch der Text jedweder Gesänge zählt. Bei Nationalhymnen ebenso wie bei dem, was von Fanseite auf den Straßen und in den Stadien der EM-Städte geboten wird. Die Globalisierung hat auch dieses Alltagsphänomen im Griff, und so fordern die deutschen Fans nach der Melodie von »Go West« das Publikum auf, sich zu erheben, wer Deutscher sei, während die polnischen Anhänger mit »Polska, polska, bialo-czerwoni« die Farben ihrer Fahne feiern.

Zur Geschichtsignoranz von »Wien wird Córdoba, schalalala« ist ja schon alles gesagt, hat sich jetzt ohnehin auch sportlich erledigt und mit einem niederländischen »Wien wird Hamburg« gesungen nach welcher Melodie auch immer muss sich die Fußballliedforschung erst gar nicht befassen. Soziologisch interessant hingegen das von österreichischen Fans vor dem Spiel gegen Deutschland angestimmte »Ohne Hartz IV wärt ihr gar nicht hier«. Aus rhythmischen Gründen leicht falsch betont, zeugt es dennoch von Grundlagenkenntnissen der deutschen Sozialgesetzgebung, wenngleich hier sicherlich noch ein paar empirische Daten zur Absicherung fehlen.

Empirisch vollkommen abgesichert und zudem noch in der Sprache der so Geschmähten vorgetragen war der Ruf der kroatischen Fans nach dem gewonnenen Gruppenspiel in Klagenfurt: »Deutschland, Deutschland, unglaublich schlecht« oder melodisch identisch mit der Textvariante »Deutschland, Deutschland, auf Wiedersehen«. Besonders charmant durch die tiefe biergetränkte Stimmlage und einen leichten Akzent. Anders als gedacht und gemeint wird es mit dem Wiedersehen für die Kroaten nun aber nichts.

Für die meisten Europäer verständlich, aber von der trüben Wirklichkeit in Gestalt von Bastian Schweinsteiger eingeholt ist »Portugal alé«. Damit sind wir auch gleich bei dem derzeit beliebtesten Fangesang meiner Landsleute: »So gehen die Deutschen, die Deutschen, die gehen so« gesungen in aufrechter Haltung laufend, die Arme in die Luft gereckt und weiter: »So gehen die (bisher: Polen, Ösis, Portus), die , die gehen so« leiser gesungen, in gebückter Haltung mit hängenden Schultern.

Verstanden? Die so angesungenen Österreicher und Portugiesen schienen mir eher verwirrt als belustigt oder beleidigt zu sein. Vernünftigerweise ein Lied, das erst nach dem Sieg angestimmt werden sollte, damit die gegnerischen Anhänger auch wirklich wissen, was gemeint ist. Immerhin handelt es sich nicht um eine Coverversion, sondern um eine original deutsche Erfindung, aber vielleicht tüfteln die Anhänger des Halbfinalgegners ja schon an einer türkischen Fassung.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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