»Scheiß-Fußball« ist zu wenig

cache/images/article_1334_skocek_140.jpg Die Bedingungen des Sportjournalismus in Österreich sollten bei einer Podiumsdiskussion an der Uni Wien im Rahmen der Ringvorlesung »Sport Studies« ausgelotet werden. Wurden vom Podium zuerst vielfach externe Faktoren als Erklärungsansatz angeführt, gab es im Verlauf der Diskussion auch Selbstkritik.
Clemens Schotola | 11.01.2010
»Wir haben einen Scheiß-Fußball.« Der Journalist und Buchautor Johann Skocek antwortete mit einer eher deftigen Kurzanalyse auf Frage, was denn Sportjournalismus in Österreich von jenem in Deutschland unterscheide. Um sich dann aber mit seinen Mitdiskutanten den österreichischen Spezifika in seriöserer Manier zu widmen. Denn während sich in Deutschland neben dem massiv vorhandenen Boulevard eine Qualitätskultur auch im Sportjournalismus entwickelt hat, kann Österreich in diesem Bereich bestenfalls als Schwellenland bezeichnet werden. Auch am rein männlich besetzten Podium konnte die niedrige Entwicklungsstufe abgelesen werden. Der Frauenanteil im österreichischen Sportjournalismus liegt bei lächerlichen 10 Prozent.

 

Skocek fand neben dem »Scheiß-Fußball« auch noch andere Gründe: »Es ist wie in der Wirtschaft und der Politik. Es gibt nur ein Gravitationszentrum, nämlich Wien. In Deutschland hingegen sind verschiedene Machtzentren vorhanden.« Diese Fokussierung ortete Skocek aber nicht nur geografisch, sondern auch strukturell. So habe Sponsor Raiffeisen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die beiden maßgeblichen österreichischen Sportverbände ÖSV und ÖFB.

 

Aber der »Wasserkopf Wien« und die Dominanz der Raiffeisen können nicht als Alleinschuldige ausgemacht werden. Wolfgang Wiederstein (Die Presse) führte einen viel trivialeren, aber ebenso wichtigen Grund an: »In Österreich sind viele Sportarten verkümmert, die Highlights dünn gesät.« Der generell geringere Stellenwert des Sports in Österreich vermindere somit die Palette, worüber berichtet werden könne. Ein Schluss aus Wiedersteins Analyse muss auch sein: Die Anforderungen und Erwartungen an den Sportjournalismus sind hierzulande auch dementsprechend geringer. Böse gesagt: Jede/r Leser/in hat den Sportjournalismus, den er/sie verdient.

 

Zu wenig Ausbildung, zu viel Nähe

Die vergleichsweise niedrige Qualität der Medien ist laut ballesterer-Chefredakteur Reinhard Krennhuber kein singuläres Problem der Sportressorts, sondern gelte für die gesamte Branche. So gebe es in Österreich keine Tradition in der Ausbildung von Journalisten/innen. Dazu kommen die »natürlichen Grenzen« des Marktes. Der österreichische Medienmarkt macht nur rund ein Zehntel des Deutschen aus, der Aufwand, ein Magazin zu produzieren ist allerdings gleich groß.

 

Nicht uneingeschränkt zustimmen wollten die Diskutanten der These, die mangelnde Distanz zu Sportlern und Verbänden sei die größte Gefahr für unkritischen Journalismus. Wiederstein sieht die Gefahr der Distanzlosigkeit eher individueller Natur und nicht als allgemein gültig: »Mancher lässt es zu nahe an sich ran.« Denn grundsätzlich würden alle Journalisten die Nähe der Quellen ihrer Berichterstattung suchen. Gefährlich werde es aber, wenn diese in eine »Verhaberung« abdrifte, so Wiederstein, der gemeinsam mit Skocek andere enge Verbindungen kritisierte: Die Dualität von Raiffeisen als Hauptsponsor von Sportverbänden und Miteigentümer großer Medien (Krone und Kurier).

 

Boulevard vs. Qualität

Das alles erklärt aber noch nicht den Zustand des Sportjournalismus in Österreich. Natürlich findet der Boulevard gerade im Sport seine Leser. Doch niemand hindert die wenigen Qualitätszeitungen ihre Aufgaben im Sportressort so zu erfüllen, dass die Qualität der Berichterstattung auch den Anforderungen anderer Ressorts genügen würde. Wer mehr dazu erfahren möchte, lese »Die Lebenslüge von der moralischen Überlegenheit der Qualitäts-Medien« von Martin Blumenau.

 

Eine Aufgabe, welche die Verantwortlichen oft aber gar nicht wahrnehmen können. Ein Ausbau des Qualitätssportjournalismus? »Das interessiert die Herausgeber nicht.« Skocek muss es wissen, war er doch einer der maßgeblichen Personen beim Aufbau des Standard-Sportressorts. Nicht besser ist die Situation bei der Presse: »Die Chefredaktion will in punkto Sport Mainstream. Denn der Sport muss auch verkauft werden. Die These ist: Der Sport wird vom Presse-Leser nur gelesen, wenn er Mainstream ist.« Da sind sie wieder einmal, die wirtschaftlichen Zwänge und der übliche Zugang: Nicht investieren, sondern Kosten kürzen. Wiederstein selbst brachte ein schönes Gegenspiel: »Bei der FAZ sind Rezensionen von Theaterpremieren beim Reader-Scan durchgefallen, sie haben die Theaterpremieren aber dennoch behalten. Zeitungen sind kein Wunschkonzert. Aber man kann versuchen, die Leser zu erziehen.«

 

Die VerAPAisierung

Derartige Versuche mögen für Printprodukte mit stabiler Abonnenten-Zahl legitim sein, im Online-Bereich regieren aber eigene Gesetze. Vor allem was die Dienstverhältnisse der Mitarbeiter betrifft, wie ballesterer-Chefredakteur Krennhuber aus eigener Erfahrung zu berichten wusste, der im Online-Bereich der APA fast acht Jahre als »Freier Mitarbeiter« tätig war. Stichwort APA: Auch wenn der Trend, zumindest auf orf.at und derstandard.at, zu mehr selbst produzierten Artikeln nicht zu leugnen ist, die Mehrheit des Online-Contents wird durch die Agentur angeliefert. Für Redigieren oder gar Nachrecherchieren bleibt meist keine Zeit.

 

Ein Fallbeispiel: Zum Jahreswechsel konnten so ziemlich alle österreichischen Online-Portale mit einer Meldung aufwarten, wer denn nun der weltbeste Trainer, Schiedsrichter usw. des abgelaufenen Jahres sei. Niemand geringerer als die »International Federation of Football History & Statistics« (IFFHS) hatte sich mit ihren zahlreichen Experten die Mühe gemacht, die knackigen Rankings zu erstellen. Willkommener Fußball-Content für die Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig. Da stört es dann auch nicht besonders, wenn ausgerechnet der umstrittene Schweizer Referee Massimo Busacca als der Beste seiner Zunft gelistet wird.

 

Denn wer wagt zu zweifeln, wenn eine Institution mit derart bedeutungsvollem Namen und dem Touch der Wissenschaftlichkeit den Fußballinteressierten die Weltbesten des Jahres vorsetzt? Nun, Journalisten könnten es. In Deutschland tun sie es sogar. Die Deutsche Presse Agentur (DPA) verzichtet schon lange darauf, über die intransparenten Rankings der IFFHS zu berichten. Andere Medien wie Spiegel, taz oder 11Freunde berichteten kritisch über die Institution und ihren Präsidenten Dr. Alfredo Pöge (siehe Linksammlung).

 

Doch warum scheitern österreichische Medien an dieser einfachen Aufgabe? Verhaberung fällt hier wohl aus. Ökonomische Zwänge spielen schon eher eine Rolle. Die Sportredaktionen Österreichs sind personell unterbesetzt, schnelles Produzieren geht vor langem Recherchieren. Wiederstein übte sich zum Abschluss der Diskussion in wohltuender Selbstkritik: »Absurd: Wir Medien kritisieren den ORF für die Quotenjagd, haben aber selber eine Online-Kontrolle der User-Klicks. Und da geht jeder Furz von Rapid, ist er noch so kurz, am besten.«

 

Linksammlung: Kritische Berichte zum IFFHS:

Spiegel Online: Die Vermessung der Fußballwelt

taz.de: Ernennung zum Weltschiedsrichter: Statistisches Phänomen

indirekter Freistoß: Der Werner Mauss des Weltfußballs


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