Schicksalhafte Begegnungen - die Antithese

Warum man einmal angefangene Sätze zu Ende sprechen sollte.

Klaus Federmair | 28.06.2006
WENN DIE SPANIER DIESES MAL NICHT MINDESTENS INS HALBFINALE KOMMEN... Millionen haben den Satz in den letzten Jahrzehnten begonnen. Komischerweise vergessen immer alle, ihn zu Ende zu sprechen. Und zwei Jahre später beginnen sie ihn wieder von vorne. Dabei würden sechs weitere Worte den Spuk ein für alle Mal beenden: ...DANN WERDEN SIE ES NIE SCHAFFEN! So ist das eben. Spanien wird immer in der Qualifikation und/oder Vorrunde brillieren, und spätestens im Viertelfinale ausscheiden. Da braucht man sich nicht alle zwei Jahre wieder neu zu wundern.

SPANIEN HAT IMMER PECH. DEUTSCHLAND HAT IMMER GLÜCK. Hm. Die beiden Hypothesen werden falsifiziert durch eine Weisheit, die älter ist als alle Nationalstaaten und Fußballverbände zusammen: DAS GLÜCK IST EIN VOGERL! Und ebenso bleibt das Pech nicht ewig an jemandem kleben.

Es muss also ein anderer Erklärungsansatz für das gegensätzliche Schicksal der deutschen und der spanischen Nationalteams her. Wie wär's zum Beispiel mit der Fähigkeit zur Selbstkritik als Schlüsselkonzept? Immer wenn die Deutschen zu Hause im Vorfeld besonders kritisiert wurden, gingen sie auf den Weltmeistertitel los. Und die Spanier? Siehe oben.

Deshalb kann nur eines Deutschland noch stoppen: die langsam auch auf die Mannschaft übergreifende Euphorie. Beckfranz hat es als erster auszusprechen gewagt, jetzt machen es ihm schon die ersten Spieler nach: DEUTSCHLAND IST GEGEN ARGENTINIEN FAVORIT! Danke, Becks, damit hast du die Südamerikaner ins Halbfinale gehievt.

Die Selbstkritikhypothese enthüllt übrigens auch schon das Finale: Italien gegen Frankreich. Denn sie allein besitzen die sokratische Einsicht, dass sie des Titels nicht würdig sind. Weltmeisterwürdig ist allein das leider zu wenig kritisierte portugiesische Team, das - natürlich unter höchst unglücklichen Umständen - vom angeblich altersschwachen Zinedine Zidane aus dem Semifinale bugsiert werden wird.

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
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