Schnupftabak und Kuhglocken

Mit 40.000 Schweizern im Dortmunder Fußballtempel
Gastautor | 21.06.2006

Daniel Gygax (24) hatte ein gutes Gefühl. "Wenn wir ein frühes Tor machen, kann es ein Spektakel werden", so die Einschätzung des Schweizer Mittelfeldspielers vor dem richtungweisenden Gruppenspiel gegen Togo in Dortmund.

Gygax behielt Recht. Alexander Frei traf schon nach 16 Minuten und bescherte den Schweizern damit das erste WM-Tor seit 1994. Es wurde ein Spektakel. Aber weniger auf dem Rasen, wo sich die Schweiz bei hochsommerlichen Temperaturen zu einem 2:0 (1:0)-Arbeitssieg gegen die Afrikaner mühte, sondern auf den Rängen, wo mehr als 40.000 Schweizer Fans den Dortmunder Fußballtempel beben ließen. "Hopp Schwiiz" war der gängigste Schlachtruf. Die legendäre Südtribüne, wo sonst 25.000 Fans von Borussia Dortmund für Spektakel sorgen, war fest in Schweizer Hand. Und immer wieder war das Geläut der mitgebrachten Kuhglocken zu hören, mit denen die Fans ihrer "Nati" Beine machten.

Die meisten der fröhlichen Alpenländer waren bereits einen Tag vorher in Dortmund eingetroffen, wo sie sich beim "Tschutten", beim Tischfußball auf der Fan-Meile in der Hohen Straße, amüsierten, oder, so wie Olivier aus Neuenburg, einfach in einem der vielen Brunnen der Dortmunder Innenstadt ein kühles Bad nahmen. Präzise wie die Schweizer nun mal sind, hatten sie vor dem Trip nach Dortmund beinahe an alles gedacht. Selbst Aktiengeschäfte wurden via Handy am Biertisch abgewickelt. "Wir müssen ja das Geld, das wir hier ausgeben, wieder reinholen", erklärt der Rechtsanwalt Andreas aus Zug, während sein Kumpel Sepp einen Kardinalfehler machte und in der Bierstadt Dortmund ein Glas Rotwein bestellte. Selbst Hooligan-Spezialist René Wili von der Zürcher Stadtpolizei war mit angereist, bereit, die drohende Hooliganschlacht mit den Togolesen zu verhindern. "Es ist alles friedlich verlaufen", lautete sein Fazit hinterher. Togo war draußen. "Time To-go" kalauerten die Schweizer.

"Hopp Schwiiz" in Dortmund - die Schweizer ließen es auch nach dem Spielende noch einmal richtig krachen. Fast 30.000 rot-weiß gekleidete Fans bevölkerten das Hansa-Viertel und den Friedensplatz. Es ging hoch her in den Kneipen und in den Biergärten. Immer wieder schmetterten sie ihre World-Cup-Hymne und feierten mit Sprechchören einen ihrer größten Helden: Stéphane "Chappi" Chapuisat, der im Dress von Borussia Dortmund zwischen 1991 und `99 Bundesliga-Geschichte geschrieben hat. Christoph aus Luzern, den alle nur "Taxi" rufen, hatte eine Dose Schnupftabak mitgebracht, die fleißig die Runde machte. Die "Pries", bei der selbst Sepp Maier neidisch werden dürfte, zog gut rein. "Besser, als Kokain zu schnupfen", glaubte Christoph und verwies grinsend auf den Fall Christoph Daum, "außer zu Koksen tun wir Schweizer alles, was Gott verboten hat."

Carsten Germann, Dortmund

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Rubrik: WM-Tagebuch
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