Schwarz(-Rot-Gold)-Afrikaner

Wie Deutschland ein neues Bundesland erbeutete.

Jetzt habe ich Dich fast schon lieb gehabt, Deutschland...

...deine Jungs sind doch tatsächlich draufgekommen, dass man Fußball auch spielen kann. Dein neuentdeckter Fun-Patriotismus ist zwar Geschmacksfrage, aber auch nicht nerviger als Deine traditionell kritische Selbstbeschau.

Aber das geht nun wirklich nicht: 50.000 in München entdecken auf einmal die schwarze Seite ihrer deutschen Seele und gemeinden die Elfenbeinküste ungefragt als neuestes Bundesland in ihr einig Vaterland ein: Schwabinger Spaßterroristen demonstrieren Black Power mittels Afro-Perücken. Die paar tapferen Ivoirer, die den weiten Weg aus Westafrika auf sich genommen haben, werden von erinnerungswütigen Eingeborenen verfolgt und zum Gruppenbild mit Neger genötigt. Auf die wunderbar stimmhaften "Srbija"-Chants antwortet Dein Publikum mit "Ko-Ti-Va" in unbeholfenem, deutschem Maschinengewehrstakkato. "Sowas hat man lange nicht gesehen, so schön, so schön" geht nach dem 3:2 für die Elfenbeinküste dann weitaus leichter über die teutonischen Lippen.

Ich will Dir ja nichts unterstellen, Deutschland: Aber Deine neue Afrophilie geht jedenfalls ganz gut mit Deiner alten Slawophobie zusammen. Beim endlosen Warten auf die U-Bahn (wo ist eigentlich Dein Organisationstalent geblieben, Deutschland?) sind sie dann wieder bei sich die Beuteafrikaner und besingen den Finaleinzug von Klinsis Team. Drei Siege über bestenfalls durchschnittliche Gegner genügen und das neue deutsche Selbstbewusstsein kippt ansatzlos in den alten deutschen Größenwahn. Mögen die Schweden ihn auf das richtige Maß zurechtstutzen.

Bomber Harris, München

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 120

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