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Scolari und der Schützengraben

cache/images/article_2314_dscn2082kl_140.jpg WM-BLOG Das Achtelfinale zwischen Brasilien und Chile geriet zu einem Kampf, der nicht immer schön anzuschauen war. Ein Depp von 2010 wurde zum Helden, während Luiz Felipe Scolari sich angeschlagen und von seiner hässlichen Seite zeigte. 
Robert Florencio, Reinhard Krennhuber | 29.06.2014

Belo Horizonte befindet sich schon zwei Tage vor dem Achtelfinale voll im Neymar-Fieber. Als die Selecao Brasileira am Donnerstag in ihrer nicht sonderlich luxuriösen 4-Sterne-Unterkunft eintrifft, hängen einige Fans in den Bäumen um das Hotel. Die Neymarzetes, pubertierende oder auch schon etwas ältere weibliche Groupies, kreischen lauthals seinen Namen in alle Windesrichtungen. Wie war das mit dem Vergleich mit Teenie-Idol Justin Bieber?

Telefonat mit Doktor Tostao
Am Vortag des Spiels steht ein bereits längere Zeit vereinbartes Interview mit Eduardo Goncalves de Andrade auf dem Programm, der unter seinem Künstlernamen Tostao in den 1970er Jahren in der wohl besten brasilianischen Auswahl aller Zeiten als Mittelstürmer brillierte. Nachdem er seine Karriere wegen einer Netzhautablösung schon mit 26 Jahren beenden musste, legte er mit einem Medizinstudium eine außergewöhnliche Karriere hin. Heute ist er neben seiner Tätigkeit als Kolumnist für die Quailtätszeitung Folha de Sao Paulo Arzt und Professor an der medizinischen Fakultät der Universität von Belo Horizonte.

Auf die Frage nach dem brennendsten Thema der letzten Tage, dem Geisteszustand von Luis Suarez, hält sich Tostao eher bedeckt, meint aber auch, dass Uruguays bissiger Starstürmer unbedingt in psychologische Betreuung begeben solle. Die Höhe der Strafe für Suarez findet Tostao überzogen, eine reine WM-Sperre wäre adäquater gewesen. Zum Achtelfinal-Gegner Chile fällt Tostao fast nur Gutes ein. "Sie sind zu meiner zweitliebsten Mannschaft geworden und haben sich seit dem Amtsantritt von Jorge Sampaioli 2010 nochmals in allen Mannschaftsteilen gesteigert. Trotzdem rechne ich mit einem Sieg der Brasilianer, weil wir aufgrund der doch eher kleingewachsenen chilenischen Verteidiger einen entscheidenden Vorteil bei hohen Bällen und Standards haben werden."

Friedliche Fans, nervöse Akteure
Der Matchtag beginnt mit einem frühen Aufbruch von unserem Privatquartier in Sichtweite des Stadions Independencia im Stadtteil Bairro Horto. Der Ankick um 13 Uhr Ortszeit zählt definitiv zu den schlechteren Einfällen der WM-Organisatoren. In der extrem weitläufigen Sperrzone um das Estadio Mineirao in Pampulha dominiert das Gelb der brasilianischen Dressen. Es sollen zwar mindestens 20.000 Chilenen in der Stadt sein, die teilweise mit Bussen angereist kamen, aber nur die wenigsten von ihnen haben Karten. Die Atmosphäre zwischen den beiden Fanlagern ist - von kleineren Sticheleien abgesehen - durchaus freundschaftlich, gerade wenn man bedenkt, was für ein mediales Gefecht sich die Trainer, Spieler und Medien in den Tagen davor geliefert haben.

Auf dem Feld geht dieser Kampf vor der Gänsehautkulisse von 57.000 Zuschauern nahtlos weiter. Die Chilenen attackieren früh und hart, um Brasilien nicht ins Spiel kommen zu lassen und verletzen Neymar am Oberschenkel. David Luiz, Luis Gustavo und der anstatt Paulinho im defensiven Mittelfeld aufgestellte Fernandinho zahlen es ihnen mit gleicher Münze zurück. Und auch Neymar lässt sich seinerseits zu zwei Attacken hinreißen, die ihm der ansonsten sehr souveräne Schiedsrichter Howard Webb ohne gelbe Karte durchgehen lässt, die ihn im Viertelfinale zum Zuschauen verurteilt hätte.

Unsichtbarer Fred, uneinsichtiger Scolari
Das Spiel ist von Nervosität geprägt, die sich auch nicht legt, als David Luiz nach einer Ecke die Vorhersage von Tostao bestätigt und den Ball aus kurzer Distanz über die Linie drückt. Die Coaching-Zone scheinen an diesem Tag ohnehin jegliche Bedeutung verloren zu haben, ständig verlassen sie die Betreuer beider Seiten, um auf den vierten Offiziellen, den Schiedsrichter oder seine Assistenten einzuwirken. Die Brasilianer sind in diesem Wirbel die überlegene Mannschaft, bekommen jedoch den Ausgleich, als Hulk nach einem Einwurf leichtfertig den Ball verschenkt und Alexis Sanchez vor dem Tor eiskalt bleibt.

Nach der Pause fällt Neymar zurück, doch Luiz Felipe Scolari kann ihn nicht austauschen. Beim unsichtbaren Fred will er das nicht tun und ersetzt ihn erst viel zu spät durch Jo, der auch alles andere als eine glückliche Figur macht. Die Aussagen von Kaka im Blogeintrag vom Vortag werden durch das Auftreten der beiden Stürmer in diesem Spiel klar widerlegt - und einmal mehr stellt sich die Frage, ob Brasilien nur mit (dem nun angeschlagenen) Neymar in der Abteilung Attacke die großen Ziele erreichen kann. Die Chilenen erhalten jedenfalls zunehmend mehr Zugriff aufs Spiel und gewinnen beim Ballbesitz an Anteilen. Gefährlich vors Tor kommen sie jedoch kaum, was einerseits mit der erneut starken Defensive des Gastgebers, aber auch mit dem Austausch von Arturo Vidal zu tun hat, der wie Sampaioli danach in der Pressekonferenz zugibt, an keinem der vergangenen Tage schmerzfrei war und trotzdem trainiert und gespielt hat.

Auch die Verlängerung verläuft weitgehend ereignislos, woran auch das lautstarke Publikum nichts ändern kann. Dass der Schuss des eingewechselten Mauricio Pinilla in der 119. Minute von der Stange zurückprallt, ist zwar Glück für Brasilien, aufgrund der Chancenverteilung hätte ein Tor der Chilenen das Spiel aber doch ziemlich auf den Kopf gestellt. So bleibt es Julio Cesar im Elferschießen vorbehalten, zum Helden des Spiels zu avancieren, indem er zwei Penaltys pariert und ein weiterer Versuch der Chilenen von der Innenstange ins Feld zurückspringt.

Vom Deppen zum Helden zum Deppen
Der Jubel im Stadion ist groß, noch einmal wird das Lied vom zurückkehrenden Champion ("O campeao voltou") angestimmt. In der anschließenden Pressekonferenz darf Julio Cesar als "Man of the Match" die Früchte seiner Elferparaden ernten. In einem sehr sympathischen Auftritt erzählt der 2010 nach dem Out im Viertelfinale gegen die Niederlande schwer gescholtene Torhüter von seinen Tränen vor dem Elferschießen und sagt: "Es ist nicht angenehm der Depp zu sein, aber es war eine wichtige Erfahrung für mich, auch weil ich gesehen habe, wie viele Leute zu mir stehen. Die brasilianischen Fans und wir Spieler haben ein Spiel wie das heute gebraucht."

Ob diese Aussage auch auf seinen Trainer zutrifft, ist nicht so sicher. Denn Felipao wirkt bei seinem Auftritt gezeichnet von den letzten Tagen. Der 65-Jährige leistet sich die Peinlichkeit zu sagen, dass man erst morgen wissen werde, ob der nächste Gegner Kolumbien oder Uruguay heiße und checkt erst nach Hinweisen der Journalisten, dass das zweite Achtelfinale zu diesem Zeitpunkt bereits seit fünf Minuten läuft. Außerdem zeigt sich der Teamchef von seiner nachtragenden und nationalistischen Seite. "Das Match heute war fast wie ein Krieg. Wir haben den Chilenen danach die Hand gegeben, aber nur weil es sich so gehört", sagt Scolari, dem die Geschichten in zahlreichen ausländischen Medien, wonach die Schiedsrichter Brasilien bevorzugen würden, ganz offensichtlich zu Kopf gestiegen sind.

"Wir werden von allen Seiten mit Steinen beschossen", sagt der brasilianische Teamchef. "Ihr Journalisten schmeißt damit, die Chilenen und auch andere Teams. Vielleicht sind wir zu nett. Vielleicht muss ich zu meinem alten Stil zurückkehren und aggressiver auftreten." Vielleicht aber auch nicht, alter Mann, möchte man ihm zurufen, doch die Etikette gebietet Einhalt. Und vielleicht wird Felipao in den nächsten Tagen auch begreifen, dass man nicht Weltmeister wird, wenn man sich im Schützengraben verbarrikadiert und auf alles schießt, was kein gelbes Trikot trägt.

 

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Referenzen:

Rubrik: WM-Blog 2014
Thema: Brasilien, Chile
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