Scolari und die neuen Deutschen

England scheitert zum dritten Mal in Folge bei einem großen Turnier an einer Elf des brasilianischen Trainers
Gastautor | 03.07.2006

Gary Neville war zuversichtlich, als er die Pressekonferenz des englischen Teams vor dem Spiel gegen Portugal in Gelsenkirchen beendete. "Ich bin sicher, dass dies unser großer Moment wird", erklärte der Verteidiger von Manchester United. Doch es kam wieder einmal anders, als man es sich im "Mutterland des Fußballs" 40 Jahre nach dem ersten und einzigen Titelgewinn im Weltfußball gewünscht hatte. Der Weltmeister von 1966 verlor zuerst Stürmer Wayne Rooney durch Platzverweis und dann das Elfmeterschießen gegen Portugal mit 1:3.

Während David Beckham und die an sich hart gesottenen Kollegen John Terry und Rio Ferdinand bittere Tränen vergossen, triumphierte ein anderer: Luiz Felipe Scolari. Der 57-Jährige Brasilianer schaffte einen ungewöhnlichen WM-Rekord. Er schickte mit einer von ihm trainierten Mannschaft damit zum dritten Mal in Folge bei einem großen Turnier das "Three Lions"-Team zurück auf die Insel. Ab in die Depression. Wieder mal. Es scheint kein Wunder zu sein, dass man sich in England vor dem wortgewaltigen und mitunter knorrigen Mann aus Brasilien so fürchtet. In seiner Heimat nennen sie ihn den "Preußen", weil er ein echter Disziplinfanatiker ist und die von den Engländern so sehr gefürchteten "deutschen Tugenden" auch auf der iberischen Halbinsel salonfähig gemacht hat. "Sergeant" lautet ein weiterer Spitzname Scolaris - auch aufgrund seiner militärischen Ausbildung - und "Die Kunst des Krieges" vom chinesischen Meister Sun Tzu gehört zu seiner Lieblingslektüre.

Zum ersten Mal machte Scolari den Engländern vor vier Jahren in Asien mit Brasilien im WM-Viertelfinale den Garaus: Die "Selecao" siegte in Unterzahl 2:1, weil Ronaldinho Englands Keeper David Seaman mit einer Freistoßflanke lächerlich machte. Zwei Jahre später, bei der EURO 2004 in Portugal, folgte der zweite Akt des Dramas. Die Portugiesen schlugen England am 24. Juni 2004 in Lissabon mit 6:5 im Elfmeterschießen, Scolaris nächster Triumph.

Besonders pikant wurde die Angelegenheit vor dem dritten Treffen in Gelsenkirchen auch deshalb, weil Scolari noch im Frühjahr ein Engagement als englischer Nationaltrainer empört abgelehnt hatte. Die britischen Journalisten, die vor seinem Haus in Portugal ein Zeltlager errichtet hatten und seine Familie auf Schritt und Tritt verfolgten, waren ihm mehr als ein Dorn im Auge.

Nun hat er England mit Portugal ein drittes Mal geschlagen. Auf der Insel fürchtet man Portugal bereits als die "neuen Deutschen." Die galten vor Scolari als Albtraum, hatten sie England doch bei der WM 1990 und - zu allem Elend - auch bei der EURO 1996 im eigenen Land im Elfmeterschießen besiegt.

England bei großen Turnieren, da wird die Angst vor dem eigenen Versagen oft greifbar. Im Spiel gegen Portugal begegneten die "Three Lions" nach 120 torlosen Minuten wieder einmal ihrem eigenen Trauma, dem Elfmeterschießen. Vom ominösen Punkt aus wurden die Engländer die Dauer-Pechvögel der jüngeren WM- und EM-Geschichte. Selbst Scharfschützen wie Steven Gerrard und Frank Lampard versagten, wie vor ihnen Chris Waddle, Stuart Pearce, Gareth Southgate, David Beckham und Darius Vassell.

Bei so viel Pech blieb Gary Neville nach dem Ausscheiden nur noch die Flucht in die Ironie: "Irgendwann werden wir Engländer wieder einen großen Titel feiern. Und wenn es erst 2086 ist."

Carsten Germann, Köln

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Rubrik: WM-Tagebuch
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