Sechs Kisten, alles rot und weiß

cache/images/article_1115_turkiye_140.jpg Österreich hat das Länderspieljahr also mit einer 2:4-Niederlage gegen die Türkei beendet. Ein Stadionbesuch geprägt von schönen Toren, überforderten Ordnern und unverständlichen Einwechslungen.
Helmut Neundlinger | 20.11.2008
Bereits die Anreise in den Prater bringt einen Vorgeschmack auf die Umkehrung der Verhältnisse, die mich im Stadion erwarten sollte: Die U2 ist fest in der Hand kleinerer und größerer Gruppen von türkischen Fans. In Nationalflaggen eingehüllt oder mit Trikots der großen Drei des Istanbuler Fußballs bewehrt, pilgern sie Richtung Fußballstadion. Die wenigen verbliebenen Österreich-Afficionados sind nur bei äußerst genauem Hinsehen als solche zu identifizieren rot und weiß vermischt sich gern.

 

Da und dort wandern österreichische und türkische Fanartikel Seite an Seite. Auch vor dem Stadion herrscht familiär-mittelständische Atmosphäre wozu Aufregung, denn erstens geht es ja um nichts und zweitens wird die Türkei ohnehin gewinnen: »5:0« oder »3:1«, wie mir von einer Gruppe ausgesucht höflicher Besiktas-Fans versichert wird. Ich habe dem wenig entgegenzusetzen und mache mich noch zusätzlich mit einer Kaugummi-Spende beliebt. Mit schüchternem Augenniederschlag wird das Geschenk entgegengenommen und mit frischem Atem das Stadion erklommen.

Drinnen erwartet mich das, was ich ohnehin erwartet hatte, nur jetzt in echt: Annähernd 20.000 Türken singen das annähernd vollzählig angetretene Pielachtal (ca. 1000 Einwohner) nieder. Auf dem Platz geht es 25 Minuten äußerst zäh her. Zwei Teams, die in dieser Formation wohl zum ersten und zum letzten Platz aufeinander treffen, bemühen sich um ein halbwegs unpeinliches gegenseitiges Kennenlernen. Österreich agiert eine Spur ambitionierter, vor allem Okotie und Hölzl zeigen Mut und Initiative.

In der 30. Minute tritt etwas ein, womit nach dem mäßigen Gegurke zu Beginn nicht bedingungslos zu rechnen war: Hölzl schließt einen Angriff über die rechte Flanke mit einem schönen Kopfball über Volkan, den schönen Tormann, hinweg ab. In der Folge tritt wiederum etwas ein, womit der erfahrene Beobachter des österreichischen Nationalteams immer rechnen muss: Die Mannschaft gibt sich Blöße, das Spiel aus der Hand und den Türken Gelegenheit, ihre Kunst am Ball weitgehend ungestört zu zelebrieren. Zur Pause stehts schon 1:2, flach und hoch, jedenfalls trocken via one touch gegen eine äußerst hüftsteife Verteidigung herausgekegelt von Tuncay, Mehmet, Kazim & Co.

Nach der Pause passiert das, womit auch der fatalistischste Beobachter des österreichischen Fußballs kaum mehr gerechnet haben dürfte: Joachim »Jokl« Standfest darf noch mal ran vermutlich aufgrund seiner soliden Leistungen beim Meisterschaftsmitfavoriten Austria. Ihn trifft jedoch keine Schuld beim 1:3, das Paul Scharner mit einem unfreiwilligen Übersteiger im eigenen Strafraum vorbereitet. Augenzeugen zufolge soll Teamchefassistent Andreas Herzog unverzüglich und telefonisch Kontakt mit Mentalcoach Valentin Hobel aufgenommen haben. Kurz flackert noch einmal Hoffnung auf im Pielachtal, als der freche Hölzl ein weiteres schönes Tor erzielt, diesmal mit dem Fuß, wiederum über Volkan hinweg ins Eck. Ohrenzeugen zufolge soll ihn Christoph Leitgeb beim anschließenden Torjubel eindringlich angehalten haben, nur ja nicht abzuheben, sollte er in der nächsten Woche Heinz Hochhauser anrufen.

Nachdem kurz darauf einmal mehr Tuncay das hypostasierende Chaos im österreichischen Strafraum zum 2:4 nützt, lässt sich Karel Brückner völlig gehen: Ohne auch nur irgendjemand angerufen, angebrüllt zu haben oder gar zum Rücktritt gezwungen worden zu sein, wirft er Rene Aufhauser in der Schlacht. Die Türken zittern nur kurz und verlegen sich auf das, was sie wohl nicht nur an diesem Abend besser können als die Österreicher: Sie spielen Fußball, sprich: bringen ihre Passes weitestgehend an den eigenen Mann und überspielen zuweilen gar den einen oder anderen Gegner.

So klingt ein phasenweise entropischer Abend recht unspektakulär aus hätten da nicht einige junge Herren aus dem türkischen Fanblock am Ende noch ein besonderes Spiel für sich entdeckt: Einer nach dem anderen springt auf die Laufbahn und gibt sich ein »Fangerl« mit den aufgrund der exorbitant ansteigenden Zahl an Flitzern komplett überforderten Ordnern, die dem freundschaftlichen Charakter der Partie entsprechend glücklicherweise auf böse Checks und Würgegriffe verzichten.

Was genau die kollektive Psychose ausgelöst hat, konnte vor Ort nicht eruiert werden. Rene Aufhauser und Joachim Standfest werden dem Team jedenfalls wohl weiterhin zur Verfügung stehen. Allein schon aufgrund ihrer jahrelangen Scheiternserfahrungen. Irgendwer muss Hölzl & Co. ja auch in diese Kunst einführen.

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Rubrik: Aktuell
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