Seelenwaschung und Torschusspanik

cache/images/article_2099_brasil_140.jpg CONFED-BLOG Brasilien hat sich rechtzeitig vor Turnierbeginn entkrampft. Doch allgemeine Zuversicht will auch nach dem 3:0 über Frankreich nicht aufkommen. Presse und Fans vermissen einen Lenker in Felipe Scolaris Selecao. Und Barcelona-Neuzugang Neymar wartet bereits 842 Minuten auf ein Tor.
In Santa Teresa herrscht Sonntagsstimmung. Bei Temperaturen von knapp 30 Grad suchen die Leute auch auf den Hügeln über dem Zentrum Rios den Schatten. In Gruppen genießen sie auf den Gehsteigen und vor den zahlreichen Bars des ehemaligen Portugiesenviertels ein gemütliches Bier. Je näher das Match gegen Frankreich rückt, desto voller wird es im  Restaurant »Nega Teresa« an der Rua Monte Alegre. Tische werden zusammengerückt, die anwesenden Fans widmen sich zunächst aber einmal der Nachbesprechung der Ligapartien vom Vortag. Vasco- und Flamengo-Fans ziehen sich gegenseitig wegen des beiderseits verpatzten Saisonauftakts auf.

Hohn und Spott für Lloris und Neymar
Der letzte Test der Selecao vor dem Confed-Cup ist gerade einmal ein paar Spielzüge alt, da geht ein Raunen durchs Gastzimmer. Frankreichs Torhüter Hugo Lloris sieht sich zu einem Dribbling außerhalb des Sechzehners veranlasst und verliert prompt den Ball. Das leichtsinnige Manöver bleibt allerdings ohne Folgen. Die Beislgäste nehmen die Aktion mit einer Mischung aus Verwunderung und Hohn auf. »Spinnt der Typ? Weiß er nicht, gegen wen er spielt?«, meint mein Sitznachbar Ricky.

Abgesehen davon sind die Aufreger in den ersten 45 Minuten rar gesät. Das Spiel geht zwar schnell rauf und runter und ist für ein Freundschaftsmatch durchaus leidenschaftlich geführt, klare Torszenen bleiben aber Mangelware. Die Gespräche der Barbesucher schweifen ab. Neymar wird gehänselt, als er knapp am 1:0 vorbeirutscht. Gerade unter den Cariocas, wie die Bewohner Rios genannt werden, ist der ehemalige Santos-Star aus dem Bundesstaat Sao Paulo nicht sonderlich beliebt. Seine Torflaute ist ein weiterer Grund für sein schlechtes Standing. Seit nunmehr neun Spielen oder fast zwei Monaten hat der teuerste Spieler Brasiliens weder auf Klub- noch auf Teamebene einen Treffer erzielt.

Das Ende des Fastens
Nach der Pause ändert sich das Bild in der mit 51.600 Zuschauern vollgepackten Gremio-Arena von Porto Alegre. Scolari hat seinen Offensivverbund mit leicht veränderten Aufgaben wieder aufs Feld geschickt - und prompt gelingt dem gut aufgelegten Oscar nach einem nicht geahndeten Foul an einem Gegenspieler das 1:0. Im Restaurant wird abgeklatscht und das nächste Bier bestellt. Die Trinklaune steigt, denn die ohne Franck Ribery angetretenen Franzosen sind nicht in der Lage, den brasilianischen Sieg zu gefährden.

In den letzten zehn Minuten sorgen der eingewechselte Hernanes und Lucas per Penalty für einen etwas zu hohen Sieg - erst den zweiten im siebten Match unter Scolari. Die Statistik hat aber noch eindrucksvollere Facetten zu bieten: 21 Jahre hatten die Brasilianer auf einen Erfolg gegen Frankreich warten müssen. Und ganze 48 Spiele ist es her, dass Brasilien zuletzt einen (ehemaligen) Weltmeister gebogen hat.

Spielgestalter dringend gesucht
Die Presse reagiert am nächsten Tag erleichtert, aber alles andere als euphorisch. »Die Seele ist gewaschen«, titelt das Revolverblatt Mais. Die Sporttageszeitung Lance! schreibt: »Brasilien beendet die Fastenzeit und gewinnt den Classico.« Beide Blätter machen jedoch nicht mit dem Länderspiel auf, sondern widmen ihre Coverstorys dem Meisterschaftsgeschehen und der Trainersuche von Flamengo, wo Scolaris Vorgänger als Teamchef, Mano Menezes, einen neuen Job finden dürfte.

In Lance! schreibt Benjamin Bach in seinem Leitartikel von einem einfachen Sieg gegen eine französische B-Elf und einer »apathischen und schläfrigen ersten Hälfte«. Die herbe Kritik an der Selecao in den letzten Monaten hat mittlerweile eine Metaebene erreicht: Bach weist explizit darauf hin, dass er kein Gegner der Nationalmannschaft sei, es aber als seine journalistische Pflicht ansehe, den unzureichenden Spielstil zu kritisieren. Sein Kollege Rodrigo Vessari kommentiert, in Scolaris 4-2-3-1-System fehle es an einem kühlen Denker: »Es sind die Läufer, die in Scolaris Auswahl das Spiel bestimmen.« Neymar ist einer von ihnen. Sein größter Wunsch dürfte es aber sein, den Negativlauf beim Toreschießen am Samstag im Eröffnungsmatch des Confed-Cups gegen Japan zu beenden.
 

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