Shakira und der schmerzliche Abgang

cache/images/article_1676_aus_140.jpg U20-WM Ein Blick sagt oft mehr als tausend Worte. Warum der ballesterer-Korrespondent schon am Vorabend der Niederlage gegen Ägypten vom Ausscheiden des ÖFB-Teams überzeugt war und er in Palm Beach kein Unbekannter mehr ist.
Robert Florencio | 07.08.2011
Wer den Blog bisher verfolgt hat, der weiß bereits von meiner Vorliebe für Pressekonferenzen vor dem Spiel. Obwohl die Trainer natürlich diplomatisch taktieren, lässt sich doch einiges erfahren und Vermutungen konkretisieren oder verwerfen. So geschehen am Vorabend des 0:4 gegen Ägypten. Andreas Heraf war die Anspannung förmlich ins Gesicht geschrieben, er erschien ausgelaugt, seine Antworten waren trocken, humorlos  und  beklagten vor allem die zahlreichen vergebenen Chancen in den ersten beiden Spielen. Ganz anders dann der ägyptische Coach El Sayeed Diaa, der vor Wortwitz und Energie nur so sprudelte und ein wahres Feuerwerk an Statements zündete. Auf die scherzhafte Frage eines kolumbianischen Reporters, ob es in Ägypten nur die Vornamen Mohamed und Ahmed gebe, weil deren acht in der Startformation stünden, antwortete er schlagfertig: »Ja, das ist so wie bei euch, wo ja auch jeder Zweite Jose heißt.«  

Als die Reihe an mir ist, wird es wieder lustig. Ich vergleiche den relaxten Auftritt der ägyptischen Mannschaft außerhalb des Feldes, wo die Spieler beispielsweise jeden Tag Riesenportionen Pommes Frittes zu den Speisen ordern, und alles fast wie ein Familienurlaub wirkt, mit dem Auftritt der Dänen, die bei der EM-Endrunde 1992 aus dem Urlaub kommend sensationell des Titel geholt hatten. El Sayeed greift den Vergleich gern auf, meint aber: »Die Dänen kamen damals aus dem Urlaub, wir kommen aber von der Revolution!« Beeindruckt von dieser Aussage darf der ballesterer-Berichterstatter nach Ende der Presserunde wieder einmal für zwei Radiostationen Rede und Antwort stehen, wobei der Reporter des spanischsprachigen Senders aus West Palm Beach, Florida , besonders detailliert über die Befindlichkeiten des österreichischen Teams informiert werden will. Dazwischen spricht er selbst eine Werbeansage über ein Diskontangebot von Matratzen in einem lokalen Möbelhaus, die ich allerdings erfreulicherweise nicht kommentieren muss. Zum Abschluss besteht er auf einen persönlichen Gruß meinerseits an alle Hörer in West Palm Beach, den ich gern erfülle.

Am Matchtag warte ich in der Lobby des Hotels Hilton Cartagena auf den technischen Direktor des ÖFB, Willy Ruttensteiner, mit dem ich unmittelbar vor Abfahrt der Delegation ins Stadion ein halbstündiges Interview vereinbart habe. Der Gesprächsinhalt ist Teil meines übernächsten Blogs. Ich werde knapp fertig, draußen warten schon Präsident Windtner und der Delegationsleiter auf die Abfahrt. Unsere kleine Journalistenabordnung folgt eine Stunde später nach. Während ORF-Mann Peter Brunner schon gerne die Heimfahrt antreten möchte und daher über ein heutiges Ausscheiden nicht allzu betrübt wäre, hoffen alle anderen auf den Weiterverbleib, wissen aber, dass es sehr schwer werden wird. Wieder einmal liegt diese bleierne Schwüle in der Luft, die jeden am liebsten den ganzen Tag im Hotelschwimmbecken verbringen lassen würde. Im Pressezentrum dann die nächste schlechte Nachricht, die uns Medienchef Peter Klinglmüller mitteilt: Die Spieler Georg Teigl und Kevin Stöger sind plötzlich erkrankt und liegen mit Fieber im Bett. Am Fernseher läuft das Spiel England vs. Mexiko, das drei Stunden vor Beginn unseres Spiels im selben Stadion angesetzt ist. Es ist langweilig und endet mit 0:0. Der englische Teamchef gesteht in der Pressekonferenz ein, wohl einen neuen Weltrekord für Gruppenspiele mit einer Triple-Nullnummer aufgestellt zu haben, ersucht aber um Nachsicht aufgrund der Jugend der Spieler und der Nicht-Freigabepolitik der englischen Großklubs, die ihn hier zur Nominierung einer Notelf gezwungen hätte. Ich warte das Ende des traurigen Gesuderes nicht ab und bewege mich auf die Tribüne.

Der Twitter-Channel #u20wm läuft heute schon recht heiß, wenn man die unmögliche Beginnzeit in Österreich berücksichtigt. Pressemann Klinglmüller gibt uns die letzten Details bekannt und teilt uns mit, dass es Andreas Heraf heute mit einem 4-4-2 versuchen wird. Er hat sich also Ney Francos brasilianischen Ratschlag zu Herzen genommen und stellt neben Andreas Weimann den Rieder Robert Zulj auf. Peter Brunner beginnt spaßhalber, die ersten Aktionen wie im Stil einer Radioreportage zu kommentieren. Leider ein exklusives Vergnügen für mich.  Die erwarteten 20.000 Zuseher in der Heimat müssen mit Erwin Hujecek das Auslangen finden, was auf Twitter alsbald schon zu Proteststürmen führt.

Die ersten zehn Minuten des Spiels schaut es so wie am Beginn gegen Brasilien aus, zwei gute Chancen lassen den Wunsch nach Toren endlich realisierbar erscheinen. Es sollte sich alsbald als Illusion herausstellen. Das diszpliniert über die ganze Spielzeit durchgezogene 4-2-3-1 der Ägypter, verbunden mit größerer körperlicher Robustheit, besserer Ausdauer und versierter Technik, die mit ihren Kurzpassstaffetten durchaus »südamerikanisch« anmutet,  gewinnt bald die Hoheit über das Spielfeld. Gefährlich vorgetragene Konter über Salaah und Hassan sorgten immer für brenzlige Situationen. Der von Schimpelsberger  unglücklich abgefälschte Ball zum Führungstor der Ägypter wird somit dem Spielverlauf durchaus gerecht. Spasshalber twittere ich: »Wir weinen auf der Tribüne.« In Wahrheit erinnern wir uns, was uns Heraf nach dem letzten Spiel in der Mixed Zone mitgeteilt hat: Dass die sogenannte sechste Halbzeit, also die letzte Hälfte im letzten Spiel, die Entscheidende sein würde.

Die natürlich von Shakira gesungene Pausenmusik ist schon ein Vorbote auf kommendes Ungemach. »Ay, que duele tanto« schallt die Textzeile durchs Oval, was so viel heisst wie »Ach, es schmerzt so sehr.« Und das sollte dann am Feld sogar sehr intensiv geschehen.  Zwei nicht glücklich verlaufene Auswechslungen zur Pause, wobei vor allem Gucher Orientierungsprobleme hat, sollten den Traum vom Wunder von Cartagena leider rasch in Luft auflösen. Ein Doppelschlag durch Mohamed Ibrahim in der 60. und 62. Minute, aus dem nach dem 3:0 in der 82.Minute schließlich sogar noch ein reiner Hattrick werden sollte, schickten die ÖFB Auswahl endgültig und verdient auf die vorzeitige Heimreise.

Nach dem Abpfiff gehts sofort in den Pressekonferenzraum, der heute strafmildernd endlich einmal nicht auf nur 15 Grad Eiskastentemperatur herabgekühlt ist. Der ägyptische Coach taucht auf, sieht mich und gibt mir sofort die Hand. Ich gratuliere zum Sieg, er entschuldigt (!) sich und will mich fast trösten. Meine Frage schließt an die gestrige an: Es wäre tatsächlich eine Revolution gewesen, die die Ägypter auf dem Spielfeld gezeigt hätten, die ÖFB-Auswahl hätte dagegen in der zweiten Hälfte wie eine Trousitengruppe gewirkt. El Sayeed der kurioserweise immer Australia statt Austria in seinem guten Englisch sagt bedankt sich für die Frage, meint aber die klimatischen Bedingungen würden seinen Burschen eben besser liegen als den Österreichern. Anschließend erscheint ÖFB-Teamchef Heraf. Er wirkt gebrochen und müde, und muss sich nur einer Frage stellen. Die lokalen Journalisten dürften ein Gespür haben, dass man ein weidgeschossenes Wild nicht noch  noch zusätzlich attackiert. Auch der ballesterer-Berichterstatter ist froh, diesmal von  Fragestellern verschont geblieben zu sein. Denn wer erklärt schon gerne ein Debakel?

Heraf kommt dann nochmals in die Mixed Zone, regt sich zunächst furchtbar bei den ORF-Leuten über die Kommentatorleistung des schlecht vorbereiteten Erwin Hujecek auf und schüttet den Reportern dann seine Seele aus. Es gebe nichts zu beschönigen, das Team habe leider versagt, wer keine Tore schieße, habe kein Weiterkommen verdient, meint Heraf und denkt nicht an die Engländer. Er habe menschlich einiges dazugelernt, will dann aber nicht ins Detail gehen. Wir vermuten unter anderem eine Replik auf die scharfen Kritiken von ORF-Chefanalytiker Prohaska an Herafs Aufstellungsvarianten.

Ein langer, unerfreulicher Abend geht zu Ende. Wir bewegen  uns Richtung Ausgang, als mich in der Tür nochmals der FIFA-Media-Officer Amanuel Abate aus Äthiopien zur Seite nimmt und für die beste Fragestellung des heutigen Abends lobt. Preis gibt es dafür leider keinen, freuen kann ich mich auch nicht. Schöner wäre gewesen, er hätte mich für die schlechteste Fragestellung des Abends gerügt und das ÖFB-Team wäre im Achtelfinale.

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Rubrik: Aktuell
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