Showdown im Prater

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Simmering gegen Kapfenberg im alten Praterstadion als Inbegriff heumarktähnlicher Catchereien und verbotener Untergriffe? Nein, es geht noch viel brutaler. Wenn sich am Dienstag die UEFA-Granden in Wien zum 39. Ordentlichen Kongress des europäischen Fußballverbandes in der Messe Wien treffen, wird am glatten Parkett der Fußballdiplomatie wohl schlimmer geholzt werden als auf dem grünen Rasen. 

Robert Florencio | 20.03.2015

„Eine Anekdote möchten Sie hören?“, lacht ÖFB-Generaldirektor Alfred „Gigi“ Ludwig am anderen Ende der Leitung in den Hörer. „Der letzte Kongress 1994 in Wien war nicht so aufregend wie der heurige. Aber eines bleibt mir unvergesslich: der Opernabend. Eigentlich sollten die Herren Delegierten ihre Ehegattinnen zu der vorreservierten Vorstellung begleiten. Allein König Fußball hat dazwischengefunkt. Fand doch ausgerechnet am jenem 28. April das erste UEFA-Cup-Finale mit österreichischer Beteiligung im Happel-Stadion statt, das Spiel, das die Salzburger Austria so unglücklich mit 1:0 gegen Inter Mailand verloren hat. Natürlich wollten alle das Spiel sehen, und das Interesse an den Opernkarten tendierte gegen Null. Glücklicherweise fanden sich mit dem damaligen ÖFB-Finanzreferenten Dr. Wendl und dem DFB-Präsidenten Braun dann doch zwei wahre Gentlemen, die den Damen Gesellschaft leisteten.“ Bleibt dieser letzte UEFA-Kongress also eher mit Banalitäten in Erinnerung, so waren die beiden vorangehenden, die in der Bundeshauptstadt stattfanden, von durchaus wichtiger Bedeutung.

Historische Entscheidungen
So war es Wien – auch als Hommage an den kurz zuvor verstorbenen ÖFB-Präsidenten und UEFA-Vize Dr. Josef Gerö – vorbehalten, den allerersten UEFA-Kongress am 2. März 1955 auszurichten. Gerade einmal 31 Vertreter des alten Kontinents, der tief in der Ost-West-Spaltung gefangen war, trafen sich am Sitz des österreichischen Verbands in der Mariahilferstraße, um einstimmig die Aufnahme des 32. Mitglieds, der Türkei zuzustimmen. Die Vorschläge für eine Europameisterschaft der Nationalmannschaften wurden mit 18:10 Stimmen bei drei Enthaltungen zwar noch relativ deutlich zurückgewiesen, Ideen zur Lukrierung finanzieller Mittel aus Radio und TV-Übertragungen sowie dem Sportwetten- und Toto-Geschäft jedoch schon damals andiskutiert. 17 Jahre später sollte man sich neuerlich wieder am gleichen Ort treffen. Während die Fußballfans gespannt dem am Wochenende folgenden WM-Quali-Heimspiel gegen den Hauptrivalen Schweden um ein Ticket zur WM 1974 in Deutschland entgegenfieberten, konnte der ÖFB einen bis heute nicht wiederholten Erfolg auf Funktionärsebene erringen. Dr. Heinz Gerö, der Sohn des ehemaligen UEFA-Vizepräsidenten, wurde ins UEFA-Exekutivkomitee gewählt und konnte diesen Sitz bis zu seinem Rückzug aus allen Funktionen im Jahr 1988 bewahren. Gleichzeitig wurden bei diesem Kongress auch neue Statuten und der Strafrahmen bei UEFA-Bewerben beschlossen.

Wenn nun am kommenden Dienstag die Vertreter der mittlerweile 54 Mitgliedsländer am Wiener Messegelände zusammenkommen, wird der ÖFB ein sehr höflicher, aber auch diskreter Gastgeber sein. Auf Nachfrage, ob man irgendwelche Akzente bezüglich Bewerbung für Turniere im Jugend- oder Frauenbereich setzen oder eventuell einen Vorstoß für eine Bewerbung für ein Europa League-Finale in einem tauglichen Stadion wie dem Wörtherseestadion in Klagenfurt wagen werde, verneint der ÖFB-General. Auch die Situation von 1972 mit der Wahl eines Österreichers in das Exekutivkomitee wird sich nicht wiederholen, da bei diesmal sieben zur Wahl stehenden Mitgliedern kein heimischer Vertreter kandidieren wird. Somit bleibt mit Thomas Partl als Vorsitzendem der Kontroll- und Disziplinarkammer ein einziger Österreicher in leitender Funktion beim Kontinentalverband mit Sitz in Nyon am Genfer See.

Neuer Wettbewerb, alter Präsident
So zurückhaltend man sich in diesen Fragen verhält, möchte man den finanziellen Bereich genau ausdiskutiert haben. Die vorgesehene Zentralvermarktung der UEFA Nations League, die ab dem Spieljahr 2018/19 die Freundschaftsspiele weitgehend ersetzen wird, bereitet Ludwig ein gewisses Kopfzerbrechen. „Da werden wir einige Hintergrundgespräche führen müssen. Es kann nicht sein, dass dann eventuell weniger herausschaut als mit unseren aktuellen Fernseh- und Bandenwerbungsverträgen.“

Abgesehen von den heimischen Befindlichkeiten wird der UEFA-Kongress aber vor allem deshalb für weltweite Resonanz sorgen, da er als Vorspiel für die Wahl des FIFA-Präsidenten bei deren Kongress am 29. Mai in Zürich gilt. Der bei vielen UEFA-Verbänden inzwischen leidlich unbeliebte Joseph S. Blatter wird sich in die Höhle des Löwen wagen und die Eröffnungsansprache des Kongresses halten. Viel Beifall darf er sich nicht erwarten, seine Hauptfeinde sitzen alle in diesem Verband, und auch seine drei Gegenkandidaten genießen breite Unterstützung in den europäischen Verbänden. Am Ende des Kongresses werden sie ihr Programm vorstellen, und Blatter wird hoffen, dass sie alle drei antreten und sich somit gegenseitig Stimmen wegnehmen. „Es ist aber durchaus absehbar, dass der eine oder andere Kandidat am Schluss seine Kandidatur wegen offensichtlicher Chancenlosigkeit zurücklegt“, wagt Ludwig eine Prognose für das Kongressgeschehen. Dem jordanischen Prinzen Ali Bin Al Hussein gibt er naturgemäß aufgrund geringen Bekanntheitsgrades wenig Chancen. Der langjährige Ajax-Funktionär Michael van Praag und der portugiesische Ex-Profi Luis Figo werden sich da wesentlich leichter tun. Die ÖFB-Delegation wird aber die Präsentation der drei Kandidaten abwarten, bevor Präsident Leo Windtner einen Wahlvorschlag an sein Präsidium abgibt, der üblicherweise einstimmig dann auch so übernommen wird. Konsultationen mit dem DFB und dessen Führungsspitze um Präsident Wolfgang Niersbach und Generalsekretär Helmut Sandrock werden dabei ebenfalls in die Entscheidungsfindung einfließen.

Eines steht somit vor Kongressbeginn schon fest: Der vierte in Wien stattfindende wird zweifelsfrei der spannendste mit großen Auswirkungen auf die Wahl des FIFA-Präsidenten. Das Einzige, was bis dato sicher ist, ist das Folgende: Michel Platini wird mit Standing Ovations in seine dritte Amtszeit seit 2007 gewählt werden und begibt sich damit auf die Spuren seines vom ihm geschassten Vorgängers. Der schwedische Langzeitpräsident Lennart Johannson stand 17 Jahre an der Verbandsspitze und ist damit bisheriger Rekordamtsinhaber in der 61 jährigen Verbandsgeschichte. Ob Platini mit seiner Entourage den Wahlerfolg im angrenzenden Schweizerhaus oder lieber bei einem Wiener Heurigen feiern wird, ist noch nicht klar. Fix ist aber: Der 79-jährige Kontrahent beim Weltverband wird dann schon die Heimreise auf den Zürichberg angetreten haben, Glückwunschtelegramme oder -mails ausgeschlossen ….

Referenzen:

Thema: FIFA, UEFA
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