Sommer

"Da draußen hatte es 29 Grad." David Beckham war erschüttert.
Gastautor | 14.06.2006

Ja, es herrscht Sommer in Deutschland. Und die weltbesten Ballesterer wurden davon hinterrücks überrascht. Wie von den in Frankfurt brütenden Briten nach ihrem nicht vollständig überzeugenden Debüt gegen Paraguay sollte in der Folge Seufzer auf Seufzer leidender Athleten erklingen.

Portugiesen, Niederländer, Iraner. Der insbesonders bei sich in fortgeschrittener Spielphase befindlichen Favoriten zu konstatierender Mattigkeitszuwachs wurde unisono dem fordernden germanischen Klima angelastet. "Es war die Wahl der Sonne, nicht unsere", so Sven-Göran Eriksson zur Defensivtaktik der zweiten Halbzeit.
Erste Krampfopfer waren zu beklagen, Keeper Edwin van der Sar wand sich in Leipzig. Zu wenig getrunken folgte der messerscharfe Expertenschluss auf dem Fuße. Einzig ein Schwede schien kühlen Kopf bewahrt zu haben. "Es war ziemlich warm draußen, aber um diese Jahreszeit sollten wir daran gewöhnt sein", blieb Tobias Linderoth Realist.

Auch die Firma Puma hat sich hinsichtlich des Temperaturniveaus verkalkuliert, haben die Deutschen doch offensichtlich Plastiksäcke als Basismaterial für ihre Dressen verwendet. Innerhalb kürzester Zeit kleben die Leibchen an den Spielerkörpern und beflecken so deren ästhetische Erscheinung erheblich. Und auch der Wohlfühlfaktor der sensiblen Profis wird beeinträchtigt.

Doch noch viel weitere Kreise zog der Einfall der jämmerlichen Jahreszeit. Alte Koordinatensysteme unserer Wahrnehmung gelten nicht mehr. Denn: Schönwetter ist 2006 erklärter Feind der gewesenen Freiluftsportart Fußball. Ab sofort werden daher die Dächer der famosen Arenen in Gelsenkirchen und Frankfurt geschlossen bleiben. Außer vielleicht bei Regen. Dafür wiederum können wir uns beim Schatten bedanken. Dieser geht in ärgerlicher Penetranz mit der Sonne einher und zaubert besonders im Verbund mit der Frankfurter Stadionarchitektur abstrakte Kunstwerke auf die Spieloberfläche. Leider machten diese das Verfolgen des Spielgeschehens zur Schwerarbeit. So litten also auch die Zuschauer.

Loben darf man immerhin die Kängurus aus dem Chemnitzer Zoo, von denen keinerlei Klagen zu vernehmen waren und deren Fußball-Sachverstand einwandfrei arbeitete. Im vierten WM-Tierorakel tippten die Beuteltiere auf einen italienischen Auftaktsieg und lagen damit bekanntlich ja goldrichtig.

Michael Robausch, Wien

Referenzen:

Rubrik: WM-Tagebuch
ballesterer # 120

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