Sorgenfalten bei Blatter und Marin

cache/images/article_2113_dsc_3416klkl_140.jpg CONFED-BLOG Rund ums Finale sind neue Massendemos angekündigt. Die FIFA zeigt sich offiziell unbeeindruckt, fürchtet aber, dass die WM nicht die erwarteten Zuschauermassen ins Land bringt. Und der umstrittene CBF-Präsident Jose Maria Marin wird von Demonstranten »Filho da ditadura« genannt.
Im Medienzentrum und bei den finalen Pressekonferenzen der beiden Finalisten herrscht »business as usual« und FIFA-Präsident Sepp Blatter hat am Vortag noch einmal sein Lob für die Organisatoren ausgedrückt und die in Brasilien gezeigten sportlichen Leistungen als die Besten in der Geschichte des Confed-Cups bewertete. Im Hintergrund laufen bei der FIFA jedoch Planungen, um für einen eventuellen Notfall gerüstet zu sein. Dieser würde eintreten, wenn die für heute Nachmittag angekündigten Demonstrationen zum Maracana-Stadion ähnlich wie beim Spiel Nigeria gegen Uruguay in Salvador eskalieren.

Allein 6.000 Militärpolizisten und 5.000 weitere Sicherheitskräfte werden für die bestbewachte Veranstaltung der brasilianischen Geschichte sorgen. Die Sorge der Organisatoren gilt vor allem der sicheren Anreise der 70.000 Fans. Sollten nämlich wieder Fanbusse attackiert werden oder die Besucher bei der Anfahrt durch tränengasgetränkte Zufahrtsstraßen laufen müssen, könnte das Konsequenzen für die WM nach sich ziehen.

Reisewarnung für die WM?
Ein untrügliches Zeichen ist schon jetzt die schwache Präsenz der europäischen Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees am Finaltag. Aus diversen Gründen haben einige der Herren ihre Teilnahme abgesagt. Eine durchaus ungewöhnliche Bild für ein großes FIFA-Turnier. Im Gespräch mit dem ballesterer im Anschluss an die Präsentation der russischen WM-Ausrichter von 2018 teilte das guatemaltekische Mitglied des Exekutivkomitees, Rafael Salguero, die Befürchtung, dass die großen europäischen Verbände im Falle weiterer Ausschreitungen in einer konzertierten Aktion die Verlegung oder Verschiebung der WM  fordern könnten oder zumindest gegenüber den eigenen Fans eine Art Reisewarnung aussprechen werde.

Für die FIFA wäre das natürlich ein Worst-Case-Szenario. Im August beginnt der offizielle Kartenverkauf und Blatter rechnet mit bis zu 600.000 ausländischen Besuchern im Juni und Juli des kommenden Jahres. Eine sehr große Anzahl, wenn man bedenkt, dass aktuell nur knapp 6,5 Millionen Touristen pro Jahr den Weg nach Brasilien finden. Die FIFA versucht daher, vor allem die ausländischen TV-Stationen und die wichtigsten Printmedien der großen Fußballnationen zu einer positiven Berichterstattung zu animieren. Für Rios Bürgermeister Eduardo Paes ist eine eigene Imagekampagne für seine Stadt aber nicht notwendig. »Wir haben nie verborgen, dass es neben den Postkartenbildern eben auch diese hässliche Seite wie die der Sicherheitsprobleme gibt. Trotzdem sollte aber inzwischen auch ins Ausland durchgedrungen sein, dass wir hier keinen zweiten arabischen Frühling brauchen. Die freie Meinungsäußerung und das Demonstrationsrecht sind bei uns eine Selbstverständlichkeit«, sagt Paes im großen Interview mit der Tageszeitung O Globo.

Marin, Dieb und Sohn der Diktatur
Während fast alle Augen auf das Finale gerichtet sind, hat es am Samstag in Sao Paulo eine kleine Demonstration einer nationalen Fanorganisation gegen den Präsidenten des brasilianischen Fußballverbands CBF, Jose Maria Marin, gegeben. Marin ist auch Chef des lokalen Organisationskomitees (LOK) und wegen seiner politischen Vergangenheit während der Militärdiktatur sehr umstritten. Die Protestgruppe marschierte nach argentinischem und spanischen Vorbild bis zur privaten Residenz des Funktionärs und Ex-Politikers und sprühte Sätze wie »Marin - Sohn der Diktatur« und »Marin - Verschwinde, du Dieb!« auf die Straße.

Gleichzeitig gewinnt die vom Abgeordneten Romario in Brasilia vor dem Bundesparlament angestrebte Untersuchungskommission über die Geschäftsgebarung des Verbands und seines Präsidenten neue Unterstützung bei mehreren Abgeordneten. Von den brasilianischen Medien wird auch immer wieder auf die stark unterkühlten Beziehungen der FIFA-Chefetage zum LOK-Chef und CBF-Präsidenten hingewiesen. Ansprechpartner für die FIFA wäre fast ausschließlich der operative Chef des LOK, Ricardo Trade. Der brasilianische Starjournalist Juca Kfouri, der in seinen Blogs die Sperrspitze der Kampagne gegen Marin bildet, zeigte sich am Samstag im Gespräch mit dem ballesterer zuversichtlich, dass die Regentschaft des 81-jährigen Präsidenten noch vor dem WM zu Ende gehen wird. »Die Protestwelle wird auch Marin wegschwappen«, sagte Kfouri, »bei der WM wird die Welt bereits einen anderen Repräsentanten für unser Land sehen.«

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Rubrik: Aktuell
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