Spanien ist nicht Spanien

cache/images/article_965_espana_140.jpg Es hätte so schön einfach sein können. Italien ist Italien. Italien ist wie Deutschland. Spanien ist Spanien. Spanien fliegt immer raus. Die Statistiken und Binsenweisheiten vor dem Wiener Viertelfinale sprachen eine eindeutige Sprache: Italienisch.
Hannes Gaisberger | 23.06.2008
Spanien hatte seit 88 Jahren in keinem Bewerbsspiel mehr gegen die Italiener gewonnen. Spanien ist an einem 22. Juni schon dreimal aus einem Turnier geflogen. In den bisherigen Viertelfinali haben die Gruppensieger verloren. In den bisherigen Viertelfinali haben die vorher ihre Einsergarnitur schonenden Teams verloren. Auch der ZDF wollte Schicksal spielen: Korrespondent Martin Leutke berichtete vor Ort von der Stimmung in Madrid. Vorher tat er dies aus Prag, Bukarest, Lissabon und Amsterdam. Wenn das der bösen Omen nicht zu viel war?

Der ORF hingegen schickte mit Didi Kühbauer einen profunden Kenner des spanischen Fußballs ins Rennen. Der Ex-Real-Sociedad Spieler kam nur bei der extrem kniffligen Frage Rainer Pariaseks, ob es einen Spieler der Selección gäbe, den er hervorheben möchte, ins Schleudern. Betretenes Schweigen. Pariasek hilft nach und verweist auf das spielstarke Mittelfeld. Aufatmen bei Don Didi. Wenn Barcelona oder Real spielt, das sei schon immer schön anzusehen. Wie wahr. Man möchte mit der Zunge schnalzen, wenn man an die Mittelfeld-Gustostückerln von Iker Casillas und Sergio Ramos denkt.

Das Spiel selbst war fair, von Taktik geprägt, spannend. Zwei Mannschaften zogen ihr Ding durch. Man kann den Spaniern nicht vorwerfen, nicht ins offene Messer gelaufen zu sein, um sich dann auf ihre Jugend oder ihre Mentalität rauszureden. Diesmal sind sie gekommen, um zu gewinnen. Oder, um mit ZDF-Kommentator Bela Réthy zu sprechen: »Das ewige Ausscheiden der Spanier sollte ein Ende finden.«

Spanien war Spanien. Sie ließen den Ball im Mittelfeld zirkulieren, auf eine Gelegenheit wartend, ihre gefährlichen Spitzen Torres und Villa überraschend zu bedienen. Diese Gelegenheit sollte fast nie kommen. Italien war Italien. Italien wollte von Anfang an das Elferschießen. Sie haben es gekriegt, sie haben es verloren. Als ausgerechnet Raúl-Substitut Guïza seinen Elfmeter vergab, kroch noch einmal die Angst hoch, dass ab jetzt wieder alles schief geht. Doch »San« Iker hatte den spanischen »Cordoba-Mythos« vom »ewigen Ausscheiden« satt und hielt den Penalti von Bodenwärmer Di Natale.

Doch nicht alle Klischees sollten an diesem Abend ins Leere laufen. Dass nicht ganz Spanien wie eine Wand hinter der Selección steht, ist nämlich so falsch nicht. Die katalanische Tageszeitung Sport  hat bis vor kurzem auf ihrer Homepage die EM-Berichterstattung zwischen Barca-Transferspekulationen, Formel-1-News von Fernando Alonso und Berichten über das Abschneiden der spanischen NBA-Legionäre Gasol & Co. versteckt. Dass mit Cesc Fabregas ein Katalane den entscheidenden Elfer verwandelte, verhalf den spärlichen Artikeln über die EURO 08 immerhin zu einer verbesserten Position.

Wie sich das weitere Abschneiden der spanischen Nationalmannschaft, die dank der Anti-Real-Einberufungspolitik von Mister Luis Aragonés einen repräsentativ bunt gemischten Haufen der Regionen des Landes darstellt, auf die Befindlichkeit des zerrissenen Landes auswirkt, steht noch in den Sternen. Spanien bleibt Spanien.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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