Spanisch-polnische Freundschaft

cache/images/article_1875_spanien_140.jpg EM-Blog Danzig ist beim Eröffnungsmatch der Gruppe C fest in spanischer Hand, die polnische Bevölkerung unterhält sich trotz Sprachschwierigkeiten bestens mit den Gästen. Ein Schweizer Zugreisender muss hingegen trotz einer Lektion des ballesterer noch am Abbau seiner Vorurteile arbeiten.
Radoslaw Zak | 12.06.2012
»Es geht hier seit drei Tagen rund. Sie trinken, sie singen, sie haben Spaß mit uns«, sagt Taxifahrer Piotr und kurbelt die Fensterscheibe hinunter, um einer Gruppe Fans »Eviva Espana« zuzurufen. Sie antworten mit einem lauten »Polska«. Weil die Straßenbahnen 90 Minuten vor Matchbeginn aus unerfindlichen Gründen nicht fahren »wahrscheinlich hat die Stadt nicht mit so einem Ansturm gerechnet« ist man auf ein Taxi angewiesen, um rechtzeitig zum Stadion zu kommen.

Schwierige Hymne
In der Innenstadt schmettern die Danziger mit ihren Gästen spanische Lieder, die Spanier sind jedoch sowohl mit der polnischen Hymne als auch mit dem Schlachtruf »Polska, bialo-czerwoni« überfordert. »Too difficult«, sagt ein Fan bevor ihm ein weiteres Stamperl Wodka eingeschenkt wird. »Die Polen sind unheimlich nett«, sagt Fernando, der aus Murcia angereist ist. »Wir haben hier eine unvergessliche Zeit. Sehr schön ist auch, dass Danzig am Meer liegt. Wir kommen sicher wieder.«
Viele Spanier sind ohne Karten angekommen, sie schauen sich das Spiel entweder in der Fanzone oder in Pubs in der Innenstadt an. »Hauptsache man ist dabei«, sagt Fernandos mitgereister Freund David. Italiener prägen das Stadtbild nur vereinzelt, auch im Stadion sind sie in der Unterzahl. Das ist wider Erwarten nicht ausverkauft. Viele grüne Sitze sind zwischen den Gastgebern und den Gästen freigeblieben. Fangesänge sind nur vereinzelt zu hören, als in der 20. Minute komplette Stille die Partie begleitet, beschließen die zahlenmäßig überlegenen Heimfans das Heft in die Hand zu nehmen. Danach erwachen die Anhänger beider Mannschaften kurz, in der zweiten Hälfte sorgen die zwei Tore zumindest zwischenzeitlich für Emotionen.

Schwierige Abreise
Nach Spielende stehen die Straßenbahnen wieder bereit, auf engstem Raum zusammengepfercht geht es aber erst nach 15 Minuten zurück ins Zentrum. Mit Ruhe wird das lange Warten hingenommen, als die Straßenbahn endlich losfährt, wird das mit einem Beifall quittiert. Zu meinem Entsetzen steigen alle auch am Hauptbahnhof aus, der von Touristen überfüllt ist. Anscheinend reisen auch sie nach Warschau. Der aus Achterabteilen bestehende Zug ist bis auf den letzten Platz belegt. Im Zuginneren geht es jedoch ruhig zu, allen ist die Erschöpfung anzumerken. Neben zwei polnischen Fans aus Warschau erwische ich im Abteil einen Italiener und eine vierköpfige Familie aus der Schweiz.
Auf dem T-Shirt des männlichen Familienoberhauptes ist ein Frauenpo mit einem Slip in der italienischen Trikolore abgebildet. Der Mann erweist sich nicht nur deswegen als ein nicht ganz ernstzunehmender Zeitgenosse. Erst rät er allen regelmäßig ihre Taschen zu kontrollieren, dann hält er eine Ansprache über die maroden polnischen Verhältnisse auf den Straßen, in öffentlichen Verkehrsmitteln und Zügen. »Ich kann es kaum erwarten, wieder in die Schweiz zu kommen. Dort sind die Sitze viel breiter.« Während er das sagt, küsst er den Oberarm seiner Frau, die sich als polnischstämmig erweist und sich devot für die Unannehmlichkeiten entschuldigt.

Schwieriger Schweizer
Während ich mich frage, was momentan noch schlimmer zu ertragen wäre, erreicht mich eine SMS von Kollege Reinhard Krennhuber, der eine 20-stündige Zugfahrt im offenen Schlafwagen nach Donezk auf sich genommen hat. Aber selbst das überzeugt mich nicht. Als die Frau das Abteil kurz verlässt, fragen mich die zwei polnischen Mitreisenden, was der Schweizer denn zu bemängeln hatte. Sie haben das Wort »klauen« aufgeschnappt.
Ich kläre sie auf und wir beschließen, uns einen Spaß zu machen, indem wir abwechselnd immer wieder panisch aufstehen, um unsere Rucksäcke, Hosen- und Brusttaschen zu kontrollieren. Unserem Abteilpartner dämmert es nach einigen Durchgängen, die von beeindruckender schauspielerischer Leistung untermalt werden, schließlich. Er beschließt, den Mund zu halten und zu schlafen.
ballesterer # 121

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