Spiegelfechten gegen die Krabbelgruppe

cache/images/article_958_hiddink_140.jpg Das Viertelfinale zwischen den Niederlanden und Russland verspricht Tempofußball auf hohem technischen Niveau. Und auch wenn der neue Titelfavorit straucheln sollte, kommt zumindest ein Oranje weiter. Denn auch Guus Hiddink ist Niederländer. Und was für einer.
Dominik Sinnreich | 20.06.2008
Roberto Donadoni ist jetzt lieber wieder Italiener. Im Eröffnungsspiel musste er sehen, dass aus seinen Mannen keine Holländer zu machen sind. Nach der Auftaktkatastrophe gegen die »echten« Orangen gab es ein 1:1 von Gigi Buffon gegen Rumänien und dann einen Sieg gegen Frankreich, mit dem sich Italien in gewohnter Form und mit gewohntem Stil im Turnier zurück meldete: ein Elfer, ein abgefälschter Freistoß.

Nun ist alles möglich, durchaus auch die Revanche gegen die Niederlande im Halbfinale. Allerdings sind beide natürlich noch nicht dort angekommen. Buffon spielt noch gegen Spanien, und Van Bastens Holland muss gegen die Russen ran. Was so unspannend nicht wird, weil diesmal der typisch orange Sie-spielen-schön-und-fliegen-dann-unerwartet-raus-Malus auf beide Teams zutreffen könnte.

Denn auch der russische Coach ist Niederländer. Guus Hiddink, der alte Trainerfuchs hat seine kleine Privatserie gehalten: Immer in die K.o.-Runde. Sei es mit den Niederlanden selbst (Halbfinale 1998) oder mit Außenseitern wie Südkorea (ebenfalls Halbfinale bei der Heim-WM 2002, wenn auch unter tatkräftiger Mithilfe einiger Schiedsrichter), Australien (unglückliches Aus gegen Italien im Achtelfinale 2006) und jetzt eben Russland.

Was wurde er kritisiert! Kein Wohnsitz in Russland. Zu wenig Beachtung für den Fußball in den entlegenen Winkeln (Kamtschatka ist ja auch nur läppische zehn Zeitzonen von Moskau entfernt). Er wolle nur abcashen, mit einem kolportierten Jahresgehalt von zwei Millionen Euro bezahlt, dies ganz nebenbei, von Roman Abramowitsch. Das hat er jetzt alles vom Tisch gewischt mit dem größten Fußballerfolg eines russsischen Nationalteams seit 20 Jahren damals war man noch als Sowjetunion im EM-Finale ausgerechnet Holland unterlegen.

Hiddink hat auch gezeigt, dass er Problemfälle wie Andrej Arschawin in ein Team einbauen kann. Der Stürmer von UEFA-Cup-Sieger Zenit St. Petersburg wird wohl noch für einigen Wirbel sorgen. Wenn ihn wie sich immer mehr abzeichnet ein englischer Spitzenklub verpflichtet, muss der dortige Trainer erst mal zeigen, dass er Arschawin so zähmen kann wie Hiddink. Der junge Mann mit dem Modeschulabschluss wird dann nämlich auch seine exzentrische Seite und seine sagenumwobene Trinkfestigkeit unter Beweis stellen. Für Hiddink jedenfalls ist die Vertragsverlängerung nun eine Formsache. Und das macht ihn auch zum kleinen Geheimfavoriten gegen die Niederländer. Denn so wie die davon profitiert haben, dass kaum jemand von ihnen verlangen konnte, in der Horrorgruppe C so durchzustarten, sind sie nun in der ungeliebten Favoritenrolle.

Ein kleiner Kassasturz: Beide Teams spielen einen technisch exzellenten Offensivfußball niederländischer Schule, sind hinten aber anfällig für Konter einer tief stehenden Defensivtruppe. Für die Holländer spricht, dass sie erfahrener im Umgang damit sind, einen Abwehrriegel zu knacken, ohne nach Strich und Faden ausgekontert zu werden. Hiddinks Russen sind im Vergleich dazu zwar technisch eine pubertierende Macht, in Sachen Taktik und Kaltschnäuzigkeit aber allenfalls eine Krabbelgruppe. Das haben sie sowohl gegen Schweden (2:0) gezeigt, gegen die sie mindestens vier Tore machen hätten müssen, als auch bei der zu hoch ausgefallenen 1:4-Niederlage gegen die routiniert agierenden Spanier.

Aber das lehrt die Geschichte mit dem Druck des Favoriten als Rucksack wird aus den Orangen auch mitunter eine pubertierende Macht mit der taktischen Disziplin einer Krabbelgruppe. Und Hiddink hat nichts zu verlieren. Er ist gekommen um zu bleiben, hat weitgehende Vollmachten und darf in Moskau offenbar ein Langzeitprojekt vorantreiben. Seine Schnullerband ist völlig ohne Zielvorgaben und Mindestergebnisse nach Österreich gereist, und die EM-Geschichte hat ja gezeigt, wo solche entspannten Auftritte oft enden. In den Niederlanden haben sie jedenfalls mehr Respekt und Angst vor diesen Milchbubis, als sie zugeben wollen.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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