Standard setzt nach 25 mageren Jahren neue Maßstäbe

cache/images/article_248_preudhomme_140.jpg Lüttich löst Brüssel als Belgiens Fußballhauptstadt ab. Die Schlüsselspieler des neunten Meistertitels von Standard Liège waren beim letzten Triumph 1983 noch gar nicht geboren.
Klaus Federmair | 21.04.2008
Der legendäre ehemalige Anderlecht-Präsident Constant Vanden Stock hat die Wachablöse nicht mehr miterlebt. Einen Tag vor dem entscheidenden Spiel des Titelverteidigers bei Standard ist der 93-Jährige, nach dem das Stadion in Anderlecht benannt ist, verstorben.

Eine Saison ohne Niederlage


Drei Runden vor Schluss sicherte sich Standard den Titel, nach dem sich der Traditionsklub aus der Stahlstadt seit einem Vierteljahrhundert so gesehnt hatte, mit einem 2:0 im direkten Duell gegen den Verfolger. Die Lütticher praktizieren seit Jahren einen höchst attraktiven Fußball, zogen aber in entscheidenden Spielen immer wieder den Kürzeren gegen die routinierteren Teams von Anderlecht und FC Brugge.

Trainer Preud'homme arbeitete mit seinen Spielern konsequent weiter und brachte schon in seinem zweiten Jahr eine bis dahin ungewohnte Konstanz ins Lütticher Spiel: Nicht ein einziges der bisher 31 Meisterschaftsspiele wurde verloren!

Ein Jugendteam wird Meister


Das ist umso erstaunlicher, als es sich um eine der jüngsten Erstligamannschaften in ganz Europa handelt. Sämtliche Fixstarter im Mittelfeldspieler starteten die Saison als Teenager: Kapitän Steven Defour und Marouane Fellaini im Zentrum, an den Flanken Réginal Goreux und Axel Witsel, der seit Jänner 19 ist. Mit seinen Saisontoren Nummer 11 und 12 fixierte den Sieg über Anderlecht ein Stürmer mit dem göttlichen Namen Dieumerci Mbokani. Mit seinen 22 Jahren ist der Kongolese in seinem Team vergleichsweise ein Senior.

Die Jungstars ließen sich in dieser Saison durch nichts beirren: Weder durch Verletzungspausen von Defour, noch durch eine Serie deprimierender Nationalteamauftritte der drei genannten Belgier - zuletzt einer 1:4-Heimschlappe gegen Marokko, bei der Fellaini, Sohn marokkanischer Eltern, wegen der Wahl der "falschen" Nationalmannschaft von den Auswärtsfans gnadenlos ausgepfiffen wurde.

Zur Belohnung für den Meistertitel hat sich der Verein für seine Jungspünde etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Zinédine Zidane war beim entscheidenen Sieg über Anderlecht auf der Ehrentribüne und unterhielt sich bei der Meisterfeier prächtig mit den Spielern.

Brüssel im Sinkflug


Während Lüttich einer goldenen Zukunft entgegensieht - beispielsweise läuft der Vertrag von Goreux bis 2010, Witsel, Fellaini und Defour sind bis 2012 bzw. 2013 an Standard gebunden - geht es mit dem Brüsseler Fußball bergab. RSC Anderlecht kämpft nun mit dem FC Brugge um den zweiten belgischen Startplatz für die Champions League. In den letzten sieben Saisonen hat die Champions League nur ein einziges Mal ohne den RSC stattgefunden, fünf Mal war Anderlecht in der Gruppenphase.

Der finanziell angeschlagene FC Brussels aus dem Stadtteil Molenbeek steht seit dem Wochenende als Absteiger fest. Brüssler Derbies wird es ab der nächsten Saison bestenfalls in der Division II geben - und das auch nur, wenn sich der elffache Meister Union Saint Gilloise doch noch von seinem Abstiegsplatz befreien kann. Das Maß aller Dinge ist in Belgien ab sofort Lüttich.

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Rubrik: Flachlandkick
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