Standard und Be TV triumphieren

cache/images/article_1225_standard_m_140.jpg Die Entscheidungsspiele zwischen Titelverteidiger Standard Lüttich und Rekordmeister Anderlecht um die belgische Meisterschaft wurden von einer beispiellosen Schlacht um die Sendesignale begleitet. Ein Rückblick auf die verrückteste Woche in der Geschichte des belgischen Klubfußballs.
Klaus Federmair | 19.05.2009
Dass bei jeweils über 20.000 Dauerkartenbesitzern und jeweils unter 30.000 Stadionkapazität in Brüssel-Anderlecht beziehungsweise Lüttich-Sclessin nicht viel Chance auf Restkarten besteht, war den meisten Gelegenheitsfans von Anfang an klar. Für wichtige Meisterschaftsspiele greift man eben auf das Fernsehen zurück. Entweder man ist selbst zahlender Kunde des Ligarechteinhabers Belgacom TV oder man geht in eines der zahlreichen Lokale, die die Spiele übertragen.

Doch beim entscheidenden »test match«, das vergangenen Donnerstag und Sonntag ausgetragen wurde, war alles anders. Nur vier Tage lagen zwischen der letzten Meisterschaftsrunde, die Standard und Anderlecht ex aequo auf Platz 1 hinterließ, und dem ersten Akt der Entscheidungsspiele. Belgacom, das für die Live-Rechte der Saisonen 2008 bis 2011 152,7 Millionen Euro zahlt, wollte naturgemäß sein Vorkaufsrecht für die zwei Spiele des Jahrzehnts in Anspruch nehmen. Doch plötzlich trat der Konkurrent Be TV auf den Plan und bot 400.000 Euro.

TV-Rechtebasar mit Justizbeteiligung
Dem scheinbaren Versuch, lediglich die Kosten für den Platzhirschen in die Höhe zu treiben, folgte einen Tag vor dem Hinspiel ein Dringlichkeitsverfahren vor Gericht, ein kurzes Wettbieten und schließlich ein erfolgreiches Höchstgebot von 1,2 Millionen Euro seitens Be TV für die zwei Spiele. Natürlich ließen auch Beschwerden national  gesonnener flämischer Politiker nicht auf sich warten, denen es ein Dorn im Auge war, dass ein französischsprachiger Sender exklusiv zum Zug gekommen war.

Für die Fans ohne Stadionzutritt stellte sich aber eine viel wichtigere Frage: Wie kommt man in den Genuss der Live-Übertragungen? Be TV sorgte dafür, dass zu Christi Himmelfahrt, dem Tag des Hinspiels, möglichst viele Verkaufsstellen auf den Feiertag verzichteten, um Abonnements zu verkaufen. Über die Medien verbreitete sich rasch die Kunde über ein Schlupfloch für Kunden des Be-TV-Partners telenet, die unter bestimmten Bedingungen gratis ein Probeabo lösen konnten. Wer keinen Zugriff auf diese Alternativen hatte, klapperte am Donnerstag die für Fußballübertragungen bekannten Lokale ab. Doch die wenigsten waren auf diese Situation vorbereitet, und so war entweder die Leinwand weiß oder das Café hoffnungslos überfüllt.

Internetpiraterie
Stadion, Fernsehen, aber war da nicht noch was? Richtig, das Internet. Tausenden Usern in Belgien gelang es, das Hinspiel in beeinträchtigter Qualität, aber live mitzuverfolgen. Und zwar über www.myp2p.eu und die amerikanische Plattform Justin TV, das wiederum die Echtzeitübertragung von der rumänischen Seite des zur RTL-Gruppe gehörenden Kanals Sportklub empfing. Welcher User in Rumänien die Daten übermittelt hat, ist bisher unbekannt. Dem Wohltäter droht jedenfalls eine Klage des um die Exklusivität beraubten Senders Be TV.

Trotz dieser unerfreulichen Überraschung verkündete Be TV am Tag nach dem 1:1 im ersten Spiel, dass sich die 1,2 Million bereits rentiert hätten. Nicht nur dürften die dafür in etwa benötigten 2.000 neuen Abonnenten aufgesprungen sein, der Manager Stéphane Moreau verwies in der Tageszeitung Le Soir auch genüsslich auf die allgemeine Werbewirksamkeit des Coups: »Ich kann Ihnen sagen, dass diese 1,2 Millionen Euro weniger sind als das, was man für eine klassische Werbekampagne ausgibt.« Vermutlich eine angemessen positive Einschätzung angesichts der Tatsache, dass die Frage der Rechtverwertung für die beiden Matches eine Woche lang die belgischen Medien als Topmeldungen (von den Sportseiten gar nicht zu reden) beherrschte.

Standard triumphiert
Um nicht ganz darauf zu vergessen: Tatsächlich wurde auch Fußball gespielt. Nach dem 1:1 im ersten Spiel in Brüssel verwandelte Standard vor eigenem Publikum einen höchst zweifelhaften Elfmeter im Rückspiel und sicherte sich mit einem 1:0 den Titel. Standard war in den entscheidenden 180 Minuten wohl die bessere Mannschaft, es ist aber ohnehin müßig, darüber zu diskutieren, wer nach einem solchen Herzschlagfinale über die Saison gesehen das bessere Team war.

Zwei Ereignisse, die ursprünglich in dieser Woche im Mittelpunkt des nationalen Medieninteresses stehen sollten, gingen völlig unter, sollen hier aber der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden: Am Samstag zwischen den beiden Entscheidungsspielen gewann Genk vor 45.000 Zuschauern in Heysel den Cup durch ein 2:0 über Mechelen, und Dick Advocaat wurde zum neuen belgischen Teamchef ernannt.
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