Süße Harmonie

cache/images/article_950_319710118_140.jpg Die Niederländer geben bei dieser Endrunde den Rhythmus vor als Team. Und genau deshalb könnte das neue Uhrwerk Orange auch jene heiklen Situationen überstehen, die seinen Vorgängern mitunter zum Verhängnis wurden.
Dominik Sinnreich | 16.06.2008
Wenn man sie so sieht, wie sie ihre Kinder von der Tribüne holen, mit ihnen auf dem Arm eine Ehrenrunde traben und sich die Ehrung als Man of the Match abholen, dann fehlt eigentlich nur noch die Musik. Irgendeine Schnulze, vielleicht »Sweet Harmony« von The Beloved. Ja, genau: Das Video mit dem Nackerten, umgeben von lauter Nackerten, der immer »Lets come together« haucht.

So einträchtig hat man sie wohl seit dem Titelgewinn 1988 nicht mehr gesehen, die Orangen. Und eigentlich passt das gar nicht zusammen. Vorher wahlweise den Vize- oder den Weltmeister abzuschlachten, und dann so jugendfrei zu feiern. Der einzige übermutige Auftritt war allenfalls noch Robbens Torjubel nach dem 3:1. Verglichen mit der früheren Präpotenz eines Patrick Kluivert war das Lippenschürzen-Schulterzucken des Flügelstürmers allerdings Kinderkram.

Genau diese Stimmung im Team ist wohl wichtiger als die vielen Debatten um die Einführung der »Doppelsechs« im defensiven Mittelfeld der Niederlande; und auch wichtiger als die zweifellos mutigen Einwechslungen von Offensivspielern, um die französischen Angriffsbemühungen nicht an der eigenen, sondern gleich an der gegnerischen Strafraumgrenze effektiver zu ersticken. Denn die Mahner haben recht, wenn sie fragen: Können die das auch, wenn sie mal im Rückstand sind? Was, wenn der fragile Motor mal ins Stottern kommt? Man weiß es nicht. Man wird es wohl noch sehen. An dem Punkt wird aber genau diese Stimmung im Team mehr Energien freisetzen, als es das spielerische Können einzelner vermag.

Alle zehn Jahre spuckt die holländische Nachwuchsmaschine ein Team aus, das prinzipiell einen Titel holen könnte. Sei es 1974/78, 1988 oder 1998/2000. Ob sie als Einheit auftreten (wie 1988 unter Michels) oder als Zweckbündnis von guten Spielern (1998) kann  da schon mal den Unterschied ausmachen. Denn am Papier war die 98er-Truppe vielleicht sogar noch stärker als das heutige Team. Aber ein Kluivert, an der Seitenlinie im Mittelfeld, am Ball rumstochernd? Hinter den Spitzen? Nicht so leicht vorstellbar. Van Nistelrooy dagegen macht das, und reißt so das Loch für einen Robben-Sololauf. Ein potenzieller Kandidat auf den goldenen Stiefel, der ihn wohl kaum holen können wird, obwohl er bisher durchgespielt hat und sein Team schon sieben Tore geschossen hat!

Die Einigung von Van Basten und Van Nistelrooy personifiziert geradezu die neue Harmonie. Der Real-Star hat sich mit den Methoden seines Trainers arrangiert und ordnet sich dessen Konzept unter. 2006 war er nach der WM aus dem Kader geflogen, weil Van Basten mit seinem Stil nichts anfangen konnte. Jetzt, wo er bereit ist, den Leuchtturm zu machen, der den drei Mittelfeld-Wirblern hinter ihm die Räume aufreißt, ohne bei einem 4:1-Kantersieg selbst zu netzen, darf er wieder ran. Aus einem eher unsichtbaren Stürmer, der nur einmal auftaucht und dann halt netzt, wurde so ein Rädchen im neuen Uhrwerk Orange.

Wer wissen will, ob die Niederländer nach dem Viertelfinale also auch das Halbfinale oder gar das Finale erreichen, sollte sich nicht nur in den Kolumnen der diversen selbsternannten Taktik- und Analyseheroes eingraben, sondern auch mal einen Blick in den Boulevard werfen. 2006 zeichnete sich das Zerwürfnis zwischen Van Basten und Van Nistelrooy dort früh ab. Im Achtelfinale saß er schließlich auf der Bank, es wurde ein schreckliches 0:1 gegen Portugal. Wir schlagen also auf: Sylvie van der Vaart, die Unvermeidliche, sie will mehr Besuchszeit für die Spielerfrauen. Na bitte, wenn das alles ist.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
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