Superstars inkognito

cache/images/article_1140_birao_140.jpg Im Nordosten der Zentralafrikanischen Republik, nahe der Grenze zur Republik Tschad und zum Sudan, liegt Birao, Hauptstadt der Präfektur Vakaga. Der ballesterer-Leser Frank Terhorst bereiste die Stadt, die 2007 im Zuge von Kampfhandlungen zwischen Rebellen und Regierungstruppen fast komplett zerstört wurde, und wurde Zeuge eines farbenfrohen Spiels mit namenlosen Superstars und telefonierenden Schiedsrichtern.
Frank Terhorst | 13.01.2009
Samstagnachmittag, Deutsche Welle: Manni Breuckmann teilt mir mit, dass Schalke in Leverkusen verliert, Dortmund zuhause 4:0 gewinnt und Gladbach noch ein verloren geglaubtes Spiel gegen Bayern in ein Unentschieden verwandelt. Und ich bin in Birao, der totalen Fußball-Diaspora? Weit gefehlt - gegenteiliges ist der Fall! Birao ist der Ort, wo man den Großen des Fußballsports ganz nahe sein kann.

Zidane oder »idane«?

Sonntagnachmittag, ich mache mich auf den Weg zum Stadion. Das ist ganz simpel. Ich folge einfach der Straße in Richtung EUFOR-Camp. Am Kreisverkehr, dort wo sich die beiden Straßen Biraos kreuzen, biege ich rechts ab. Nach weiteren 200 Metern sehe ich auch schon die dichte Staubwolke, die in der Nachmittagssonne über dem Spielfeld schwebt. Hier treffen sie sich also: Drogba, Henry, Kaka, Morientes, Tourè und selbst Seedorf kommt regelmäßig hierher zum sonntäglichen Stelldichein der Superstars. Manche wollen unerkannt bleiben. Sie ziehen es vor in Vereinstrikots ohne Rückennummer zu spielen. So kann ich aus der Ferne auch nicht wirklich erkennen, welcher Bayern-Stürmer denn dort im Opel-Trikot auf rechts außen seine Bahnen zieht. Auch dieser portugiesische Nationalspieler, der immer dem kroatischen Stürmer auf den Schlappen steht, ist mir unbekannt. Figo ist es auf jeden Fall nicht, das passt mit der Hautfarbe nicht und Eusebio wäre älter. Hingegen möchte ich Zidanes Versuch, inkognito zu bleiben, als kläglich bezeichnen. Unter falschen Namen auflaufen, ja gut, aber dann bitteschön etwas einfallsreicher als einfach nur »idane«!

Klar, ich kann sie alle gut verstehen. Schließlich ist der Eintritt frei und wenn jeder wüsste, wer hier in Birao aufläuft Die Sicherheitskräfte beispielsweise wären hoffnungslos überfordert. So aber hält sich das quantitative Verhältnis zu den Zuschauern im angemessenem Rahmen: Den etwa 300 Zuschauern stehen ungefähr 30, mit AK 47 bewaffnete Soldaten, gegenüber. Ganz im Sinne einer Antiaggressionsstrategie mischen sich die christlichen Soldaten dann auch unter das überwiegend muslimische Volk und genießen die ausgelassene Stimmung im Stadion. Nur zu schade, dass sie unter letzteren so wenige Trinkkumpane finden.

22 Kicker und ein Ameisenhaufen

Doch zurück zum Spiel. Gespielt wird gemäß den internationalen Regeln mit einem Schiedsrichter, zwei Assistenten, zweiundzwanzig Spielern und einem Tor auf jeder Seite. Zwar ist die Linierung des Spielfeldes insgesamt, und insbesondere im Bereich der Ecken, dort wo das Gras die Waden der Spieler berührt, nicht ganz so gut zu erkennen. Aber mal ehrlich, wer möchte schon diesen wunderschönen großen Ameisenhaufen zerstören, nur um besser beurteilen zu können, ob sich der Ball im Aus befindet? Das schafft der Schiedsrichter auch so. Groß genug ist er auf jeden Fall. Er hätte auch in einer Basketballmannschaft kein Durchsetzungsproblem. So kommen weder Diskussionen auf, wenn er seinen neongelbfarbenen Karton in Lüfte reckt, noch erhebt jemand seine Stimme, wenn er kurzeitig das Spiel unterbricht, um einen Anruf auf seinem Mobiltelefon entgegenzunehmen. Indem er die Halbzeitpause auf acht Minuten beschränkt, sorgt er wiederum dafür, dass die zuvor versäumte Zeit wieder reingeholt wird.

Es spielte die überwiegend in Röttönen gekleidete Mannschaft gegen diejenige, die Trikots in allen anderen existierenden Farben trug. War die erste Halbzeit noch von taktischen Spielzügen geprägt und dementsprechend langatmig, so hatte die zweite Hälfte des Spiels doch einen wesentlich größeren Unterhaltungswert. Sicherlich spielte die große Anzahl der »Zehner« in beiden Mannschaften dabei eine wichtige Rolle. Das Publikum dankte den Spielern ihre erhöhte Leistungsbereitschaft, die durch vermehrte Einzelaktionen erkennbar wurde, mit lauten Beifallsbekundungen. Als dann noch die bunte Mannschaft nach einem sagenhaften Alleingang ihres Inter-Mailand-Spielers und unter gütiger Mithilfe des unglücklich agierenden Torwartes der Röttöne das 1:0 erzielte, hielt es die eine Seite der Zuschauer nicht mehr auf ihren Rängen. Weder den Teenager, dessen Seele auf Jesus hofft, wie die Aufschrift auf seinem maßgeschneiderten Anzug verrät, noch den Jungen, der auf seiner ausgedienten Mopedfelge saß, die er kurz zuvor noch mit einem Stock vor sich hertrieb.

Schlussspurt der Rottöne

Dem Tor war eine Standardsituation vorangegangen, die sich die Bunten beinahe zunutze gemacht hätten. Nur knapp ging der Ball über die Delle in der Mitte der Latte. Was wäre wohl geschehen, wenn das Tor an dieser Stelle nicht 20 cm kleiner gewesen wäre? Dann hätten wahrscheinlich diejenigen recht gehabt, die aufgrund der fehlenden Netze, den Ball schon in eben diesen gesehen haben. Die überwiegend in Rottönen gekleidete Mannschaft gab jedoch nach dem Rückstand nicht auf, setzte nach, spielte langen Hafer und der holländische Nationalstürmer nutzte den Pass, der ihm in den Lauf gespielt wurde, eiskalt aus und verlud den bunten Torwart: Einszueins! Die letzten zwanzig Minuten gehörten noch ganz den Rottönen, aber sie konnten ihre Überlegenheit nicht mehr in zählbare Erfolge umwandeln.

Sowohl die Spieler als auch die Fans beider Seiten schienen mit dem Ergebnis mehr als zufrieden zu sein. So machte man sich dann auch gemeinsam auf den Weg zurück zu den Unterkünften der Spieler und der Schlachtenbummler, wohl wissend, dass man auch nächsten Sonntag hier in Birao den Stars wieder ganz, ganz nahe sein wird

Referenzen:

Heft: 38
Rubrik: Aktuell
ballesterer # 120

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