Täter oder Opfer?

Die ersten Geständnisse im belgischen Wettskandal sprechen von mindestens 18 geschobenen Spielen und Morddrohungen.
Klaus Federmair | 20.02.2006


Sechs Spieler und ein Trainer der belgischen Topliga legten vergangene Woche Geständnisse ab. Tabellenschlusslicht Lierse überholte La Louvière in der Rangliste der verdächtigsten Klubs. Es kursiert eine Liste von 18 suspekten, seit Dezember 2004 ausgetragenen Spielen, die Hälfte davon soll Lierse absichtlich nicht gewonnen haben, neben La Louvière sind noch Mouscron, Sint Truiden und der FC Brussels unter konkretem Verdacht.

Die Pistole an der Schläfe

Die von der Polizei einvernommenen Akteure behaupten, von einer ominösen chinesischen Wettmafia unter schweren Drohungen zur Kooperation gezwungen worden zu sein. Vor einem Jahr soll die Schiebung bei Lierses Heimspiel gegen Anderlecht daneben gegangen sein. Das ungeplante 1:1 habe das Syndikat Unsummen gekostet und Torhüter Mardulier kurz darauf eine Pistole an seiner Schläfe gespürt.

Ye Zheyun, der mysteriöse mutmaßliche Kopf der Bande, hat seinen Wohnsitz im Brüsseler Hilton inzwischen aufgegeben und ist für die Exekutive nicht mehr greifbar. Somit steht nunmehr Paul Put, der inzwischen bei seinem aktuellen Verein Mouscron gefeuerte Ex-Trainer von Lierse, im Mittelpunkt des Interesses. Er soll als Bindeglied zwischen dem Syndikat und den Spielern agiert und dafür 75.000 Euro pro Schiebung kassiert haben. Auch Put will sich zu diesem "Nebenjob" nicht freiwillig entschlossen haben. Viel mehr sei auch seine Familie bedroht worden.

Offene Fragen

Die neuesten Entwicklungen werfen neue Fragen auf. Warum wenden sich schwer bedrohte Akteure nicht an die Polizei? Funktionieren Matchabsprachen tatsächlich mit einer Handvoll Spielern? Warum manipuliert eine internationale Wettmafia noch im Februar 2006 Spiele der belgischen Meisterschaft, wo die Skandalgerüchte doch seit Monaten die hiesigen Medien in Atem halten? Und vor allem: Wie geht es nun mit dem belgischen Fußball weiter?

Obwohl sich die Einvernommenen als Opfer darstellen, folgten den Geständnissen umgehend Suspendierungen. Mouscron hat damit bereits seinen vierten Trainer in dieser Saison verbraucht, zwei der betroffenen Spieler sind im Sommer zu Anderlecht gewechselt, einer zu Germinal Beerschot. Alle drei wurden noch vor der Runde des vergangenen Wochenendes aus dem Kader geworfen.

Sternstunde des Fünfergoalies

Am ärgsten hat es naturgemäß Lierse getroffen. Zuerst verabschiedete sich der Hauptsponsor, am Sonntag verzichtete der Tabellenletzte dann auswärts auf drei in den Skandal verwickelte Spieler, darunter zwei Torhüter. Da die beiden nächstbesten Goalies verletzt waren, musste einer aus der Juniorenmannschaft zwischen die Pfosten.

Am Ende wurde der achtzehnjährige Jochem Tanghe bei seinem unerwarteten Debüt auswärts gegen Charleroi zum großen Helden. Tanghe hielt bravourös und wurde nach dem sensationellen 1:0-Erfolg von seinen Teamkollegen auf den Schultern zum jubelnden Auswärtsblock getragen. Besonders ermutigend, dass der junge Mann dabei ist, sich ein zukunftsweisendes zweites berufliches Standbein zu schaffen: Tanghe studiert Kriminologie.

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Rubrik: Flachlandkick
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