Taktikcorner: Spaniens Hilfsdienste

cache/images/article_1498_taktik2_140.png WM-BLOG Das spanische Team zeigte gut formierten Deutschen im Halbfinale die Grenzen auf, das ballsichere und schnelle Kombinationsspiel bereitete Löws Mannen zu große Schwierigkeiten. Die variantenreichen Ballstafetten von Xavi, Iniesta und Co. funktionieren aber nur dank eines hervorragenden Spiels ohne Ball.
Emanuel Van den Nest | 11.07.2010
Es war augenscheinlich, die »Seleccion« hat sich gesteigert und bestach in der hochklassigen Begegnung vor allem mit gewohntem Kurzpassspiel und wenigen Ballverlusten. Weniger augenscheinlich waren die Geschehnisse die abseits des runden Leders stattfanden. In der sechsten Minute etwa starten die Spanier einen vertikalen Angriff. Innenverteidiger Gerard Piqué spielt zunächst zu Pedro Rodriguez. Dieser konnte sich zuvor aus der engen Deckung der deutschen Verteidiger lösen. Im Anschluss bedient Pedro Stürmer David Villa. Den Pass hat Villa selbst angeregt, hatte sich er doch bereits seine Laufrichtung angedeutet und sich frei gelaufen. Wenn so ein vermeintlich unerwarteter Lochpass gespielt wird, ist meist nur vom »genialen Pass« die Rede. Doch das Beispiel demonstriert, dass die Hilfestellung des jeweiligen Mitspielers ein solches Abspiel überhaupt erst ermöglicht.

In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit zeigt die spanische Auswahl, wieso ihre Spielweise für so manchen Kommentator »so leicht aussieht«. Xavi passt kurz zum entgegen kommenden Pedro. Sofort wird dieser von Phillip Lahm und Piotr Trochowski bedrängt. Doch das Zuspiel dient, wie so oft, zum Raumgewinn, entscheidendes passiert im Hintergrund. Linksverteidiger Joan Capdevilla läuft sich frei, Pedro leitet zu ihm weiter. Capdevilla eröffnet sich nun genügend Raum auf dem Flügel, um unbedrängt in den Strafraum flanken zu können.

Gut getimte und positionierte Hilfestellungen finden sich bei den Spaniern in jeder Spielsituation und das obwohl Löws Mannschaft die Räume erfolgreich eng macht. Vom »Ball annehmen und dann weiter schauen« kann aber keine Rede sein. Die spanischen Spieler antizipieren, das heißt sie richten ihre Aufmerksamkeit in jedem Moment an Mitspieler, Gegner und Ball. Wenn sie ein Zuspiel erhalten, wissen sie bereits wie es danach weiter geht. Ihr Kombinationsspiel funktioniert, weil sie ein, zwei weitere Anspielstationen schon im Hinterkopf haben.

Bietet sich einmal keine nahe gelegene Anspielmöglichkeit, probieren es die Spanier mit weiten und hohen Flanken, nicht selten über die gesamte Spielfeldbreite. Meist landen diese bei Außenspielern wie Sergio Ramos oder Andres Iniesta. Beeindruckend ist nicht nur der dadurch rasch entstandene Raumgewinn für den Spielaufbau, sondern auch die Präzision von Ballabgabe und -annahme.

Hilfestellungen waren also die Grundlage der spanischen Spielkontrolle. Dass die halbe Stammformation aus Akteuren des FC Barcelona besteht ist gewiss ein enormer Vorteil, die ballsichere Spielweise muss eben intensiv geübt sein. Vielleicht hat die »Seleccion« gerade deshalb erst gegen Ende der WM wirklich überzeugen können.
ballesterer # 82

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