Taktikcorner: Stürmisches Mittelfeld

cache/images/article_1462_taktik2_140.png WM-BLOG »Die spielen nur mit einem Stürmer? Ganz schön defensiv!« Nicht selten reagiert so das Fußballpublikum, wenn nominell nur ein Stürmer aufgeboten wird. Was beim Catenaccio oder anderen Defensivformationen seine Berechtigung haben mag, traf auf das deutsche 4-5-1 gegen Australien auf keinen Fall zu.
Emanuel Van den Nest | 23.06.2010
Die deutsche Offensive beschränkte sich nämlich keineswegs auf die einzige Spitze Miroslav Klose. Teamchef Joachim Löw ließ vor den beiden »Sechsern«, Schweinsteiger und Khedira, drei seiner Mittelfeldspieler, die einen großen Anteil am Kantersieg Deutschlands hatten, äußerst offensiv agieren.

Lukas Podolski spielte einen weitgehend klassischen Flügelspieler auf Links. Beim 1:0 bewies er seine Schussstärke, zudem war er auch für gute Flanken zu haben. Das 3:0 assistierte der schnelle Kölner nach einem Dribbling durch die Mitte. Für den linken Außenverteidiger Holger Badstuber gab es ab der Mittellinie scheinbar Ausgehverbot, Podolski musste sich daher kaum ums Verteidigen kümmern.

Mesut Özil trat in die Rolle des spielmachenden Freigeists. Im Aufbau holte er sich manchmal in der eigenen Hälfte den Ball, um dann einen zügigen Angriff einzuleiten. Zumeist versuchte er sich im offensiven Zentrum mit sehenswerten Doppel- und Lochpässen, die für Gefahr sorgten. Der kreative Özil war an nahezu allen Angriffen beteiligt, das 4:0 bereitete er vor. Er bestach auch durch tolle Laufwege im Stile eines Stürmers. Einige Male tauchte der Werder-Spieler allein vor Australiens Tor auf, scheiterte jedoch an seinem einzigen Manko dieses Abends, dem Abschluss.

Thomas Müller, als letzter im Bunde, wurde auf der rechten Seite aufgeboten. Zu Beginn schien die Neuentdeckung von Louis van Gaal auf dem Flügel etwas deplatziert. Doch der Bayern-Spieler rückte häufig in Richtung Mitte, wo er für deutlich mehr Druck sorgen konnte. Schließlich bringt er auch bei den Bayern im Zentrum seine Leistungen. Ein Tor legte er vor, eins schoss er nach gutem Haken selbst. Das Spiel auf der rechten Außenseite übernahm Verteidiger Philipp Lahm. Der Kapitän wurde seinem Ruf als bestechender Flügelspieler einmal mehr gerecht. Mit einer Flanke bereitete er das 2:0 von Klose vor. Da Lahm weit nach vorne stieß, sah sich Müller, im Gegensatz zu Podolski und Özil, mit mehr Defensivaufgaben konfrontiert.

Das Phänomen der offensiven Dreierkette im Rücken einer Solo-Spitze ist eine Folge der zunehmenden Anforderungen an die Stürmer den Spielaufbau mitzugestalten. Schnelle, kreative, technisch versierten und torgefährlichen Mittelfeldspieler werden zunehmend den klassischen Strafraumstürmern vorgezogen. Die Deutschen dürften also mehr als nur schlecht getarnte Schwalben (siehe Özil und Cacau) trainiert haben. Die durchaus passablen Australier waren mit dem variablen Angriffsspiel des Gegners völlig überfordert.
ballesterer # 121

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