»The police will come and arrest you«

cache/images/article_1456_04slo_web_140.jpg WM-BLOG Der Dubaier Flughafen ist ein seelenloser Ort mit unfreundlichen Bierpreisen. Zweisprachige Ortstafeln lassen sich dennoch leichter durchsetzen als in Kärnten. Einer Verhaftung im Ellis Park knapp entgangen, zeigen sich hinter den Fahnen eines schicken Johannesburger Bobo-Viertels die südafrikanischen Realitäten.
»Ich möchte mich für die Verspätung von 15 Minuten beim Abflug entschuldigen. Das WM-Fieber grassiert und wir konnten einige Passagiere nicht mitnehmen ihr Gepäck muss noch ausgeladen werden.« Bei der Ansprache des Kapitäns des Flugs nach Johannesburg muss ich zwangsläufig an die slowenischen Fans denken, die eine halbe Stunde zuvor ein bisschen Leben in Gate 227 des Dubaier Flughafens gebracht hatten, und hoffe, dass nicht von ihnen die Rede ist.

Rechtzeitig zu Beginn des Boardings um 3.50 Uhr Ortszeit erreicht die fünfköpfige Gruppe den Schalter, um die schlaftrunkenen Passagiere wachzurütteln. Offenbar haben sie den Stop in der Wüste zu einem ausgiebigen Duty-Free-Shopping genutzt, denn es ist kaum vorstellbar, dass die Bierpreise am Dubaier Flughafen (sieben Euro für ein kleines Heineken) derart stimmungsfördernd wirken: die Fans animieren die Wartenden, ihre Chants mitzusingen und versuchen, ihre Nationalität zu erraten. Ein Großteil der Fluggäste meidet den Blickkontakt. Auch ein slowakischer Fan lächelt nach seiner »Identifizierung« nur verlegen zu Boden. Der Auftritt erreicht seinen Höhepunkt als sie ihr Transparent im Ortstafeldesign enthüllen: »Kärnten/Koroska«.

Die Bankomat-Blockade
Bei der Passkontrolle am Johannesburger Flughafen entdecke ich die nun deutlich stilleren Slowenen wieder und gratuliere ihnen zur nächtlichen Einlage. Die Gruppe aus drei Kärntner und zwei slowenischen Slowenen verspricht, ihr Transpi auch am Nachmittag im Ellis Park beim Spiel gegen die USA zu hissen. An einem Bankomaten des OR Tambo Airports demonstriert eine lange Schlange ankommender Touristen derweil eine Lehrstunde in Sachen übertriebener Ängstlichkeit: kein Mensch weit und breit, doch all die sonst so oft überlesenen Sicherheitstipps werden hier nicht nur penibelst eingehalten, sondern noch um zusätzliche Maßnahmen, wie die Blockade der Zugangswege durch übervolle Gepäckwägen, erweitert.

Vor dem Flughafen kommt mir Kevin, der circa 1,65 Meter große und geschätzte 100-Kilo schwere Fahrer, in der perfekten Ausrüstung für den südafrikanischen Winter entgegen: dicker Wollpullover und Shorts. Unser optimistischer Zeitplan ist schon nach wenigen Metern auf der Stadtautobahn hinfällig: nach einem Unfall stecken wir im Stau und der pensionierte Minenabteilungsleiter findet Zeit, mich in die Tiefen des Witwatersrands und des dortigen Goldabbaus einzuweihen.

Fast perfekter »Yugo Day«
Nachdem ich meine Akkreditierung aus der Soccer City im Südwesten von Johannesburg abgeholt und mein Gepäck in Melville abgeladen habe, schaffe ich es gerade noch rechtzeitig in den zentral gelegenen Ellis Park. Die weitläufigen Zugänge zum Stadion werden von amerikanischen Fans dominiert, Straßenhändler bieten Grillgut jeglicher Art an der Weltverband dürfte da wohl ein Auge zugedrückt haben, schließlich sind die Stände von der Stadtverwaltung lizenziert.

Die Schärfe der FIFA-Sicherheitseinschulungen bekomme ich erst beim Willkommensbier mit dem ballesterer-Kollegen Reinhard in der Cafeteria des Medienzelts zu spüren: Als wir unser Budweiser in der Glasflasche im Freien trinken wollen, warnt uns ein Angestellter mit Vehemenz vor den Konsequenzen: »If you take the bottle outside, the police will come and arrest you, Sir.«

Im Stadion ist das Ortstafelschild der slowenischen Kollegen nicht zu sehen. Besser organisiert scheint ihre Mannschaft, die in der ersten Hälfte Anstalten macht, den »Yugo Day« nach dem 1:0 Serbiens gegen Deutschland perfekt zu machen. Die beiden Treffer werden von den slowenischen Fans nahe der Pressetribüne frenetisch gefeiert auf die Gefühlslage der unmittelbar daneben stehenden Amerikaner nehmen sie keine Rücksicht. Schließlich kommen aber auch die massenhaft anwesenden Amis noch auf ihre Rechnung und dürfen sich nach Schlusspfiff sogar über die unterirdische Leistung von Schiedsrichter Koman Coulibaly und zwei entgangene Punkte ärgern.

Sex-Shops und Rattenlöcher
Zurück in Melville laden unsere Hosts Harald und Camilla zum Abendessen, statt der erwarteten südafrikanischen Spezialitäten wird eine Sauerkrautsuppe mit Faschiertem aufgetischt. Danach geht es zum Match schauen ins Herzen von Melville. Vermittelt der riesige Sex-Shop »Adult World« am Eingang des Ortsteils noch einen windigen Eindruck, scheint das Viertel das Johannesburger Bobo-Paradies zu sein.

 

An der 7th Street steht ein schickes Lokal neben dem anderen: unser Weg ins Szenepub »Ratz« wird von italienischen Cafés ebenso gesäumt wie von mexikanischen und sogar portugiesischen Restaurants. Doch die südafrikanische Sozialstruktur spiegelt sich auch in Melville wider: Im »Ratz« trinken fast ausschließlich Weiße, bedient werden sie von schwarzen Kellnern. Darüber können auch die vielen Fahnen nicht hinwegtäuschen, die das ganze Viertel in ein patriotisches Schwarz-Weiß-Gelb-Grün-Rot-Blau tauchen.

ballesterer # 121

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