Theos Wahrheiten

cache/images/article_1114_jens-weinr_140.jpg Weil ihn der Journalist Jens Weinreich als »Demagogen« bezeichnete, will DFB-Präsident Theo Zwanziger ein Entschuldigung. Dass Gerichte die Sachen anders sehen, hindert ihn nicht daran, Druck auf Weinreich auszuüben. Ein Sittenbild deutscher Sportpolitik.
Dominik Sinnreich | 18.11.2008
In Österreich kennt man das ja: Journalist äußert sich zu Politiker/Funktionär, Politiker/Funktionär ist mit diversen Adjektiven oder Substantiven nicht einverstanden. Und klagt. Und bekommt nicht Recht. Und klagt weiter. So geht das, bis die Geldbörse des Journalisten oder des ganzen Mediums unter dem finanziellen Druck der Verfahrenskosten nachgibt. So weit, so bekannt.

Was gerade in Deutschland passiert, durchbricht dieses bekannte Muster auf abenteuerliche Art und Weise. Es braucht deshalb eine kurze Einführung: Der freie Sportjournalist Jens Weinreich, früher Sportchef der Berliner Zeitung sowie Autor zahlreicher Bücher und Filme über Sportpolitik, bezeichnete DFB-Präsident Theo Zwanziger in einem Kommentar zu einem Beitrag des Fußball-Blogs Direkter Freistoß als »unglaublichen Demagogen«.

Das geschah allerdings nicht aus heiterem Himmel, Weinreich machte durchaus nachvollziehbar, wie er zu diesem Urteil gekommen war. In aller Kürze: Es war darum gegangen, dass Zwanziger gegen eine Kartellamtsentscheidung zur Zukunft der TV-Vermarktungsrechte polemisiert hatte und das Bosman-Urteil also die Sau, die am liebsten durchs Dorf getrieben wird: das Urteil des Europäischen Gerichtshofes von 1995, das Spielertransfers ohne Ablöse nach Ablauf der Vertragsdauer ermöglicht zur Malaise des europäischen Sports hochstilisiert hatte. Weinreich meinte in seinem Kommentar:

»[] Er ist ein unglaublicher Demagoge. Schuld an allen Problemen des Fußballs, des DFB im allgemeinen und der DFL im besonderen ist einzig und allein das Bosman-Urteil das behauptete Zwanziger fast wörtlich mehrfach. Es ist das alte Lied, wenn er sagt: Die Spezifika des Sports hat man in der europäischen Entwicklung schlicht und einfach nicht gesehen und verschlafen. Es ist das Lied derer, die die Kosten vergesellschaften und die Gewinne privatisieren. Derer, die nach Autonomie schreien, wenn es Vergehen von Funktionären zu vertuschen gilt, die aber immer dann nach Sonderregeln und Ausnahmegesetzen schreien, wenn ihr Milliardengeschäft an ganz normalen Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten gemessen wird.« (Nachzulesen hier)

So weit, so eindeutig. Zwanziger wollte eine einstweilige Verfügung erwirken. Und bekam nicht Recht. Und legte Beschwerde ein. Und bekam neuerlich nicht Recht. Nach dem Berliner Landgericht entschied auch das Kammergericht, bei dem der Fall dann automatisch landete, zugunsten von Weinreich, weil es keine Beleidigung, keine Diffamierung, keine Diskreditierung vorliegen sah. Die Grenzen der Meinungsfreiheit wurden nicht überschritten. So sahen das zwei verschiedene Gerichte in drei verschiedenen Urteilen im September und Oktober 2008.

Es ist wichtig, das an diesem Punkt noch einmal zu betonen. Denn man muss sich, diese Geschichte im Hinterkopf, schon die Augen reiben, wenn man die Aussendung des DFB vom 14. November 2008 liest, deren Überschrift lautet: »DFB missbilligt Diffamierung von Dr. Theo Zwanziger«. Wie jetzt? Haben die beim DFB tatsächlich die Gerichtsurteile verpennt? Mitnichten. Der DFB wollte offenbar nach vorne fliehen; seine eigene Medienmacht nutzen, um Fakten zu schaffen. Das ist mehr als eine Prise Orwell, was der DFB da ausschickte. Von »diffamieren« ist da die Rede. Davon, dass »die Grenzen der Meinungsfreiheit« überschritten worden wären. Von »Verunglimpfungen« und »gezielten Angriffen« auf die Integrität Zwanzigers, die journalistisch nicht haltbar wären. Von »Bedingungen«, die Weinreich gestellt worden waren, um den Rechtsstreit zu beenden. Stellt sich nur die Frage, wieso Weinreich darauf hätte eingehen sollen, wo er doch vor Gericht Recht bekommen hatte? Er sieht das dementsprechend anders und schreibt in seinem Blog:

»Wahr ist: [Im] Brief meines Anwalts an den Anwalt des DFB [] wird dargelegt, dass es keinen Grund für eine Entschuldigung gibt, weil ich mich von etwas distanzieren soll, was ich nie gesagt habe, dass wir also der Klagerhebung des DFB gelassen entgegen sehen und überdies den beabsichtigten Klageort Koblenz, wo der DFB-Präsident früher als Richter und Regierungspräsident tätig war, verwundert zur Kenntnis nehmen. Die Drohung des DFB und die Antwort meines Anwalts habe ich am 12. November veröffentlicht.
Wahr ist: Ich habe mich weder entschuldigt noch ein Fehlverhalten eingestanden.
Wahr ist: Zwei Gerichte haben geurteilt, dass es nie ein Fehlverhalten gegeben hat.
Wahr ist, siehe oben: Der DFB verschweigt die Gerichtsbeschlüsse.«

Nachzulesen ist die komplette Posse rund um die DFB-Aussendung hier. Die Sache wäre ja lustig: Zwanziger und der DFB kommen vor Gericht nicht durch, also beenden sie den Rechtsstreit versuchen es mit Definitionsmacht. Kapieren aber nicht, dass das so leicht nicht mehr durchgeht, seit derartige Dinge im Internet recht schnell entlarvt werden können in gut 80 Ein- und Beiträgen in Blogs, Zeitungen und Fanforen wird mittlerweile über die Kampagne des DFB berichtet und diskutiert. Es wäre aber nur dann lustig, wenn wir hier nicht über die Vernichtung journalistischer Reputation und damit der ökonomischen Grundlage eines freischaffenden Journalisten reden würden.

Weinreich sieht sich jetzt, obwohl er weder falsch gehandelt hat, noch verurteilt wurde und sich folgerichtig auch für nichts entschuldigt hat, einer völlig verzerrten Wahrnehmung gegenüber. Für den  Sportpolitikexperten ist die Sache mit der Reputation insofern pikant, als DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach die DFB-Stellungnahme in die Mailboxen diverser Sportfunktionäre, Politiker und natürlich Journalisten/Redaktionen gejagt hat. Die E-Mail endet mit den Worten: »Daher diese Pressemitteilung, die wir Ihnen als PDF-Datei beigefügt haben und die Sie natürlich argumentativ auch verwerten können. Darauf hoffen wir sogar«.

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Rubrik: Aktuell
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