»This is why we came here«

cache/images/article_1883_trap_140.jpg Die Spanier und die Iren haben in Danzig einen mehr als guten Eindruck hinterlassen. Die Einwohner der polnischen Hafenstadt freuten sich über ihre Gäste, die Iren sorgten im Stadion trotz der 0:4-Niederlage für Gänsehaut pur.
Radoslaw Zak | 15.06.2012

Sie wissen, dass gegen Spanien nichts zu holen sein wird. Im Zug von Warschau nach Danzig erwische ich ein Abteil mit fünf Irinnen und Iren aus Dublin. Sie haben die 1:3-Niederlage gegen Kroatien in Posen verfolgt, deswegen haben sie nicht den Hauch einer Hoffnung auf ein Remis. »Für uns ist es wunderbar, dabei zu sein«, erzählt der Student James. »Wir reisen unserem Team nach, sehen ein anderes Land, haben Spaß. « Das letzte Mal waren die Iren 1988 bei einer EM dabei, damals besiegten sie den »Auld Enemy« England mit 1:0. Paul, ein bulliger Mann mit Narben im Gesicht, erzählt davon zwei Polen im Gang hinter der Lokomotive: »Keine Ahnung, was nach dem Spiel in Stuttgart passiert ist.«

Lockere Polizisten
An der WC-Tür gelehnt stehen die drei Männer und rauchen eine Zigarette nach der anderen. Den Zugbediensteten ist es egal, sie kommen ab und zu auf eine vorbei. »Ich weiß nicht, wann ich in Polen so eine lockere Atmosphäre erlebt habe. Normalerweise würden sie die Polizei rufen«, erzählt Marek, einer der beiden Rauchgenossen von Paul. Weil seine Ehefrau mit einer Lungenentzündung zu kämpfen hat, hat der Firmeninhaber kurzerhand seinen Mitarbeiter Patryk mitgenommen. Mareks Englisch ist zwar nicht das beste, aber mit Hilfe von Bier und Zeichensprache verläuft die Verständigung einigermaßen problemlos. In Danzig angekommen, erstrahlen dort die Straßen in grünen Farben. Polizisten weisen den Ankommenden freundlich den Weg in die Innenstadt und zu ihren Bussen und lassen sich bereitwillig mit den alkoholkonsumierenden Gästen fotografieren.

 

Im Bus zum Hotel unterhalten sich zwei ältere Damen über den Ansturm aus fremden Ländern. Vier Tage zuvor, als Spanien gegen Italien spielte, sorgten die Iberer für eine tagelange Fiesta. Jetzt sind etwa 20.000 Iren für den Rhythmus in der ehemaligen Hansestadt verantwortlich. »Die letzten, die uns so zahlreich besucht haben, waren die Deutschen 1939. Aber die hatten nichts Gutes im Sinn«, scherzt eine der beiden Damen. Einige Sitzreihen weiter vorne fleht eine Teenagerin ihre Eltern an, abends länger ausgehen zu dürfen. »Bitte Mami, so etwas wird es hier nie wieder geben«, schluchzt sie in ihr Handy. Die Mutter bleibt hart, der nächste Anruf geht an den Vater. »Ich kriege ihn schon dazu«, lässt das Mädchen ihre Freundin neben sich wissen.

Melancholische Iren
Einige Stunden später geht es mit den Iren ins Stadion. Nachdem uns die Straßenbahn ausgespuckt hat, wird der fünfzehnminütige Fußmarsch zum Stadion mit Singen verbracht. Im Stadion verstummen die Gesänge durch das 1:0 von Fernando Torres in der 4. Minute. Dabei soll es auch lange bleiben, in der zweiten Halbzeit übernehmen die Spanier nach drei weiteren Toren das stimmliche Kommando. Kurz vor Ende der Partie jedoch passiert etwas Wunderbares. Nachdem die Spanier ihr »Eviva Espana« beenden, stimmen die Iren in der 85. Minute »The Fields of Athenry« an, einen Klassiker aus den 1970er-Jahren, der von der irischen Hungersnot in den Jahren von 1846 bis 1849 handelt. Die Spanier und die Polen im Stadion sind entzückt. Selbst nach dem Schlusspfiff wird das Lied fortgesetzt. »This is why we came here«, steht in der SMS, die mir mein Abteilgenosse James aus einem der Fansektoren schreibt. »See you in the pub.«

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