»Türkei 3 Weiß« und andere Farbenlehren

cache/images/article_875_selmer_web_140.gif Kurz vor EM-Start scheinen in Deutschland nicht alle mit dem gebotenen Ernst bei der Sache zu sein. Dabei ist nicht die Rede von deutschen Verteidigern, sondern von Tippspielen.
Nicole Selmer | 03.06.2008
Statt schon Wochen und Monate vorher Excel-Tabellen anzulegen und bis in unwahrscheinlichste Konstellationen ausgetüftelte Auswertungsmodalitäten festzuhalten, hat der Ausrichter meines diesjährigen EM-Tippspiels Protesten von Männern nachgegeben, die Wörter wie Statistikwahn und Zwanghaftigkeit offensichtlich noch nicht einmal buchstabieren können: Die Tippregeln bei früheren Turnieren seien zu schwer gewesen, der Vorteil der Fußballfachleute zu groß, es würden immer nur Frauen gewinnen und überhaupt müssten doch auch ein paar außersportliche Aspekte, z.B. aus Kultur oder Mode, berücksichtigt werden, hieß es, und deswegen gäbe es jetzt andere Regeln.

Statt also, wie es sich gehört, Gruppensieger, -zweite und -dritte, Torverhältnisse und -schützenkönige aufzuführen, lautet mein EM-Tipp 2008 nun schlicht: Türkei 3 Weiß. Türkei, weil man sich immerhin doch auf einen Europameister festlegen musste wobei allerdings auch die Möglichkeiten England und DDR vorgesehen waren. Des Weiteren zu tippen war die Anzahl der von Österreich bis einschließlich im Viertelfinale geschossenen Tore inklusive Verlängerung, Elfmeterschießen sowie aller Eigentore von und zugunsten der österreichischen Mannschaft (ja, 3). Und schließlich die Farbe des Hemdes, das Joachim Löw bei Anpfiff des letzten Gruppenspiels tragen wird. Hier habe ich zugegebenermaßen am längsten überlegt wirklich weiß? Doch hellblau? Vielleicht auch was ganz Ausgefallenes? Rosa? Wie gesagt, ich vermisse den gebotenen Ernst, auch bei mir selbst.

Apropos Farben: Wirklich ernst wird es für die deutschen Autofahrer, die nun schon seit einigen Tagen ihre Fahrzeuge frisch schwarz-rot-gold beflaggt durch die Gegend rollen lassen. Und das obwohl die Nationalsymbole sich gerade als unerwartet widerständig erwiesen haben, windwiderständig allerdings nur. Ausgerechnet der österreichische Automobilclubs machte darauf aufmerksam, dass die flatternden Fähnchen den Spritverbrauch unter Umständen erheblich steigern können.

Ja, da gilt es für Fußball- und Autofans nun, sich zu entscheiden, ob einem die Nation tatsächlich einen halben Liter Benzin auf 100 km wert ist. Wem diese Wahl schwer fällt, der kann immerhin noch hoffen, dass ausgerechnet das eigene Fähnchen vielleicht einem der anti-national gesinnten Grüppchen zum Opfer fällt, die zu WM-Zeiten mancherorts unterwegs waren und den unteren Balken der Fahne einfach abschnitten. So ist sie nämlich nicht nur anarchisch schwarz-rot, sondern auch gleich viel windschnittiger.

Referenzen:

Rubrik: EM Tagebuch
ballesterer # 120

Der nächste Ballesterer

Der nächste ballesterer fm erscheint am 13.04.2017.

Abo bestellen

Leserbrief

an den ballesterer_web_small.png