Underdogs mit Kopfverband

cache/images/article_1421_selmer2_140.jpg WM-BLOG »Ich bin für den Außenseiter« ist ein Satz, mit dem sich sowohl Fußballunkundige als auch Experten in den meisten WM-Runden auf der sicheren Seite wähnen können. Völlig zu Unrecht. Die Liebe zu Außenseitern ist seit Jahren komplett überbewertet. Eine Polemik gegen Nordkorea und andere Underdogs.

Nicole Selmer | 11.06.2010
Mindestens ebenso wichtig wie Siegertipps für die WM, wenn nicht sogar wichtiger, sind die Vorlieben für die Außenseiter und »Exoten«, die das internationale Turnier erst so richtig international machen und zumindest für eine gewisse Zeit den Wettkampf der globalen Konzerne, um den es eigentlich geht, vergessen lassen. Ist es nicht toll, dass auch Länder wie Honduras, Nordkorea oder dingens, wie heißt es noch Neuseeland dabei sind? Viele bunte Einspielfilmchen mit Kiwis, Koalabären, Kokapflanzen züchtenden (oder wächst das nicht in Honduras? Mir egal.) oder kasernierten Kickern warten in den Mediatheken weltweit darauf, bald gesendet zu werden. Sonst würde man vom Fußball in diesen Ländern doch  nie etwas mitbekommen. Das wäre vielleicht mitunter auch besser.


Denn theoretisch kann ich dem auch etwas abgewinnen, aber wirklich nur theoretisch. Praktisch gehen mir Außenseiter total auf die Nerven, ich kann mich an kein Beispiel meiner persönlichen Fußballturnier-Biografie erinnern, wo ich mich über einen Außenseitersieg von Herzen gefreut hätte. Kamerun 1990, Deutschlands liebste »afrikanische Freunde«, von TV-Kommentator Marcel Reif und Rhetorikprof Walter Jens gemeinschaftlich weit über alle Eckfahnentänze hinaus bejubelt sorry, ich fands gut, dass England gewonnen hat. Ganz schlimm auch: tapfere Außenseiter, die wund und blutig geschlagen übers Feld taumeln und allein dadurch die technisch stärkere (und deswegen vermutlich unversehrte) Mannschaft in die Niederlage irritieren. Ich erinnere mich da vage an schottische oder irische Verteidiger mit rot gesprenkelten Kopfverbänden. Neben Tapferkeit gehören auch Laufbereitschaft, Mannschaftsgeist und andere ähnlich gelagerte Tugenden zum Profil der Underdogs. Am allerbesten ist es sogar, wenn sie eigentlich nicht mal Fußballer sind, sondern Schafzüchter, Bauarbeiter oder Soldaten. Das passt, denn mit Fußball hat das oft nicht viel zu tun.


Der griechische Sieg bei der Europameisterschaft 2004? Oh, bitte. Ich war zwei Wochen nach dem Finale noch immer schlechter Laune. Ein gefundenes Fressen für alle Underdogs und ihre Fans war die WM 2002 und gleichzeitig ja wohl eines der schlechtesten Turniere überhaupt. Oder möchte da jemand widersprechen? Ein Viertelfinale mit Südkorea, Senegal und den USA!? Wie man sich über die Siege Südkoreas über Italien und Spanien freuen konnte, bleibt mir schleierhaft. Vom Ausscheiden Argentiniens, Frankreichs und Portugals ganz zu schweigen die natürlich auch selbst schuld sind, wenn sie gegen Außenseiter verlieren. Das immerhin passiert der deutschen Nationalmannschaft nur sehr selten, sie spart sich ihre Niederlagen für Topdog-Teams auf.

ballesterer # 121

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