"Unser Konzept ist nicht aufzuhalten"

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Als die Glazer-Familie 2005 Manchester United übernahm, war das für viele Fans der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Sie gründeten ihren eigenen Klub - nicht um Geld zu verdienen, sondern um Fußball zu spielen und soziale Projekte zu verwirklichen. Geschäftsführer Andy Walsh spricht im Interview über die Geschichte des FC United of Manchester.

Michael Schnöll | 15.11.2013

Welten liegen zwischen ihnen: Manchester United spielt in der Champions League, ist der weltweit vielleicht bekannteste Fußballklub - und hoch verschuldet. Der FC United of Manchester spielt in der siebten englischen Spielklasse, er ist im Besitz seiner Fans und hat gerade mit dem Bau eines eigenen Stadions für 5.000 Zuschauern begonnen. Für die Anhänger des neu gegründeten Vereins ist jedoch klar, wer die wahre United-Seele verkörpert. "Wir bewahren die besten Traditionen des Vereins", sagt Andy Walsh. 2005 war er Vorsitzender der "Independent Manchester United Supporters Association", aus der der FC United entstand. Heute ist er Geschäftsführer des Vereins.

ballesterer: Der FC United of Manchester wurde 2005 nach der Übernahme von Manchester United durch die Glazers gegründet. Wie kam es dazu?

Andy Walsh: Viele Fans waren über die Entwicklung des englischen Fußballs besorgt. Sie sind immer stärker zurückgedrängt worden und werden heute wie Kunden behandelt. Diese Entfremdung zwischen Fans und Verein ist für viele nicht mehr hinnehmbar gewesen. Mit der Übernahme durch die Glazers ist dann endgültig eine Grenze überschritten worden, ihnen ist es nur darum gegangen, so viel Geld wie möglich für sich selbst herauszuschlagen. Wir mussten einfach handeln und deutlich sagen: "Bis hierhin und nicht weiter!"

Wie lief die Gründung ab, und welche Ziele haben Sie damit genau verfolgt?

Wir wollten einen Klub, auf den wir alle stolz sein können. Das erste große Treffen fand im Apollo-Theater in Manchester statt, es sind etwa 2.000 Leute gekommen. Ungefähr die Hälfte davon hat die Idee, einen neuen Verein zu gründen, sofort unterstützt. Als wir den FC United of Manchester dann offiziell gegründet haben, hatten wir sehr schnell 3.000 Zusagen für Spenden erhalten und so über 180.000 Pfund zusammenbekommen.

Wie ist der Verein organisiert?

Der Klub ist demokratisch organisiert, wir sind eine "Community Benefit Society", also eine gemeinnützige Einrichtung. Der Verein ist im Besitz seiner Mitglieder, derzeit haben wir etwa 3.000. Jedes Mitglied hat eine Stimme. Um Mitglied zu werden, füllt man einfach ein Formular aus und bezahlt zwölf Pfund. Die Mitglieder wählen mit ihrer Stimme dann den Vorstand, der aus insgesamt elf Personen besteht und für jeweils zwei Jahre gewählt wird. Der Vorstand beruft die Mitarbeiter, das sind neben mir als Geschäftsführer noch einige hauptamtliche Teil- und Vollzeitmitarbeiter. Aber der Rest der Arbeit wird ehrenamtlich gemacht, wir haben rund 300 Leute, die sich für den Verein engagieren.

Ein Verein im Besitz seiner Mitglieder ist in England nicht üblich, kann die demokratische Struktur auch zu einem Problem werden?

In den Regulativen gibt es für Vereine wie uns genügend Auflagen, mit denen wir uns befassen müssen. Die Entscheidungsträger im englischen Fußball akzeptieren Mitgliedervereine erst langsam, aber es gibt unter den Fans eine immer größere Akzeptanz für dieses Modell. Wir orientieren uns da an Vorbildern in Deutschland und Spanien, wo man schon mehr Erfahrungen damit hat. Wir sehen aber, dass es in England Jahr für Jahr mehr solcher Vereine gibt - das Konzept ist nicht aufzuhalten.

Der FC United sieht sich als "Community Club". Was bedeutet das genau?

In unseren Statuten ist verankert, dass wir zum Nutzen der Gesellschaft handeln. Das ist die Grundlage unseres Vereins. Bevor wir eine Mannschaft auf das Feld schicken, müssen Vorstand und Mitarbeiter dafür sorgen, dass wir dieser Verpflichtung nachkommen. Wir wollen, dass ganz Manchester von unserem Verein profitiert, wir wollen gerade jungen Menschen ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Fußball ist ein gutes Mittel, um einem Gefühl von Entfremdung und Isolation, das viele Jugendliche haben, entgegenzuwirken. Wir wollen mit unserer Arbeit alle Schichten der Gesellschaft ansprechen. Manchester war und ist eine offene Stadt, in der schon immer Menschen unterschiedlicher Herkunft, Religion und Sprache zusammengelebt haben. Das ist eine Tradition, auf die wir sehr stolz sind.

Das klingt, als würden Sie sich vor allem als soziales Projekt sehen?

Zuallererst einmal sind wir ein Fußballverein, das ist ganz klar. Fußball bringt die Menschen zusammen, dieses Potenzial wollen wir für die ganze Stadt nutzen. Deshalb arbeiten wir eben viel mit Jugendlichen und in Schulen, bieten Fußballkurse und Trainerausbildungen an.

Bisher haben Sie Ihre Heimspiele an der Gigg Lane in Bury ausgetragen, nun beginnen Sie aber mit dem Bau eines eigenen Stadions. Welche Bedeutung hat das?

Jeder braucht ein Zuhause. Wir spielen in Bury und sind ihnen auch sehr dankbar für die langjährige Unterstützung. Nun ist es aber an der Zeit für uns, Wurzeln zu schlagen. Wir wollen auch näher an das Stadtzentrum von Manchester ziehen. Und nicht zuletzt geht es darum, dass wir in einem eigenen Stadion keine Miete mehr bezahlen müssen. Dieses Geld können wir dann wieder in Infrastruktur oder unsere sozialen Projekte investieren.

Das Stadion soll 5,5 Millionen Pfund kosten. Wo kommt das Geld her?

Zu einem großen Teil finanzieren wir es selbst. Unsere Mitglieder können Anteile kaufen, das ändert aber nichts an unserer demokratischen Struktur, sondern ermöglicht den Fans nur, den Klub beim Erreichen seiner Ziele zu unterstützen. So haben wir knapp zwei Millionen Pfund zusammengebracht, das war die Grundlage für weitere Förderung, zum Beispiel durch die Stadt Manchester.

Der FC United spielt in der Northern Premier League in der siebten Liga. Ist der Profifußball ein Ziel?

Wir spielen nun schon seit fünf Jahren in dieser Liga, hoffen aber, dass wir am Ende dieser Saison aufsteigen. Unser Ziel ist es, als fangeführter Verein so erfolgreich wie möglich zu sein. Wenn das bedeutet, professionellen Fußball zu spielen, ist das okay, aber das ist nicht unser vorrangiges Ziel.

Würden Sie auf dem Weg dahin Kompromisse eingehen?

Der Verein wird von seinen Mitgliedern geleitet. Die Mitglieder bestimmen die Richtung, in die wir gehen, und können diese auch jederzeit ändern. Darüber zu spekulieren, was die Zukunft bringt, macht keinen Sinn. Wir haben in den letzten acht Jahren bewiesen, dass unsere Mitglieder Probleme diskutieren und angehen und immer nach pragmatischen Lösungen im Sinne des Vereins suchen.

Was sind die bisher größten Herausforderungen gewesen?

Wir haben dieselben Probleme wie viele andere Fußballvereine auch, nämlich sicherzustellen, dass wir Fußball anbieten, den sich unsere Fans leisten können, der ihnen gefällt und der es uns auch noch ermöglicht, uns für die Community zu engagieren. Will man etwa die Ticketpreise niedrig halten, dann muss man schon kreativ sein, um den Verein nicht in den Ruin zu treiben. Die größte Herausforderung ist im Moment aber ganz klar der Bau unseres eigenen Stadions. Wenn wir das schaffen, dann wäre das unser größter Erfolg.

Wie ist das Verhältnis zu Manchester United? Fühlen sich die Fans des FCUM noch als Teil der United-Familie oder als etwas komplett Neues?

Es gibt keine offiziellen Verbindungen zwischen einem Manchester United, das den Glazers gehört, und dem FC United of Manchester. Dazu besteht auch kein Grund. Viele unsere Fans, wahrscheinlich die Mehrheit, bezeichnet sich selbst als ManUnited-Fans. Das ist der Klub, mit dem wir aufgewachsen sind - wir bewahren seine besten Traditionen. Wir wünschen uns, dass Manchester United auch einmal im Besitz seiner Fans sein wird. Der beste Weg dahin ist Erfolg mit dem FC United. Wenn der FC United als kleiner Verein mit seinen paar tausend Fans aufsteigt, ist das ein sehr starkes Signal für alle, die den Fußball anders gestalten wollen. 

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