»Uruguays Konzept ist nicht übertragbar«

cache/images/article_1678_rutte_140.jpg U20-WM Willi Ruttensteiner war Teil der österreichischen Abordnung bei der U20-WM in Kolumbien. Vor seiner Heimreise sprach der Technische Direktor des ÖFB mit dem ballesterer über seine Hochachtung vor dem südamerikanischen Fußball, die Unterschiede zwischen Österreich und Uruguay und die Schwierigkeit, eine Nachwuchs-WM auszutragen.
Robert Florencio | 09.08.2011
Bei unserer ersten Begegnung am Trainingsplatz in Barranquilla vor dem Brasilien-Spiel verwechselte mich Willi Ruttensteiner (48) noch mit einem mitgereisten Fan. Als ich ihm aber nachher am Weg zum Bus von meinem Erlebnis in der Soccer Clinic von Brasiliens Ex-Weltklasseverteidiger Oscar erzählte, wurde er hellhörig. Bereitwillig nahm er sich am Tag des letzten Gruppenspiels Zeit, um über aktuelle Entwicklungen im internationalen Jugendfußball zu sprechen und schließlich sogar etwas einzugestehen, was ihm angeblich selten passiert: Mit einem Journalisten einer Meinung zu sein.

 

ballesterer: Vor dieser WM waren Sie auch bei der U-17 WM in Mexiko erstmals in der Technical-Study-Group der FIFA eingesetzt. Wie funktioniert so eine Studiengruppe?
Willi Ruttensteiner: In Mexiko war ich als einer von nur drei Europäern in der Study-Group. Ich habe insgesamt 15 Spiele dort beobachtet, natürlich beide Semifinale, das Spiel um den dritten Platz und das Finale. Jedes Team wird von jeweils einem Mitglied der Gruppe unter die Lupe genommen. Dabei handelt es sich bei unseren Beobachtungen im Gegensatz zu den statistischen Daten, die von den Analysten von Amisco Pro beobachtet und eingetragen werden, um eine rein qualitative Analyse des Spielgeschehens, wobei insbesondere auf technisch-taktische Aspekte des Spiels, auf das angewendete Spielsystem und seine Effektivität, das Verhalten bei Ballverlust und Balleroberung sowie auch die Fairness im Spiel geachtet und all das in Formularlisten eingetragen wird. Daraus macht die FIFA dann einen Gesamtbericht und eine DVD.

Welche Erkenntnisse haben Sie dort gewonnen und wie sieht der Vergleich mit dieser U20-WM aus?
Es war unglaublich für mich zu sehen, wie rasch die Entwicklung voranschreitet. Es wird bei jedem Turnier schon in diesen jungen Jahren immer professioneller gespielt, die spieltaktische und technische Entwicklung ist neben der immer ausgeprägteren körperlichen Robustheit beindruckend. Obwohl Deutschland nicht Weltmeister geworden ist, haben sie mich am meisten beeindruckt. Das Semifinale gegen Mexiko und das Spiel um Platz drei waren allererste Sahne. Was wir von dem deutschen Konzept lernen können ist die Zielstrebigkeit und Strategie, mit der der Erfolg anvisiert wird. Sie schaffen es wie wohl kein anderes Team weltweit auf den Punkt genau, bei den entscheidenden Spielen die Topleistung abrufen zu können. Die Leistungen bei dieser U20-WM sind bis dato noch eher verhalten, wobei die großen Favoriten wie Gastgeber Kolumbien, Spanien, Argentinien und Brasilien schon einige exzellente Partien auf den Rasen gezaubert haben. Die WM geht aber erst nach der Gruppenphase richtig los, vorher wird offensichtlich wie bei den A-Teams auch schon immer mehr taktiert, um den großen Kalibern im Achtelfinale möglichst aus dem Weg zu gehen. Viele Teams sind aufgrund der späten Anreise auch noch in der Adaptationsphase. Ich glaube, wir werden auch bei dieser WM noch einige dramatische Matches auf hohem spielerischen Niveau sehen.
Wie erklären Sie sich die Stärke des südamerikanischen Fußballs? Wenn man an die letzte WM zurückdenkt, waren vier Vertreter des Kontinents im Viertelfinale. Wieso funktioniert es bei diesen Nationen, auch wenn die Verbandsstrukturen oft operettenhaft wirken, mit einem Geriatriezirkel an der Spitze und Vetternwirtschaft auf der Tagesordnung?
Die Strukturen,  die hier teilweise an der Verbandsspitze herrschen, sind sicherlich historisch tradiert worden und konnten sich bis in die Gegenwart halten. Erfreulicherweise sind wir hier beim ÖFB ganz anders aufgestellt. Es wäre aber auch in allen anderen westeuropäischen Verbänden unmöglich, derartige Strukturen zu fahren. Andererseits ist die operative Ebene davon strikt zu trennen. Es ist ja faszinierend wie in einem Riesenland wie Brasilien mit fast 200 Millionen Einwohnern  fast jedes Talent erkannt und entsprechend gefördert wird. Da stimmt die Nachwuchsarbeit in den Klubs. Ich hatte selbst das Vergnügen einst in einem Seminar mit Ex-Teamchef Carlos Alberto Parreira zu sitzen. Auch wie der brasilianische U20-Trainer Ney Franco nach 20 Minuten Beobachtung unseres Spiels sofort entsprechend richtig reagiert hat, war absolute Weltklasse. Es war auch mein Bestreben, ein brasilianisches Standardlehrbuch aus dem Taktikbereich übersetzen zu lassen. Um ein Beispiel zu geben: Das Konzept der defensiven Diagonale, wie es die Brasilianer anwenden, war bei uns vorher unbekannt.
Nehmen wir als Referenzland das von der Einwohnerzahl halb so große Uruguay. Seit Teamchef Oscar Tabarez dort Generalkoordinator ist, wimmelt es nur so von Erfolgen. Wäre es nicht überlegenswert eine Fact-Finding-Mission in dieses Land zu starten, um zu sehen, ob man hier nicht etwas auf  heimische Verhältnisse adaptieren kann?
Dem A-Teamchef die Verantwortung für alle Auswahlmannschaften zu geben  halte ich für Schwachsinn. Das sollte Aufgabe des Sportdirektors sein, der normalerweise ein längeres Ablaufdatum hat. Das Erfolgskonzept Uruguays ist auf Österreich nicht übertragbar. Die sozialen Strukturen sind sehr verschieden, der bei uns ausgestorbene Straßenfußball spielt dort noch eine wichtige Rolle. Reise in die Region habe ich noch keine unternommen. Man trifft sich aber bei internationalen Tagungen mit den jeweiligen Sportdirektoren zum Erfahrungsaustausch. Ich muss aber ehrlich sagen, das Trainingskonzept das beispielsweise einmal ein argentinischer Coach referiert hat, konnte mich nicht überzeugen. Da wage ich zu behaupten, dass wir sportwissenschaftlich wesentlich weiter sind. Man ist dort eben mit einer hohen Zahl an  Talenten und Kreativspielern gesegnet. So etwas ist meiner Meinung nach auch durch bestes Training und Betreuung nicht erlernbar, sondern wird einem in die Wiege gelegt.
Die FIFA kommuniziert in sechs Sprachen. Bei der letzten WM kamen fünf der acht Viertelfinalisten aus Ländern, wo weder Deutsch noch Englisch eine Rolle spielen. Die österreichischen Akteure, egal ob auf Trainer-, Funktionärs- oder Medienebene sprechen aber zu geschätzten 90 Prozent nur diese beiden Sprachen. Ist es ein Handicap, dass hierzulande so wenig Spanisch, die aktuelle Fußballsprache Nummer eins, gesprochen wird?
Das glaube ich nicht. Es wäre zwar schön, wenn ich Spanisch sprechen könnte, aber wir haben damit eigentlich kein Problem. Wenn wir zu Fachtagungen nach Spanien fahren, haben wir unseren eigenen Dolmetsch mit, der uns alles simultan übersetzt. Die Literaturanalyse ist natürlich auch sehr wichtig. Dazu wenden wir uns an einen Übersetzungsfachverlag in London. Wir sind also Bestens informiert, was im spanischsprachigen Raum passiert.
Wäre es nicht wünschenswert, bei der FIFA mehr in Erscheinung zu treten, beispielsweise durch die Ausrichtung einer U17- oder U20-WM? Zusatzeffekt wäre den Schmalkost  gewohnten österreichischen Fans Weltklasseteams wie Argentinien und Brasilien zu zeigen.
Es passiert selten, dass ich einem Journalisten Recht gebe, aber in diesem Fall bin ich auf ihrer Seite. Ich wollte auch die Durchführung eines solchen Turniers, konnte mich aber leider bei den entscheidenden Gremien nicht durchsetzen. Die Auflagen der FIFA für solche Nachwuchsturniere werden immer höher und sind für ein kleines Land wegen wirtschaftlicher und juristischer Aspekte nicht zu meistern. Daher wurde beschlossen, sich lieber um die Ausrichtung der U21-EM-Endrunde 2015, wo es nur acht Teilnehmer gibt, zu bewerben. Was die FIFA betrifft, wäre ein Mitglied im Exekutivkomitee sicherlich wünschenswert, aber durch die geographische Nähe zur Schweiz und die Kontakte, die Präsident Leo Windtner und Generalsekretär Gigi Ludwig zu wichtigen FIFA-Leuten aufgebaut haben, sind wir recht gut vernetzt.

Kommen wir zum Abschluss zu den österreichischen Fußballbeziehungen zu Lateinamerika. Obwohl wir im Zeitalter der Globalisierung leben, gibt es heute de facto keine nennenswerten Kontakte. Wenn man an den ÖFB-Chronisten Leo Schidrowitz, der jahrelang in Brasilien im Exil war, an Spieler wie Rudi Strittich, der in Kolumbien bei Santa Marta gespielt hat, und den unvergesslichen Helmut Senekowitsch, der in Mexiko Trainer war, sowie die zahlreichen Tourneen österreichischer Vereine zurückdenkt, gibt es heute nichts Vergleichbares. Eurozentrismus als Paradoxon in der globalen Fußballwelt?
Mit den Tourneen hat es sich aufhören müssen, weil das Zeitfenster im Winter immer kürzer geworden ist. Hauptgrund ist aber sicherlich das Entstehen der Fußballinfrastruktur an der türkischen Riviera, die für die heimischen Klubs einfach konkurrenzlose günstige Offerte zu ausgezeichneten Bedingungen  anbietet. Was die Nationalmannschaft betrifft, haben wir einfach auch keine Zeit für eine solche Fernreise. Außerdem kann ich mir kaum vorstellen, dass die Vereine der Legionäre ihre Spieler für eine Südamerikareise des ÖFB abstellen würden. Und für eine Einladung zu einem Freundschaftsspiel der Argentinier oder Brasilianer sind sehr hohe Startgelder zu zahlen. Ich sehe aber durchwegs eine gute Chance für unser A-Team, bei der WM-Quali für Brasilien 2014 ins Play-Off zu kommen, wo dann ja alles möglich ist.

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Rubrik: Aktuell
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