¡Vaya Semanitas! Der Anscheißometer

cache/images/article_1354_cagometro_140.jpg Real Madrid und der FC Barcelona gehen in der Primera División langsam in den Infight, ihre Haus- und Hofmedien waten bereits knietief im Dreck. Als Messinstrument dient ihnen das »cagometro«, an dem sich die Nervosität des jeweiligen Konkurrenten ablesen lässt.
Hannes Gaisberger | 17.02.2010
Zunächst eine Entschuldigung für den vulgären Titel. Das blumige Vokabular der spanischen Journalisten schießt mitunter arg ins Kraut. Im konkreten Fall sah sich der Stellvertretende Chefredakteur von AS, Tomás Guasch, in der Saison 2006/07 genötigt, für einen Zustand, der mit dem vorhandenen Sprachmaterial nicht hinreichend ausgedrückt werden konnte, kurzerhand ein Wort zu erfinden: »cagometro« der Anscheißometer. Auf jenem konnte man angeblich die abführende Angst des FC Barcelona vor der Real-Dampfwalze unter Kommando Fabio Capellos ablesen. Diese jagte schnörkellos von Sieg zu Sieg und damit (laut AS) Rijkaards Blaugranas gehörig Angst ein. Tatsächlich wurde Real mit einem furiosen Finish bei Punktegleichstand Meister. Das »cagometro« bestand seine erste Prüfung.

 

Medialer Hochdruck
Der in Barcelona geborene Guasch hat sein Handwerk beim Barca-Organ Mundo Deportivo gelernt, ist bekennender Espanyol-Fan und nimmt seine Antipathie für den großen Stadtrivalen auch gerne an seinen Arbeitsplatz mit. Mit AS und Marca auf der einen (Real-)Seite und Sport und Mundo Deportivo auf der anderen (Barça) sind die Fronten in der spanischen Medienwelt klar abgesteckt. Und harte Töne ist man gewohnt, wenn die zwei Großen den Titel wie üblich unter sich ausspielen und die Redaktionen in Madrid und Barcelona sekundieren. Dennoch ist heuer etwas anders. In dem Jahr nach der perfekten Saison des FC Barcelona und dem ultimativen Shopping bei den Königlichen. Es scheint fast so, als habe Florentino Pérez im Sommer zu seinen Einkäufen noch ein »cagometro« gratis miterstanden. Und wer darf den Zählerstand kontrollieren? Natürlich die armen Journalisten!

Sie haben es auch nicht anders verdient. Sehnsüchtig haben sie Pérez herbeigeschrieben und nach gelungener Kampagne hoffnungsfroh der Transfercoups geharrt. Acht Spieler wurden geholt, 14 geschasst und was hat sich geändert? Vorerst wenig. Real spielt wie jedes Jahr soliden, effizienten Fußball, ohne zu glänzen, ohne galaktischen Touch. Noch sind die zwei großen Titel möglich, und im Grunde sind sie auch nötig. Denn wenn Real heuer nichts gewinnt, wird sich die mediale Rückendeckung für Trainer Manuel Pellegrini, Manager Jorge Valdano und letzten Endes auch Präsident Pérez recht bald in Attacken von hinten verwandeln.

In Katalonien hat man ganz andere Probleme. Was kommt nach den sechs Titeln 2008/09? Die perfekte Saison ist nach dem Cup-Aus gegen den FC Sevilla, bei dem sich Guardiola mit Extremrotation im Hinspiel ordentlich verzockt hatte, bereits verspielt. Jetzt heißt es, sich auf Champions League und Liga zu konzentrieren und, wenn möglich, jedes Spiel zu gewinnen. Denn der Erzkonkurrent Real lauert mit knappem Abstand und leistet sich ebenfalls keine Ausrutscher. Nervosität? Schlägt das »cagometro« aus? Und wenn ja, bei wem?

 

Kabinentheater und Verschwörungstheorien
Den ersten Presse-Notstand musste Real Madrid für sich verbuchen. Nachdem man in Hin- und Rückspiel der Copa del Rey den Drittligisten Alcorcón aus der eigenen Vorstadt nicht bezwingen konnte, soll es in der Real-Kabine recht zünftig zugegangen sein. Manager Valdano kam persönlich zum Pausentee, Diva Guti empfahl Trainer Pellegrini irgendwas mit stecken oder lecken und durfte sich dann gleich brausen gehen. Guti, eine der raren Eigenbauikonen Reals, hat seit jeher eine spezielle Beziehung zur schreibenden Zunft. Sein Privatleben ist Fixthema in den Tratschmedien, seine mittlerweile in die Brüche gegangene Ehe mit Musik-TV-Starlet Arancha de Benito und nächtliche Streifzüge werden genüßlich unter die Lupe genommen.

Seit der Schlappe von Alcorcón hat Real bis auf den Clásico gegen Barcelona nicht mehr verloren. Da der ewige Konkurrent bis vor kurzem jedoch auch keine Punkte liegen ließ, blieb es beim Abstand von fünf Zählern. Als Cristiano Ronaldo gegen Malaga zwei Tore erzielte und wegen eines Ellbogenstübers, der unglücklicherweise Gegenspieler Mtiliga die Nasenscheidenwand demolierte, Rot und eine Sperre von zwei Spielen ausfasste, holten die Madrider Medien ein altbewährtes Mittel aus der Rumpelkammer: die Schiedsrichterverschwörung. Historisch gesehen eher ein katalanisches Instrument mit anti-zentralistischem (früher anti-franquistischem) Touch, wird es in den letzten Jahren recht selbstverständlich von der Presse des jeweiligen Tabellenzweiten angewandt. Schnell hatte man Bilder von einem angeblich ähnlichen Foul Messis parat, für das dieser nicht verwarnt wurde. Ein paar strittige Abseits- und Penalty-Entscheidungen finden sich natürlich auch, und zum Garnieren der Indizien noch eine Wortschöpfung: »Villarato« das Villar-Regime. Der Präsident des wahrlich nicht für übertriebenen Katalanismus verdächtigen Fußballverbandes RFEF soll seit Jahren ein Schiedsrichterkomplott gegen Real Madrid koordinieren. Erhöhte Aktivität am Real-»cagometro«?

Am 20. Spieltag siegte der FC Barcelona durch ein Tor von Pedro Rodriguez in Gijón und Real Madrid 3:1 in La Coruña. Jede Zeitung brachte eine eigene Fotomontage, die den unmöglichen endgültigen Beweis, ob »Pedrito« im Abseits stand oder nicht, erbringen sollte. Am 21. Spieltag gewannen abermals beide Teams, doch die allerorts diskutierte »Villarato«-Kampagne zeigte scheinbar erste Wirkungen: die Barça-Verteidiger Marquez und Pique wurden ausgeschlossen und Gegner Getafe erhielt kurz vor Schluß einen Strafstoß zugesprochen. Tatsächlich waren es harte, aber vertretbare Entscheidungen. Weit mehr schmerzte den FC Barcelona, dass vor dem schweren Auswärtsspiel gegen Atlético Madrid etliche Defensivkräfte verletzt ausschieden und eine improvisierte Abwehr im Vicente Calderón auflaufen musste. Prompt setzte es eine 1:2-Niederlage und Real Madrid ist plötzlich auf zwei Punkten dran. Jetzt fällt auch noch Mittelfeld-Schaltzentrale Xavi kurz vor dem Champions-League-Achtelfinale aus. Zuckt der Zeiger am Barça-»cagometro«?

Jeder hat so seine Schwächen. Bei Real ist es das Champions League Achtelfinale. Seit 2004 ist man nicht mehr weiter gekommen. 2002 konnte der prestigeträchtigste Titel zuletzt gewonnen werden. Damals war ein gewisser Florentino Pérez Präsident, mit dessen Rückkehr man in Madrid ganz klar das Versprechen auf große Erfolge verknüpft. Nach dem 0:1 in Lyon droht erneut das frühe Aus. Es wäre ein herber Rückschlag für Pérez, in dessen Marketingstrategien Real von Highlight zu Highlight jagen muss, damit Merchandise und Medien Geld in die Kassen spülen. Dass »nur« ein Meistertitel den hohen Ansprüchen Reals nicht genügt, mussten schon Fabio Capello und Bernd Schuster feststellen. Bewegung am Real-»cagometro«?

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Rubrik: Aktuell
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