¡Vaya Semanitas! Die digitale Armada

cache/images/article_1370_vaya_espbl_140.jpg Verschwörungstheorien, Medienkritik und Nostalgie Fußball-Blogs decken ein breites Spektrum ab und dienen so manchem journalistischem Jungspund als Karrieresprungbrett. Ein Streifzug durch die lebhafte spanische Blogger-Szene anlässlich des ballesterer-Schwerpunkts zu Fanmedien mit Günther Neukirchner, Raúl-Bashing und einem Blick ins Notizbuch von Van Gaal.
Hannes Gaisberger | 09.03.2010
»Vujadin es Vujadin (y fútbol ne es fútbol)« auf augenschonendem, beigem Hintergrund seziert der 23-jährige Real-Madrid-Fan Luisi die Taktik aktueller und historischer Partien und Mannschaften. Grafiken mit den optimalen Laufwegen der Real-Spieler wechseln sich ab mit Fehleranalysen des Spieltags. Hätten sie doch auf Luisi gehört! Da macht es doch mehr Spaß, seine Einträge über die taktische Evolution des Fußballs zu lesen. »Sistema Piramidal«, »Sistema WM«, »Los Mágicos Magyares« und als österreichischen Beitrag Karl Rappans »Sistema Cerrojo«. Allerdings muss sich Rappan bei Luisi die Urheberschaft des Riegels mit dem Argentinier Alejandro Scopelli teilen. Der für spanische Gefilde seltsame Name des Blogs dürfte eine Hommage an den Taktikfuchs Vujadin Bokov sein, der in den 1970er und 80er Jahren Zaragoza, Real Madrid und Sporting Gijón trainierte.

Meterware vs. pasión
Leider sind nicht alle Fan-Blogs so spannend. Es dominieren Spieltagsanalysen zum Lieblingsverein, Transfergerüchte und Geschwätz mit minimalem Erkenntnisgewinn. Fast die Hälfte der in Blog-Rolls oder Linksammlungen angezeigten Weblogs sind tot oder wurden vor Jahren das letzte Mal aktualisiert ein signifikantes Zeichen dafür, dass viele User dieses medialen Phänomens der Nullerjahre sich in Richtung sozialer Netzwerke verabschiedet haben.

Lobenswerte Ausnahmen wie »Una pasión llamada fútbol« befassen sich jeweils mit spezifischen Themen. »Eine Leidenschaft namens Fußball« wird von McAlv, einem 20-Jährigen aus Sevilla, betrieben und bringt Spielerporträts von aufstrebenden Talenten aus aller Welt. Wer kennt schon die Stärken und Schwächen von Marek Suchý, Vladimir Koman Jr. und Emmanuel Mbola? Im Wochentakt rückt McAlv die Starlets ins Rampenlicht, die schon im nächsten Transferfenster auf den Wunschzetteln der Sportdirektoren auftauchen.

Das kann den Protagonisten von »Escribiendo Fútbol« nicht passieren. Der Blog ist jenen unbekannten Helden gewidmet, die im Schatten der Stars die Fußballhistorie mitgeschrieben haben. Die Portraits werden oft mit dem Panini-Konterfei der Kicker eingeleitet, zu vielen Spielern gibt es Youtube-Links. So auch zu einem der zwei präsentierten Österreicher, Günther Neukirchner. Dessen legendäres Premiere-Interview wird sogar transkribiert, abschließend bedauert der Blogger noch, dass es heutzutage immer weniger Spieler vom Schlage Neukirchners gibt. Neben dem Sturm-Verteidiger und Martin Amerhauser lachen einem auf »Escribiendo Fútbol« zahlreiche Recken der 80er und 90er Jahre entgegen. Nostalgie pur. Weniger für die vier Verfasser zwei Spanier, einen Kolumbianer und einen Argentinier. Sie schwelgen nicht in Erinnerungen an diese Zeiten, weil sie kaum welche haben: der Jüngste von ihnen ist gerade einmal 14 Jahre alt.  

Die Doogie-Howser-Armada

Das Team von »Escribiendo Fútbol« ist in dreifacher Hinsicht aufschlussreich bezüglich Tendenzen der spanischen Blogosphäre. Erstens zeigt es, wie die spanischsprachige Welt im Cyberspace zusammenwächst (sehr empfehlenswert: »Vale Chumbar«). Zweitens haben sich hier, wie vielerorts, anfangs auf eigene Faust publizierende Blogger zusammengefunden, um gemeinsam ein attraktiveres Angebot liefern zu können. Und zu guter Letzt ist auch der Altersschnitt (um und unter 20) durchaus repräsentativ für eine Vielzahl von Bloggern. Die jugendliche Leidenschaft für den Rasensport mag ein Grund dafür sein, die Erfahrung zeigt aber, dass ein guter Blog auch die beste Visitenkarte für angehende Journalisten darstellt.

Ob »Mi Rondo«, »Planeta Axel«, »Diarios de Fútbol« oder »La Libretta de Van Gaal«: fast alle wirklich informativen Seiten werden von angehenden Journalisten betrieben, und den Besseren von ihnen hat es auch schon Jobs verschafft. Ein besonders umtriebiges Exemplar ist Miguel Gutiérrez, der gleich bei mehreren Projekten seine Finger im Spiel hat. Neben seiner Mitarbeit bei »Diarios de Fútbol« und dem Sport-Portal »sportyou.es« ist er vor allem als Macher von »La Libretta de Van Gaal« bekannt geworden. »Das Notizbuch von Van Gaal« widmet sich der Kritik der Sportmedien, ähnlich den hierzulande recht bekannten Bild- und Österreich-Blogs. Es lohnt sich, zwischen den Zeilen zu lesen, wenn z.B. Marca über das Ableben des 88-jährigen José Eulogio Aranguren, Real-Madrid-Mitglied mit Ausweisnummer 1,  berichtet. Als er von dieser Welt geschieden ist, lag laut Marca eine Ausgabe von Marca auf seinem Nachtkästchen. Trotz seines hohen Alters sei er geistig noch voll da gewesen, so soll er am Sterbebett Florentino Pérez dafür gedankt haben, dass dieser Real die Hoffnung zurückgebracht habe und Ramón Calderón den Club verlassen musste. Voll auf Blattlinie also. Fragt sich nur: Starb hier Don Eulogio oder ein Marca-Redakteur?
 
In einem Podcast-Interview spricht »Libretta de Van Gaal«-Macher Gutiérrez recht offen über seine diversen Aktivitäten und welche positiven Auswirkungen auf seine Karriere der Erfolg seines Blogs mit sich brachte. Die letzten Jobs hat er demnach nicht aufgrund seines Lebenslaufs und seiner Berufserfahrungen erhalten, sondern weil man seinen Blog kannte. Die großen Zeitungen, Radio- und Fernsehsender greifen vermehrt auf den gewaltigen Autorenpool aus dem Internet zurück. Natürlich werden da und dort die Kolumnen gestandener Journalisten nun einfach Blog genannt, doch mindestens einen populären Blogger leistet man sich auf jeden Fall.

Die irrwitzigen Abenteuer des Captain Baúl
Für einen Job bei Marca haben sich die Macher von »Captain Baúl« eindeutig disqualifiziert. Raúl-Bashing im Photoshop-Comic-Stil auf stark schwankendem Niveau mag nicht den Geschmack der Mehrheit treffen, repräsentiert aber hervorragend die anarchische Ader des Web 2.0. Baúl ist alles zuzutrauen. Er lässt den Real-Kapitän den »Ronaldo-Verhexer« engagieren, ihn von Außerirdischen mit Ikea-Ersatzteilen neu zusammenbauen und ständig verzweifelt mit dem Karriereende kämpfen. Teilweise absurd, teilweise infantil, immer unterhaltsam. Gut, dass es solche Blogs gibt die angebotenen T-Shirts muss man sich ja nicht bestellen.


Referenzen:

Rubrik: Aktuell
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